Berlin

Booster-Impfungen für alle? Was wir von Israel lernen sollten

Tobias Schmidt
|
Von Tobias Schmidt
| 03.11.2021 16:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bekommt eine Auffruischungsimpfung gegen das Corona-Virus. Foto: Jan Pauls / dpa
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bekommt eine Auffruischungsimpfung gegen das Corona-Virus. Foto: Jan Pauls / dpa
Artikel teilen:

Drittimpfungen haben in Israel die Corona-Welle gebrochen. Jetzt wird in Deutschland gestritten: Müssen auch hier möglichste alle schnellstmöglich „geboostert“ werden? Fragen und Antworten zu dem komplizierten Thema:

Was haben die Israelis gemacht?

Weil trotz einer Impfquote von 55 Prozent der Gesamtbevölkerung die Zahlen Anfang Juli wieder hochgingen, startete das Gesundheitsministerium schon am 13 Juli Drittimpfungen von Risikopersonen, deren Zweitimpfung fünf Monate zurücklag. Grund waren Beobachtungen, dass die Wirkung innerhalb dieses Zeitraums besonders bei Immungeschwächten substanziell abnimmt, und dass auch die mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna gegen die Delta-Variante nicht ganz so gut schützen wie gegen den Ursprungstyp des Virus.

Schritt für Schritt wurde das Boostern auf alle Gruppen ausgeweitet, schon seit dem 30. August werden in Israel alle Menschen ab zwölf Jahren drittgeimpft, wenn die letzte Impfung mindestens fünf Monate zurückliegt. Da Israel auch mit den Erstimpfungen deutlich früher dran war als Deutschland, betraf dies ab August schon den Großteil der Bevölkerung. Und das Boostern ging extrem schnell: Die Hälfte der Über-60-Jährigen hatte schon zwei Wochen nach dem Start ihre dritte Dosis erhalten. Inzwischen sind zwei von drei Geimpften „geboostert“.

Was hat das gebracht?

Die Wirkung war „beeindruckend“, fasst die Modelliererin und Kanzleramtsberaterin Viola Priesemann zusammen. Im Fachmagazin Lancet wurde vor wenigen Tagen eine umfassende Studie veröffentlicht. Demnach erhöhte sich bei Drittgeimpften die Chance, nicht im Krankenhaus zu landen, um 93 Prozent gegenüber den Zweitgeimpften! 

Konkret wurden zwei Gruppen mit jeweils 728 321 Personen verglichen. Von den „nur“ Zweitgeimpften mussten 231 stationär behandelt werden, von den Drittgeimpften lediglich 29. In der ersten Gruppe gab es 44 Todesfälle, in der zweiten 7, wohlgemerkt von 728 321 Personen.

Die Drittimpfungen senkten aber nicht nur die Zahl der ernsthaft an Covid-19-Erkrankten massiv. Sie hatten auch entscheidenden Anteil daran, die Ausbreitung des Virus insgesamt zu bremsen. Jeweils kurze Zeit nach dem Start der Booster-Kampagne in den verschiedenen Altersgruppen sank die Zahl der Neuansteckungen erheblich. „Israel hat sich aus der Welle rausgeboostert“, sagt Leif Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoff-Forschung der Berliner Charité. Nach seiner Analyse ist der Schutz vor Ansteckung nach dem dritten Pieks 20 Mal höher als nach dem zweiten.

Und bei uns?

In Deutschland ist ein grotesker Streit entbrannt. Denn schon seit dem Sommer sind Drittimpfungen in der EU zugelassen und schon Anfang August beschlossen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und seine Länderkollegen, allen Heimbewohnern und wenig später auch allen Über-60-Jährigen und den besonders früh geimpften Pflegekräften eine Drittimpfung anzubieten. Doch passiert ist seitdem fast nichts. Gerade mal zwei Millionen von 30 Millionen potenziellen Drittimpflingen haben drei Monate nach dem Ministerbeschluss eine Auffrischimpfung erhalten.

Eine Bremse ist die Ständige Impfkommission (Stiko). Denn sie empfiehlt bisher lediglich das Boostern für Über-70-Jährige und für jüngere Menschen nur bei bestimmten Vorerkrankungen oder Immunschwäche. Stiko-Chef Thomas Mertens hat eine neue Empfehlung in „wenigen Wochen“ angekündigt, er will weitere Daten auswerten, weil noch nicht wissenschaftlich geklärt sei, ob gesunde Unter-70-Jährige die Drittimpfung wirklich nötig hätten.

Das Zögern bringt Spahn inzwischen auf die Palme. Wenn alle Länder erst nach umfangreichen Studien aus anderen Ländern entscheiden würden, dann gäbe es gar keine Daten, beklagt er am Mittwoch. Schon bei den Impfungen von Kindern ab zwölf Jahren habe die Stiko mit ihrer Empfehlung lange gewartet. „Gott sei Dank“ sei ein Viertel der Ab-12-Jährigen da längst geimpft gewesen.

Spahn streitet aber nicht nur mit der Stiko. Auch Teile der Ärzteschaft sind stinksauer auf den Minister, weil der,  trotz fehlender Empfehlung, seit Tagen offensiv für das „Boostern für alle“ wirbt. Nun würden die Praxen überrannt, doch fehle den Ärzten die wissenschaftliche Grundlage, klagte am Dienstag Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Spahn habe „einen künstlichen Bedarf“ bei den Unter-70-Jährigen erzeugt, was die Ärzte ins Chaos stürze.

Was ist mit den Pflegeheimbewohnern und Über-70-Jährigen?

Noch viel gravierender ist, dass auch bei den offensichtlich Bedürftigen bislang kaum geboostert wurde: In Pflegeheimen und anderen Einrichtungen mit vulnerablen Gruppen. Einige Länder, etwa Hamburg, haben früh mobile Impfteams dorthin geschickt, aber längst nicht alle. 

Zuständig wäre dafür eigentlich der Hausärzteverband, der schon sehr früh auf die Schließung der Impfzentren gedrungen hatte, weil die Hausärzte angeblich viel schneller impfen könnten. Doch haben die es weder geschafft, in allen Heimen zu impfen, noch allen Über-70-Jährigen eine Drittimpfung zu verabreichen, die dafür in die Praxen kommen würden. 150.000 Drittimpfungen gibt es derzeit täglich, bei 15 Millionen Menschen, für das schon jetzt in Frage kommt.

Und so schieben sich Spahn, Stiko, Länder und Ärzteschaft gegenseitig den Schwarzen Peter dafür zu, dass für viel zu viele Menschen die Drittimpfungen viel zu spät kommen.

Wie geht es jetzt weiter?

Ein Krisentreffen von Spahn und Ärzteverbänden an diesem Donnerstag soll endlich für mehr Tempo sorgen. Spahn machte am Mittwoch aus seinem Frust keinen Hehl: „Es muss schon seit Anfang August schnell gehen“, sagt er. „Es muss eigentlich schon seit Wochen schnell gehen“, schob er gleich nochmal hinterher. Und er finde es „etwas verwirrend“, wenn Ärzte in ihren Praxen nicht einfach alle drittimpfen, die das wollen, auch wenn die Zweitimpfung erst fünf Monate und 18 Tage zurückliege und nicht exakt sechs Monate. „Zu viele Impfwillige finden keinen Arzt.“

Manche in der Ärzteschaft ärgern sich extrem über Spahns Booster-Turbo, der immer mehr Verwirrung stifte. Warum Drittimpfungen für gesunde Unter-70-Jährige, für die eine Infektion nach einer Zweifach-Impfung doch gar nicht schlimm sei, fragt etwa Allgemeinmediziner-Präsident Scherer.

Er lässt dabei außer Acht, dass das Boostern nicht nur Einzelne besser schützen kann, sondern die Virus-Verbreitung insgesamt bremst. „Die Übertragung, das ist schon länger bekannt, reduziert sich deutlich durch Auffrischimpfungen“, sagte Modelliererin Priesemann im Gespräch mit unserer Redaktion, und verweist auf die  Ergebnisse in Israel.

Kann auch bei uns das Boostern die vierte Welle rasch brechen?

Eher nicht. Und das liegt am fatalen Impfstoffmangel in der ersten Jahreshälfte. Zum 1. Juni hatten hierzulande erst 15,8 Millionen Menschen ihre Doppelimpfung. Da erst nach sechs Monaten drittgeimpft werden soll, käme der Großteil der Impfbereiten also erst nach dem 1. Dezember an die Reihe. 

Um - wie in Israel - auf eine Zweidrittel-Booster-Quote unter allen Geimpften zu kommen, würde es unter Einhaltung der 6-Monats-Pause bis Mitte Januar dauern. 

Schnellere Abhilfe würde es nur bringen, wenn sich von den 16,2 Millionen noch gar nicht geimpften Menschen ab zwölf Jahren doch noch viele durchringen könnten, sich rasch immunisieren zu lassen. Aber auch dabei geht es schon seit September praktisch nicht mehr voran.

Ähnliche Artikel