Berlin
Maulwurf und Steuerschulden: Neue Erkenntnisse im Fall Attila Hildmann
Einst gefeierter veganer Kochbuch-Autor, dann einer der größten Corona-Leugner des Landes. Wie Recherchen ergeben, soll ein Maulwurf aus der Berliner Justiz Attila Hildmann vor einem Haftbefahl gewarnt haben.
Der Kochbuch-Autor Attila Hildmann entpuppte sich während der Corona-Pandemie zum Verschwörungstheoretiker. Im Netz verbreitete er sowohl Falschinformationen als auch rechte Parolen. Gegen ihn laufen Strafverfahren, unter anderem wegen Volksverhetzung. Nun wurde bekannt, dass es in den Ermittlungen einen Maulwurf gegeben haben soll, wie Recherchen des ARD-Magazins „Kontraste“ ergaben.
Haftbefahl erhoben im Februar 2021
Mitte Februar 2021 erhob die Berliner Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen Hildmann. In der Anklageschrift wird der 40-Jährigen beschuldigt der Volksverhetzung, des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte, der Beleidigung, der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten und des verfassungsfeindlichen Einwirkens auf Bundeswehr und Sicherheitsorgane.
Von dem Haftbefehl soll Hildmann frühzeitig erfahren haben. Auf Telegram schrieb er, dass „wegen des Aussprechens der Wahrheit“ ein Haftbefehl gegen ihn vorliege. Diese Information hätte er aus sicherer Quelle. Zum Zeitpunkt des Posts hätten nur wenige in der Berliner Justiz über den Haftbefahl Bescheid gewusst. Aus Hildmanns E-Mails ergibt sich laut den ARD-Recherchen, dass ein Maulwurf ihm den gesamten Haftbefahl abfotografiert habe.
Video: Maulwurf und Steuerschulden: Vorwürfe gegen Attila Hildmann
Maulwurf in der Berliner Generalstaatsanwaltschaft
Bei dem Maulwurf in der Berliner Justiz handele es sich nach dem jetzigen Ermittlungsstand um die IT-Administratorin der Berliner Generalstaatsanwaltschaft Efstathia M. Sie sei ebenfalls Corona-Leugnerin. Fotos zeigen die Beschuldigte auf „Querdenker“-Demonstrationen.
Wie Recherchen von „Spiegel“ und „Spiegel TV“ ergaben, habe die Berliner Generalstaatsanwaltschaft die Frau im Mai fristlos entlassen. Gegen sie gebe es einen Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Verrats von Dienstgeheimnissen und versuchter Strafvereitelung. Die Generalstaatsanwaltschaft fand laut dem Bericht heraus, dass die damalige Mitarbeiterin „unberechtigte Abfragen zu verschiedenen Personen der rechtsextremen und der 'Querdenker'-Szene“ durchführte.
Im Juli stellten Ermittler außerdem fest, dass mit den Zugangscodes von Frau M. auf die Akten von Hildmann zugegriffen worden sei. „Es besteht nach derzeitigem Stand der Ermittlungen der Verdacht, dass die Beschuldigte nicht nur Daten unbefugt abgefragt, sondern diese möglicherweise auch an den Beschuldigten Hildmann weitergegeben hat“, teilte Martin Steltner, der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, auf Anfrage mit.
Hildmann möchte sich zu Frau M. nicht äußern, da dies Privatsache sei.
Konsequenzen für die Justiz
Nach Angaben aus einer Pressemitteilung des Rechercheformats „STRG_F“ will die Generalstaatsanwaltschaft Konsequenzen aus dem Vorfall ziehen. In Zukunft solle besser erfasst werden, welche Personen Zugriff auf Dokumente haben. Ebenso sagte der Sprecher der Berliner Justizverwaltung auf Anfrage, dass die Behörde prüfe, wie Daten in Verfahren besser vor unbefugten Zugriff geschützt werden.
Hildmann in der Türkei
Zum Zeitpunkt des Haftbefehls soll sich Hildmann bereits in der Türkei aufgehalten haben. Nach einer Razzia im Jahr 2020 beschloss Hildmann mit seinem Vertrauten Kai Enderes, Deutschland zu verlassen. Schon vor der Razzia soll nach Unterlagen, die dem „Spiegel“ und „Spiegel TV“ vorliegen, Hildmann im November 2020 einen Hinweis per Telegram-Nachricht aus der Justiz bekommen haben: „Guten Morgen, Ich hab dir zusammengestellt, was bisher bei den Staatsanwaltschaften auf dich eingetragen ist“.
Erst seien Hildmann und Enderes in Richtung Polen gefahren, konnten aufgrund der Pandemie allerdings keine Unterkunft mieten, berichtet Enderes. Als ein Anruf von Hildmanns Bruder kam, entschieden sie sich, nicht weiter nach Schweden zu fahren, sondern in die Türkei zu gehen. Dort lebten sie in mehreren Villen rund um den Ort Kayaköy.
Auch heute noch soll sich Hildmann in der Türkei befinden. Eine Auslieferung sei unwahrscheinlich, da er auch die türkische Staatsangehörigkeit habe. Hildmann erklärte in einem Interview mit „Spiegel TV“, dass er nicht nach Deutschland zurückkehre, da ihn kein fairer Prozess erwarten würde. Er selbst bezeichnet sich als „politischer Dissident“ und „Verfolgter“.
Wer ist Hildmanns Vertrauter?
Kai Enderes arbeitete als IT-Berater für Hildmann. Nun belastete Enderes Hildmann mit Informationen über den Verschwörungstheoretiker, die er öffentlich machte.
Im Juli 2020 lernten sich Hildmann und Kai Enderes kennen. Am gleichen Abend verkündete Hildmann auf Telegram, Enderes sei sein IT-Berater und ein „richtig guter Mann“. Zu dieser Zeit streute Hildmann bereits Corona-Verschwörungstheorien. Enderes sagte nach Angaben von „Spiegel“ selbst, in Teilen anfangs die gleiche Haltung gehabt zu haben. Ebenfalls habe er geglaubt, dass Hildmann vielleicht „ein Guter“ sei und nur zu Unrecht als Nazi dargestellt werde.
Dennoch half Enderes Hildmann dabei, rechtsradikale Botschaften im Netz zu verbreiten. So programmierte er laut dem Bericht beispielsweise die Website „WhatTheyHide“ (Deutsch: „Was sie verstecken“). Hier konnten Nutzer verbotene Inhalte hochladen.
Enderes habe sich dazu entschlossen, Hildmann etwas vorzuspielen, um belastente Daten an Behörden weiterzugeben. Den Entschluss fasste er nach einigen Angaben, als er immer mehr Bilder von Hitler auf Hildmanns Handy gesehen habe. Am Ende eines Interviews sagte er, solange nicht zu ruhen, bis Hildmann „ungefährlich für diese Gesellschaft wird“.
Hildmann entgegen erklärte in dem „Spiegel“-Interview seinen Verdacht, dass Enderes ihn aus Angst verraten habe und ihm nicht etwas vorgemacht habe. „Er ist die treibende Kraft gewesen hinter der Reichweite von Attila Hildmann“, sagte er.
Rechte Parolen im Netz
In einer Sprachnachricht an seinen Anwalt habe Hildmann gesagt, man müsse „die dreckigen Juden abfackeln“. Auch in den sozialen Netzwerken verschwieg Hildmann seine rechtsradikalen Ansichten nicht. Er soll auf Telegram mit einem Hamburger Neonazi geschrieben habe, der ihm stolz erzählt habe, noch Kontakt zu den altern Kadern der Nationalsozialisten zu haben. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der ein Attentat auf Hitler ausübte, soll Hildmann als „Drecksjudenknecht“ bezeichnet haben. Auf Nachfragen zu den Nachrichten habe sich Hildmann nicht geäußert.
Auch vor Corona hatte Hildmann Ärger mit der Justiz
Auch vor der Pandemie soll Hildmann Geldprobleme gehabt haben. Die Behörden schrieben im Januar 2020, dass Hildmann dem Fiskus mehr als 110.000 Euro schulde. Die Schulden seien über das Jahr 2020 gestiegen. Ende des Jahres 2020 soll eine Mitarbeiterin eine Liste mit offenen Zahlungen an Hildmann selbst und seine Firma erstellt haben. Die Zahlungen rechneten sich bis zu mehr als 500.000 Euro zusammen. Allein die Steuerschulden in Brandenburg und Berlin sollen fast 200.000 Euro betragen. Ebenso soll Hildmann dem Fruchtsafthersteller Voelkel hohe Summen geschuldet haben.
Gegenüber dem „Spiegel“ behauptete Hildmann, „Millionenumsätze“ mit seinem Unternehmen gehabt zu haben. Die Zahlungen hätte er begleichen können.
Außerdem soll Hildmann Konflikte mit der Polizei gehabt haben. Wie der „Spiegel“ berichtet, eskalierte ein Treffen. Die Polizisten wollten ihm 2018 einen Strafzettel erteilen. Daraufhin soll der Kochbuchautor geschrien haben: „Ihr Idioten, ihr Arschlöcher, ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt! Wisst ihr denn nicht, wer ich bin?“, wie es im Urteil eines Berliner Amtsgerichts heißt. Wegen Beleidigung und Widerstand gegen die Vollstreckungsbeamte verhing das Gericht eine Strafe von sieben Monaten auf Bewährung.
Aufsteiger-Geschichte
Hildmann wurde im Alter von zwei Jahren von einem Ehepaar adoptiert. Er soll eine schwierige Jugendzeit gehabt haben, dann aber das Abitur bestanden und Physik studiert haben. Durch den Herzinfarkt seines Adoptivvaters, sagte Hildmann, sei er Vegetarier geworden. Später wurde er Veganer. Sein Kochbuch „Vegan For Fun“ wurde 2012 vom Vegetarierverbund Deutschland als „Kochbuch des Jahres“ ausgezeichnet.