Berlin
Führender Klimaökonom: „Wir steuern auf vier Grad zu“
Vor dem Start des Klimagipfels in Glasgow schlägt der Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung Alarm: Ohne einen raschen globalen Kohleausstieg steuere die Erde auf eine Erwärmung von vier Grad zu, sagt Ottmar Edenhofer.
Warum der Wissenschaftler trotzdem eine Chance sieht, die Katastrophe noch abzuwenden, und was Edenhofer von den Ampel-Verhandlern in Berlin fordert, verrät er im Interview mit unserer Redaktion.
Das Interview im Wortlaut:
Herr Professor Edenhofer, am Sonntag beginnt der Klimagipfel in Glasgow. Steuert die Erde wirklich auf 2,7 Grad zu, wie das UN-Klimabüro warnt?
Selbst bei den 2,7 Grad bleibt es nur dann, wenn alle Länder ihre freiwilligen Verpflichtungen einhalten. Danach sieht es aber gerade überhaupt nicht aus. Die Emissionen steigen weiter jedes Jahr, und zwar dramatisch. Die aktuelle Gaspreis-Krise beschert der Kohle ein unheilvolles Comeback. Das heißt: Wir steuern nicht auf 2,7 Grad zu, sondern auf 4 Grad, und damit auf eine nicht mehr zu beherrschende Erderwärmung, die übrigens auch rein wirtschaftlich wirklich verheerend wäre.
Wird Ihnen da nicht angst und bange?
Angst ist kein guter Ratgeber, wir müssen den Realitäten klar ins Auge schauen. Wir haben schon vor fünf Jahren auf die Renaissance der Kohle hingewiesen, das wollte die Politik nicht hören. Jetzt stecken wir mittendrin. Nur ein globaler Kohleausstieg kann uns vor dem Verderben bewahren, nur der würde es ermöglichen, die 1,5 Grad noch einzuhalten. Bleiben die bereits gebauten Kohlekraftwerke in Betrieb und werden die schon geplanten in Betrieb genommen, würden allein sie das uns verbleibende CO2-Budget aufbrauchen, das uns noch zusteht, um die Schwelle nicht zu überschreiten. Ohne baldigen Kohleausstieg wird sich die 1,5-Grad-Tür für immer schließen.
Ist es nicht schon längst zu spät?
Nein, die Chancen sind gar nicht so schlecht. Die USA wollen bis 2050 CO2-neutral werden. China will kein Geld mehr in Kohlekraftwerke im Ausland stecken, das würde die Emissionen schon substanziell senken. Die EU hat mit dem Green Deal das bisher ambitionierteste Paket geschnürt, da ist jetzt aktive Unterstützung durch die neue Bundesregierung gefragt. Wenn diese drei Wirtschaftsmächte - EU, USA, China - einen Klimaschutz-Bund gründen, sich auf CO2-Mindestpreise einigen und auch Indien, Russland und Japan ins Boot holen, dann hat man schon zwei Drittel der globalen Emissionen unter einem Regime. Dann wären wir einen riesigen Schritt weiter!
US-Präsident Joe Biden will bislang nichts von einer CO2-Bepreisung wissen…
Stimmt. Aber das heißt doch, dass Deutschland und die EU ganz schnell die Gespräche über ein gemeinsames Instrumentarium starten sollten. Auch in einzelnen US-Staaten gibt es CO2-Preis-Regimes, etwa in Kalifornien. Ich selbst arbeite mit amerikanischen Kollegen zu dem Thema. Auch die USA werden lernen müssen, dass sie mit Subventionen alleine nicht zur CO2-Neutralität kommen.
Kann Glasgow dafür die Initialzündung geben?
Das wäre womöglich ein guter Ort. Worauf es ankommt: Die alte Klimarahmenkonvention reicht nicht aus, um das Ziel rechtzeitig zu erreichen. Wir brauchen zusätzlich ein neues Format. Der Kern kann ein G3-Club aus China, USA und EU werden, das könnte auch an die G7 und die G20 andocken. Und da hoffe ich, dass die neue Bundesregierung schnell aktiv wird.
Was ist denn Ihr Eindruck, macht die Ampel wirklich Ernst beim Klimaschutz?
Wissen kann man das erst, wenn der Koalitionsvertrag vorliegt. Aber das Sondierungsergebnis ist ein klares Zeichen des Aufbruchs. Die Grünen bringen die klimapolitischen Ambitionen ein, die SPD den sozialen Ausgleich und die FDP die marktwirtschaftlichen Instrumente. Ja, das könnte funktionieren.
Wichtigstes marktwirtschaftliches Instrument ist der CO2-Preis. Müsste der schneller steigen, als von der scheidenden Regierung beschlossen?
Bis 2025 ist ein Anstieg auf bis 55 Euro pro Tonne schon Gesetz. Das ist ausreichend. Aber es müssen unbedingt jetzt die Weichen gestellt werden, um auch danach die Minderungsziele für den Verkehr und den Gebäudesektor zu erreichen. Wird der Preis freigegeben, gibt es einen Mindestpreis, gibt es eine Obergrenze?
Was wäre Ihre Antwort?
Um die nötigen Einsparungen zu erreichen, brauchen wir 2030 einen Preis von 130 bis 150 Euro pro Tonne CO2, um wirksam den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken - und damit einen Beitrag zu leisten zur Begrenzung von Klimarisiken wie etwa Extremwetter. Auf eine solche Größenordnung für einen Preiskorridor sollte sich die Ampelkoalition einigen, um auch mit Blick auf andere Länder die Richtung vorzugeben.
Das würde praktisch alles noch teurer machen. Die Menschen würden rebellieren!
Nicht, wenn die Regierung den Bürgern die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung erstattet, über ein Energiegeld oder eine Klimaschutzdividende. Zunächst muss die EEG-Umlage abgeschafft werden. Und die Stromsteuern sollte auf das niedrigste in der EU zulässige Niveau abgesenkt werden, das könnte die nächste Regierung sofort umsetzen.
Das wird kaum reichen, oder?
Bei einem CO2-Preis von 50 Euro pro Tonne und einer pauschalen Pro-Kopf-Rückerstattung bekäme ein Geringverdiener-Haushalt von vier Personen etwa 260 Euro pro Jahr nach Abzug der direkten Belastungen, die er durch den CO2 Preis zu tragen hat. Geringverdiener-Haushalte haben in der Regel einen kleineren CO2-Fußabdruck als Besserverdiener. Sie hätten durch die Rückerstattung also unter dem Strich mehr auf dem Konto. Die Kosten der CO2-Bepreisung würden von den mittleren und vor allem den reicheren Haushalten zu stemmen sein. Die Pro-Kopf-Erstattung ist gewiss eine administrative Herausforderung, aber daran darf es nicht scheitern, eine soziale Balance zu schaffen.
Von einer pauschalen Pro-Kopf-Erstattung würden Städter profitieren, bei denen die U-Bahn vor der Tür fährt, die in sanierten Wohnungen leben. Menschen auf dem Land in älteren Häusern mit weiten Arbeitswegen müssten draufzahlen. Ist das fair?
Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist gar nicht so gravierend, das haben wir durchgerechnet. Kommt es zu Schieflagen, kann man dem österreichischen Beispiel folgen, und die Pro-Kopf-Erstattung regional differenzieren. Man kann auch über Härtefallregelungen nachdenken. Auch dafür finden sich also Lösungen.
Braucht es den Kohleausstieg 2030 zum Erreichen der deutschen Paris-Ziele?
Ja, den braucht es! Aber das Aus für die Kohle wird auch vor 2030 kommen, und zwar unabhängig von den Ampel-Entscheidungen.
Warum?
In der EU wird die Emissions-Obergrenze bald gesenkt und dadurch wird der CO2-Preis anziehen. In der Folge werden Stein- und Braunkohle unrentabel und aus dem Strommarkt gedrängt. Ich halte es für ausgeschlossen, dass sich die neue Bundesregierung in Brüssel dagegenstemmen wird. Denn im Klimaschutzgesetz ist ja schon das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 festgesetzt. Um das erreichen zu können, wird die Kohle definitiv schon vor 2030 keinen Platz mehr in unserem Stromnetz haben, ihr Schicksal ist besiegelt. Insofern geht der politische Streit über ein früheres Kohle-Aus als 2038 an den Realitäten vorbei. Ein Ampel-Beschluss für ein früheres Kohle-Aus würde nur Entschädigungen für die Betreiber oder eine zusätzliche Unterstützung für die davon besonders betroffenen Bundesländer bedeuten, also teurer werden für den Steuerzahler.
Wann kommt das Aus für den Verbrenner-Motor?
Das ist komplizierter zu beantworten. Es ist absehbar, dass wir die Emissionsziele im Verkehr nicht schaffen. Es dauert einfach länger, hier umzusteigen. Daran würde auch ein rascheres Zulassungsverbot für neue Verbrenner nichts ändern, weil die Menschen ihre alten Diesel und Benziner behalten würden, so lange der Sprit bezahlbar bleibt. Daher ist es wichtig, dass ein Verbrennerverbot, wenn es denn überhaupt kommt, durch einen CO2-Preis ergänzt wird, sonst sinken die Emissionen nicht.
Was folgt daraus?
Ganz klar: Die Ampel sollte die Sektorziele flexibler machen! Die Einsparungen, die wir im Verkehr bis 2030 noch nicht schaffen, müssen die Sektoren Gebäude und Stromerzeugung zusätzlich erbringen, damit es unterm Strich reicht. Denn runter müssen die Emissionen natürlich, und zwar rasch. Hier sehe ich eine ganz zentrale Herausforderung für die Koalitionsverhandlungen, um das Gesamtziel zu schaffen. Denn es ist möglich, bei Gebäuden und im Energiebereich schneller CO2 einzusparen.
Kommt man mit der Streichung der Diesel-Subventionen und der Förderung von Hybrid-Wagen nicht weiter?
Das Diesel-Privileg muss definitiv fallen. Und es braucht auch keine Förderung für Hybrid-Wagen, deren Klimabilanz fragwürdig ist. Aber nötig wäre hier ein großer Wurf: Die Ampel sollte die Kraft für eine Energiesteuerreform aufbringen. Zum Finanzminister fließen jährlich 40 Milliarden Euro an Energiesteuern. Je mehr E-Autos auf den Straßen fahren, desto weniger Geld kommt rein. Das muss man auffangen, zum Beispiel, indem man kontraproduktive Subventionen streicht und so gleich auch den Umbau beschleunigt. Im Jahr 2018 haben wir in Deutschland 65 Milliarden für umweltschädliche Subventionen ausgegeben, etwa für die Pendlerpauschale, Dieselprivileg, Steuerbefreiung für Kerosin oder Befreiungen von Energieabgaben für die Industrie. Und es braucht Instrumente wie eine City-Maut, um klimaschädliche Staus in Städten zu vermeiden und neue Einnahmen zu generieren. London macht das seit langem vor, München, Hamburg und Berlin müssen schleunigst nachziehen. Auch hier sollte die Koalition die Weichen stellen.
Was für den Umbau fehlt, ist grüner Strom. Wo soll der so schnell herkommen?
Der Ausbau muss dramatisch beschleunigt werden. Wir brauchen bis 2030 eine Verdreifachung bei Wind- und Sonnenkraft. Der Ampel-Absicht, dafür die Verfahren zu beschleunigen, müssen sehr schnell Taten folgen. Und die Koalitionäre müssen die klare Ansage machen, dass auf die Bürger eine enorme Transformation zukommt. Technisch und von den Flächen her ist der Ausbau rechtzeitig zu schaffen. Wir brauchen den politischen Willen und die Bereitschaft der Bevölkerung.
Viele Nachbarländer bauen Atomkraftwerke…
Warten wir mal ab, wie viele neue Meiler wirklich gebaut werden. Als Klimaökonom kann ich nur festhalten: Die Erzeugung von Atomstrom ist deutlich teurer als Windkraft und Photovoltaik. Wir können ausreichend grünen Strom produzieren - um die Transformation anzustoßen, dafür brauchen wir die Kernenergie nicht. Wir sollten unseren Blick nicht auf Deutschland verengen: Wir werden Strom, Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe importieren müssen. Wir brauchen eine europäische Perspektive und müssen die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung nutzen.
Braucht es eigentlich ein Klimaschutzministerium, oder gehört der Klimaschutz ins Kanzleramt?
Da bin ich agnostisch. Entscheidend ist, dass die Regierung eine Gesamtstrategie entwickelt und die Ministerien endlich ihr Silodenken überwinden. Vieles spräche dafür, die Koordination im Kanzleramt anzusiedeln. Aber man könnte auch die Kompetenzen in einem Klimaschutzministerium bündeln. Sehr schlecht wäre es, wenn die Ministerien gegeneinander statt miteinander handeln, wie in der scheidenden Regierung. Vom Ausbau der Erneuerbaren über die Wasserstoffstrategie und synthetische Kraftstoffe bis zu Negativemissionen - also Technologien, um CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen - muss alles gemeinsam gestemmt werden. Mit Ressort-Egoismus kann das kaum gelingen.