Literatur

Mit knapp 80 Jahren zum Schriftsteller geworden

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 31.10.2021 15:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Theo Böttcher hat mit seinem Buch auch ein Kapitel seines Lebens abgeschlossen. Nun ist er bereit für Neues. Foto: Mielcarek
Theo Böttcher hat mit seinem Buch auch ein Kapitel seines Lebens abgeschlossen. Nun ist er bereit für Neues. Foto: Mielcarek
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Genau genommen war es ein Weihnachtsgeschenk, das aus dem 81-jährigen Theo Böttcher einen Schriftsteller gemacht hat. Sein Buch lässt unter anderem Orte auferstehen, die es längst nicht mehr gibt.

Leer - Der klassische Schriftsteller ist Theo Böttcher wohl nicht. Jedenfalls deutete im Berufsleben des heute 81-Jährigen mit Etappen beispielsweise als Buchhalter oder Personalchef nichts darauf hin, dass einmal ein 200-Seiten-Werk von ihm im Handel sein wird. Dass es doch so gekommen ist, ist wohl seinen drei Söhnen Stephan, Markus und Daniel zu verdanken. Der hatte ihm Weihnachten 2014 das Buch „Opa, erzähl aus deinem Leben“ geschenkt. Im Inneren sind diverse Stichworte vorgegeben, zu denen Erinnerungen eingetragen werden können.

„Für mich stand da fest: Wenn ich aus meinem Leben erzähle, dann nach meinen eigenen Kapiteln“, erzählt Böttcher. Enkel Nico war begeistert. Damit saß die Idee im Kopf – und auch ein grober Plan: „Ich wollte mich entlang der Geschichte meines großelterlichen Hauses hangeln, das 1888 ein Onkel der Oma gebaut hat.“ Das stehe an der Heisfelder Straße, die früher Heisfelder Chaussee, später Neermoorer Landstraße und noch später einfach Landstraße geheißen habe.

Alte Fotos halfen, die Erinnerungen zu sortieren

Als erstes sortierte er alte Fotos: Wer gehört zu wem? Wer lebte wann? Welche Erinnerung ist damit verknüpft? „Mein alter Sekretär war eine wahre Schatzgrube“, lacht Böttcher. Was ihm erzählenswert erschien, schrieb er auf. So entstand ein Potpourri aus kleinen Kapiteln. Schlimme Erinnerungen, zum Beispiel, als er als Vierjähriger auf der Flucht mit Mutter, Opa und Oma von Leer nach Neermoor im September 1944 miterleben musste, dass vier Soldaten seine Mutter vergewaltigten. „Zwei Soldaten haben meinen Opa mit einem Karabiner in Schach gehalten. Als ich größer wurde, hat meine Mutter keine Nähe mehr zulassen konnte, weil ich sie an die Männer erinnert habe.“ Oder an den ersten Toten, den er bewusst gesehen hat: „Der lag vor dem Kolonialwarengeschäft meiner Großeltern und hat in den Himmel gestarrt. Ich wollte ihn noch reinholen, damit ihm warm wird.“

In diesem Exemplar blättert Theobald Böttcher gerne und entdeckt immer neue Schreibfehler – seitdem ärgert er sich nicht mehr so sehr über Fehler in der Zeitung. Foto: Mielcarek
In diesem Exemplar blättert Theobald Böttcher gerne und entdeckt immer neue Schreibfehler – seitdem ärgert er sich nicht mehr so sehr über Fehler in der Zeitung. Foto: Mielcarek

Aber auch viele schöne Erinnerungen tauchen auf: aus Schulzeit und Ausbildung, von Verlobung, Hochzeit und Familienglück. Der Geruch in Geschäften, die es schon lange nicht mehr gibt, Begegnungen mit Menschen, die schon lange tot sind, 13 Eichen von ihm, die im Westerhammrich stehen. Nach 30 Seiten habe ich mein Werk einem alten Schulfreund geschickt, der eine Druckerei hatte, und gefragt, ob er daraus ein kleines Heftchen machen könnte.“ Der habe ihn bestärkt, unbedingt weiterzuschreiben. „Auch meine Söhne haben mich angespornt, also habe ich weitergeschrieben.

Buch ist der verstorbenen Frau gewidmet

Am Schluss wurden es 200 Seiten, ein Mosaik von Erinnerungen, die ein Bild ergeben, wie das Leben früher war. Der Titel: „Im Krieg geboren. Opa Theo aus Ostfriesland erzählt aus seinem Leben.“ Enden tut es mit dem Tod seiner Frau Roswitha, seiner Jugendliebe, im Juni 2008. „Das war ein großer Einschnitt für mich“, sagt Böttcher. Deshalb habe er das Buch auch ihr gewidmet. „Das Beenden des Buches hat mir geholfen, diesen Teil meines Lebens abzuschließen und wieder offen für Neues zu werden.“

Rund 200 Exemplare der 250, die er hat drucken lassen, sind schon weg. Gekauft teilweise auch auf dem Parkplatz eines Supermarktes: „Ich habe immer einen Karton im Kofferraum.“ Viele Exemplare seien an Freunde und Bekannte gegangen, aber auch Touristen hätten schon bei ihm gekauft. „Und ganz häufig höre ich: ,Ach ja, weißt du noch...‘, das finde ich schön.“

Die restlichen Exemplare, die jeweils zwölf Euro kosten, gibt es bei Bücher Borde in Loga und im Dat lüttje Café in Ditzum. Eine zweite Auflage? „Ist nicht ausgeschlossen“, sagt Böttcher. In der werde es dann einige Rechtschreibfehler weniger geben. „Wir haben vor dem Druck x-mal Korrektur gelesen. Aber wenn ich mein Buch aufschlage, finde ich regelmäßig trotzdem noch einen Fehler. Seitdem habe ich auch Verständnis für die Rechtschreibfehler in den Tageszeitungen.“ Der Erlös aus dem Verkauf der ersten Auflage geht an das Phönix-Kinderhaus in Kenia, wo mehr als 50 Straßen- und Waisenkinder ihr Zuhause gefunden haben und wo sich sein Sohn Markus engagiert.

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