Kirche

Klimaschutz heißt Bewahrung der Schöpfung

Holger Szyska
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Von Holger Szyska
| 28.10.2021 13:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Den Friedhof in Kirchborgum möchte Friedrich Bruns weitgehend ökologisch gestalten und damit den Anstoß für weitere Projekte dieser Art geben. Das Foto zeigt ihn vor einem Blühstreifen bei der Leichenhalle, den seine Frau Bettina angelegt hat. Foto: Szyska
Den Friedhof in Kirchborgum möchte Friedrich Bruns weitgehend ökologisch gestalten und damit den Anstoß für weitere Projekte dieser Art geben. Das Foto zeigt ihn vor einem Blühstreifen bei der Leichenhalle, den seine Frau Bettina angelegt hat. Foto: Szyska
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Die Evangelisch-reformierte Kirche will sich jetzt um mehr Klimaschutz kümmern. Deshalb gibt es jetzt einen Klimaschutz-Manager und einen neunköpfigen Ausschuss.

Leer/Kirchborgum - Dass an der jüngsten Demonstration der Klimaschutz-Bewegung „Fridays for Future“ in Leer mit Susanne bei der Wieden die neue Präsidentin der Reformierten Kirche teilgenommen hat, kommt nicht von ungefähr. „Klimaschutz heißt in der kirchlichen Sprache ‚Bewahrung der Schöpfung‘ und ist ein ureigenstes kirchliches Anliegen“, sagt Pressesprecher Ulf Preuß.

Zwar werde das Thema in der Theorie schon lange behandelt. Doch im praktischen Handeln sei die Kirche „auch nicht schneller als andere gesellschaftliche Gruppierungen“, bekennt Preuß. Inzwischen gehen die Reformierten aber mit konkreten Projekten voran. Dafür sorgen Roland Morfeld als Klimaschutz-Manager und ein neunköpfiger Ausschuss für Nachhaltigkeit und Ökologie. Dabei reichen die Vorhaben von der energetischen Sanierung kirchlicher Gebäude über die ökologische Bewirtschaftung verpachteter Ländereien bis hin zum Verzicht einer Verwendung von Torf auf Friedhöfen.

Kirche soll mehr auf Nachhaltigkeit setzen

Für Roland Morfeld haben diese Projekte viel mit „Klimagerechtigkeit“ zu tun. „Es gibt Menschen, die durch die Auswirkungen des Klimawandels viel verletzbarer sind“, verweist der 55-jährige Diplom-Geograph auf Hungersnöte durch Dürren in Afrika. „Wenn bei uns eine Ernte nicht wie erwartet ausfällt, wird kurzerhand mehr importiert.“ In diesem Sinne gelte es, die Kirche grundlegend neu auszurichten. Dabei müsse über Investitionen in Gebäudesanierungen hinausgedacht werden. So koste es viel Energie, ein ganzes Kirchenschiff zu beheizen. Vielleicht reiche es auch aus, eine Sitzbank nur zu erwärmen, wenn sie tatsächlich genutzt wird. Darüber hinaus sollten die Gotteshäuser vermehrt für multifunktionelle Nutzungen geöffnet werden.

Seit er im September 2020 den Posten des reformierten Klimaschutz-Managers antrat, hat Roland Morfeld viele Daten der Kirchengemeinden mit Fragebögen erhoben, um sich einen Überblick zu verschaffen. „Viele kleine Dinge kommen zusammen“, erklärt der Auricher. Beispielhaft nennt er die Verpflegung in den kirchlich getragenen Kindertagesstätten. Dazu bietet er Workshops und Veranstaltungen vor Ort an. In der kommenden Woche holt er Kita-Personal und regionale Bio-Versorger an einen Tisch, um Möglichkeiten aufzuzeigen. Passend zum Erntedankfest wurde auch ein Seminar zum nachhaltigen Kochen angeboten, ergänzt Ulf Preuß. „Darin wird erklärt, wie Produkte verwertet werden können, damit man sie nicht wegwerfen muss.“ Darüber hinaus bietet die reformierte Landeskirche ihren Gemeinden nachhaltig produziertes Büromaterial an.

Gespräche mit Landwirten geplant

Potenziale sieht Roland Morfeld zudem auf landwirtschaftlichen Flächen, die den Kirchengemeinden gehören. Hier bestehe die Chance, die ökologische Nutzung zu forcieren. Dabei gehe es nicht um Vorgaben, betont Morfeld: „Wir wollen uns mit den Landwirten abstimmen und keine einseitigen Erwartungen haben.“ Auch Kompensationen seien zu bedenken.

Während vieles noch Zukunftsmusik ist, gibt es auch schon konkrete Umsetzungen. Dazu gehören eine Photovoltaik-Anlage auf einem Gemeindehaus in Emden und ein in diesem Sommer angelegter Blühstreifen mit zwei Bienenstöcken hinter dem Landeskirchenamt in Leer. Weitere kirchliche Projekte mit Vorbildcharakter gibt es außerhalb von Ostfriesland. Ulf Preuß erwähnt ein Carsharing-Modell im Raum Göttingen. Dort sei ein elektrisch betriebenes „Dorfauto“ angeschafft worden, das der Pastor als Dienstwagen nutze.

Biologische Vielfalt fördern

Ebenfalls einen modellhaften Charakter soll der Friedhof in Kirchborgum bekommen. Zusammen mit dem Kirchenrat möchte Friedrich Bruns, der sich mit Unterstützung von Heini de Buhr ohnehin um die Friedhofspflege kümmert, mit einer ökologischen Umgestaltung den Anstoß für weitere Projekte dieser Art geben. Als Mitglied des Ausschusses für Ökologie und Nachhaltigkeit befasst er sich mit der Förderung der biologischen Vielfalt. „Der Ausgangspunkt war, höherwertige Flächen für Pflanzen und Insekten zu schaffen“, erklärt der 59-Jährige. „Damit kann man im eigenen Garten anfangen.“ Auf welche Weise sich Friedhöfe dafür eignen, erfuhr er auf einer kirchlichen Fortbildung in Rendsburg in Schleswig-Holstein. „Dort wurde erläutert, was inhaltlich möglich ist und wie man das mit dem Schwund der klassischen Bestattungsformen verbinden kann.“

Blühstreifen auf dem Friedhof

Diese Anregungen waren die Basis für ein Friedhofskonzept in Kirchborgum, das der Kirchenrat mitträgt, so Bruns. Ein Element ist die Gestaltung eines Platzes rund um eine Buche, wo die Bestattung von bis zu 15 Urnen ermöglicht werden soll. Ebenso geplant sind die Anpflanzungen besonders insektenfreundlicher Bäume wie Sommerlinden und Tulpenbäumen sowie die Einrichtung eines schmalen Blühstreifens am Zaun. Eine kleine Blühwiese bei der Leichenhalle hat Bruns‘ Ehefrau Bettina bereits im Frühjahr angelegt. Einige Nistkästen für Vögel wurden ebenfalls angebracht, weitere sollen folgen. Wünschenswert sei zudem eine überdachte Terrasse zum Verweilen, sagt der Kirchborgumer. Dort könnten Besucher den Friedhof und die Natur wahrnehmen. Nicht zuletzt sollen zwei Grabstellen, deren Pachtverträge abgelaufen sind, als „Mustergräber“ dienen, um Alternativen zu Kiesflächen aufzuzeigen. Eine Bepflanzung mit Stauden ist ebenso pflegeleicht, weiß Bruns.

Seinen Plan möchte er vielleicht in einem Workshop auf der Synode der evangelisch-reformierten Kirche im Frühjahr in Emden vorstellen. „Der Klimaschutz wird auf der Synode einen breiten Raum einnehmen“, kündigt Pressesprecher Preuß an, so das dann ein „Fahrplan für Klimaneutralität“ beschlossen werden soll.

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