Neuhardenberg
Julia Draganovic will Künstlerort Villa Massimo Rom weiter öffnen
Heraus aus den Mauern der Villa Massimo: Direktorin Julia Draganovic will das Künstlerhaus weiter öffnen. Rom ist für sie idealer Ort der Kreativität.
Sie geht mit der Deutschen Akademie neue Wege: Julia Draganovic leitet als Direktorin die Villa Massimo in Rom. Die 1910 gestiftete Akademie ist das wichtigste Haus der Bundesrepublik für die Förderung von Künstlerinnen und Künstlern durch Studienaufenthalte im Ausland. Die ersten Stipendiaten wurden 1913 aufgenommen. Zu ihnen gehörte im Lauf der Zeit unter anderem auch der Osnabrücker Künstler Felix Nussbaum.
Die Präsentation der Stipendiatinnen und Stipendiaten der Villa Massimo auf Schloss Neuhardenberg ist ein neues Format. Wie beurteilen Sie die Präsentation?
Überraschend positiv. Neuhardenberg war für uns eine Herausforderung. In den letzten 15 Jahren hat sich die Villa Massimo einmal im Jahr immer in Berlin präsentiert, für einen Abend. Hier weiterlesen: Kunst aus dem Lockdown -Präsentation der Villa Massimo auf Neuhardenberg.
Immer im Gropius-Bau, nicht?
Genau. Die Villa Massimo ist in Berlin gesetzt. Inzwischen ist für uns die Hauptstadt schon ein bestelltes Feld. Ich wollte gern neue Wege gehen, weil bei einer Präsentation, die nur einen Abend dauert, Schriftsteller und Musiker zu kurz kommen. 2020 hatten wir schon einmal eine dreitägige Präsentation in den Kunst-Werken Berlin durchgeführt. Die Stipendien in Italien werden in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung der Länder vergeben. Ein Grund mehr dafür, dass sich die Villa Massimo künftig in verschiedenen Bundesländern präsentiert. Hier weiterlesen: Villa Massimo wirbt für zeitgenössische Musik - Porträtkonzert mit Stefan Keller.
Nach Neuhardenberg soll es mit künstlerischen Präsentationen außerhalb Berlins weitergehen?
Ja. Heike Kramer, Generalbevollmächtigte der Stiftung Schloss Neuhardenberg, hat diesen Gedanken sehr positiv aufgegriffen. Für uns war das eine große Herausforderung, weil wir mit unseren Künstlern in ein kleines Städtchen nach Brandenburg gegangen sind. Unser Angebot ist sehr gut angenommen worden, außerdem bietet das Terrain rund um das Schloss mit seinem Park die Möglichkeit, Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen. Die Stiftung Schloss Neuhardenberg hat uns als Gastgeber sehr unterstützt.
Denken Sie denn bereits über weitere Orte für die nächsten Präsentationen nach?
Da ist noch nichts entschieden, aber wir sind in guten Gesprächen mit den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden und dem Kunstmuseum in Stuttgart. Es gibt Anfragen aus Köln und Wolfsburg. Außerdem gibt es viele Leute, die die Villa Massimo auch gern weiter in Berlin sehen möchten. Wir sondieren gerade, mit welchen Partnern wir in Berlin einen ständigen Treffpunkt einrichten können.
Verändert sich damit auch das Konzept der Villa Massimo selbst?
Wir wollen das Haus mehr für ehemalige Rompreisträger öffnen, damit begonnene Projekte abgeschlossen und persönliche Netzwerke weiter ausgebaut werden können. Ich denke auch daran, die ehemaligen Stipendiaten technisch noch mehr zu unterstützen. Dafür bedürfte es aber noch einer anderen personellen Ausstattung unseres Hauses.
Die Villa Massimo ist 111 Jahre alt. Warum ist Rom weiterhin der richtige Ort für kreative Arbeit?
Es gibt heute nicht mehr die eine Hauptstadt der zeitgenössischen Kunst, auch Rom ist das nicht. Die Stadt bietet aber unglaubliche Anregungen für all diejenigen, die nach Lösungen für aktuelle Probleme suchen und dabei auf die Geschichte Europas schauen. Rom hat Jahrtausende überdauert, mal als Metropole, mal als Kleinstadt. Diese Geschichte spiegelt sich in der urbanen Struktur der Stadt. Schrumpfen und sich wieder erweitern - diese Prozesse betreffen jetzt viele Regionen Europas. Was tun wir mit Industriebrachen und Städten im Rückbau, was mit Wandlungen der Arbeitswelt während der Corona-Zeit?
Rom ist also ein Modellfall für Prozesse, die uns jetzt beschäftigen?
Das denke ich, ja. Das macht die Stadt interessant für Kreative.
Sie sprechen bei den aktuellen Stipendiaten vom Lockdown-Jahrgang der Villa Massimo. Haben die Stipendiaten dieses Jahrgangs zu gemeinsamen Themen gefunden?
Ich habe bislang erst zwei Jahrgänge von Stipendiatinnen und Stipendiaten begleitet. Alle diese zusammengewürfelten Gemeinschaften sind sehr unterschiedlich. Der Lockdown hat viele von ihnen dazu gezwungen, im Außenraum zu arbeiten. Wir haben das genutzt, um neue Partnerschaften in Rom zu knüpfen und um über künstlerische Präsentation selbst neu nachzudenken. Wie so viele wollen auch wir am liebsten ein globales Publikum ansprechen, haben aber gelernt, wie wichtig es ist, dabei auch die unmittelbaren Nachbarn mitzunehmen. Es wirkt sich belebend aus, dass wir nicht nur Stipendien vergeben, die zehn Monate andauern, sondern auch solche, die als Kurzzeitstipendien wenige Wochen währen. Das sorgt für neue Dynamiken innerhalb der Gruppe. Es gibt mehr interdisziplinäre Arbeiten.
Die Stipendiaten sind nach traditionellen Kategorien eingeteilt, wie Schriftsteller oder bildende Künstler. Kommen noch neue Kategorien hinzu? Die Künste verändern sich ja ständig.
Unbedingt. Es gibt ja ohnehin nur noch wenige Kreative, die sich nur noch einer einzigen Kategorie zurechnen. In der Bildenden Kunst ist das besonders sichtbar, weil viele nicht mehr nur einem bestimmten Fach zugeordnet werden können.. Das Feld fächert sich auch in der musikalischen Komposition sehr auf. Wir haben jetzt etwa mit Hanna Hartmann eine Komponistin, die sich als Klangkünstlerin und Performerin versteht, und mit Hans Lüdemann einen Jazzkomponisten und -pianisten in der Villa Massimo. Das gab es so noch nicht. Zu den Kurzzeitstipendiaten gehört derzeit auch der Philosoph Byung-Chul Han.
Was wünschen Sie sich für die Villa Massimo in den nächsten Jahren?
Die Grundkonstruktion der Villa Massimo ist zweifellos gut. Wir wollen dennoch für Neuerungen offenbleiben. Ich möchte gern die Gratwanderung schaffen zwischen der Bewahrung des Ortes innerhalb der Mauern, die den kreativen Freiraum erst möglich machen und einer größeren Zugänglichkeit von außen. Es ist auch eine große Aufgabe, diejenigen, die einmal in der Villa Massimo waren, immer wieder mit einzubeziehen und von ihrer Kreativität zu profitieren. Für mich ist die Villa Massimo eine große Schule des Lebens, weil Rompreisträgerinnen und -preisträger dort ihr Zuhause haben und doch immer wieder gehen müssen. Wissen, dass uns etwas für immer gehört, mit allen Konsequenzen von Liebe und Verantwortlichkeit, zugleich aber nicht daran festhalten - das ist für mich die Villa Massimo als Schule des Lebens, so sollten wir mit der Welt im allgemeinen umzugehen lernen.