Neuhardenberg

Stipendiaten der Villa Massimo und ihre Kunst aus dem Lockdown

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 26.10.2021 15:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Einsame Glückssucherin: Birgit Brenners Videoinstallation „Final Call“ in der Orangerie von Schloss Neuhardenberg. Foto: Sebastian Bolesch, VG-Bildkunst, Bonn. Villa Massimo zu Gast auf Schloss Neuhardenberg. Foto: Sebastian Bolesch
Einsame Glückssucherin: Birgit Brenners Videoinstallation „Final Call“ in der Orangerie von Schloss Neuhardenberg. Foto: Sebastian Bolesch, VG-Bildkunst, Bonn. Villa Massimo zu Gast auf Schloss Neuhardenberg. Foto: Sebastian Bolesch
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Erstmals nicht in Berlin: Die Stipendiaten der Villa Massimo gehen auf Reisen. Die Rompreisträger zeigen sich auf einem Preußenschloss mit Symbolwert.

„Mit Sehnsucht“, schreibt der Social Bot auf den Bildschirm. Das digitale Wesen weiß, wie sie ticken, die Frau und der Mann. Sie laufen ihrer Sehnsucht hinterher, suchen in den Ferien mehr als den Kick, sie suchen das ultimative Glück. Aber sie bleiben einsam, allein, mit dem Smartphone in der Hand. Was sie auch erleben und fühlen, digitale Rankings belegen alles sofort mit Leistungspunkten. Aus dieser Falle gibt es keinen Ausweg. Eine Frau, ein Mann: Birgit Brenner setzt ihre Figuren in ihrem Video „Last Call“ bewegend in Szene - als digitales Trauerspiel der Liebe.

„Last Call“ der Glückssucher

Die Bilder von „Last Call“ flackern hinter der Glastür der Orangerie des Schlosses Neuhardenberg bei Berlin. Birgit Brenners Video gehört zu jenen künstlerischen Arbeiten, mit dem sich Stipendiatinnen und Stipendiaten der Villa Massimo des Jahrgangs 2019/2020 präsentieren. Aktuelle Kunst in einem Preußenschloss bei Berlin: Was auf den ersten Blick nach Unverträglichkeit schmeckt, fügt sich überraschend gut zusammen. Für Julia Draganovic, die Direktorin der Deutschen Akademie Villa Massimo, gelingt damit ein Experiment. Sie geht zum ersten Mal seit Jahren mit ihren Stipendiaten auf Reisen, fort von Berlin, hinein in die Fläche der Länder.

Hier traf sich der Widerstand

Die Wahl des ersten Ausstellungsortes hätte kaum symbolträchtiger ausfallen können. In dem Schloss residierte einst der preußische Reformer Karl August Fürst von Hardenberg. Am gleichen Ort trafen sich Mitglieder des Widerstands vor dem Attentat, das am 20. Juli 1944 Deutschland von Adolf Hitler befreien sollte. So streng die Linien der klassizistischen Architektur auch wirken - der Geist der Freiheit fügt sich bestens zu den Arbeiten der Stipendiaten. Der Ort bietet mit Plätzen im weitläufigen Park und in den Gebäuden individuelle Raumsituationen. Die Botschaft ist klar: Hier geht es nicht um eine Gruppenausstellung, sondern um Positionen einzelner Künstler.

Männer unter Ku-Klux-Klan-Masken

Einen verbindenden Zug gibt es trotzdem. Die Maler, Architekten, Schriftsteller, kurz, Künstler vieler Sparten, haben in der Villa Massimo unter den Bedingungen des Corona-Lockdowns gearbeitet. Die Akademie, dieser exklusive Ort der Kreativität unter südlicher Sonne, verwandelte sich unversehens in einen goldenen Käfig. Die Stipendiaten reagierten. Die Malerin Tatjana Doll zum Beispiel, die großformatige Bilder sichtbar für die Nachbarn der Villa Massimo ausstellte. Auf Neuhardenberg zeigt sie unter anderem ein Querformat mit bedrohlichen Ku-Klux-Klan-Männern. Eine Zivilisation am Rand ihrer Sicherheiten: Dieses Thema verbindet im Hintergrund die Werke der Stipendiaten.

Versöhnung mit der Natur

Sebastian Felix Ernst, Sabine Scho und Theresa Stroetges untersuchen in ihrer Installation „Palazzettino - Haus für einen Boxer“ am Beispiel des Sportpalastes für die Olympischen Spiele 1960 in Rom den Brutalismus der Betonarchitektur und fragen, was solche Bauten über westliche Gesellschaften sagen. Die Leipziger Künstlergruppe FAMED hat die Skulptur einer Fontäne aus Acryl in den Schlossteich gestellt. Wenn die Bögen in der Dunkelheit hellgelb leuchten, wirken sie wie eine Persiflage auf das Logo von McDonalds. Die Architektengruppe FAKT platziert auf einer Teichinsel eine fünf mal fünf Meter großes Aluminiumdeck, durch dessen Streben Pflanzen sprießen - eine Aussicht auf einen Ort der Begegnung, der Natur nicht verdrängt, sondern sich versöhnlich in sie fügt. Ein Stück Utopie. Aus der Villa Massimo.

Neuhardenberg: Villa Massimo zu Gast auf Schloss Neuhardenberg. Präsentation der Rompreisträgerinnen und -preisträger des akademischen Jahres 2019/2020. Zur Information über die Präsentation geht es hier.

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