Landwirtschaft
Ein Projekt gegen das Küken-Schreddern
Weil sie keine Eier und wenig Fleisch liefern, kommen viele männliche Küken in den Schredder. Das wird zwar bald verboten, aber wie geht es dann weiter? Ein Landwirt aus Cirkwehrum wagt einen Versuch.
Cirkwehrum/Rendsburg - Eine Legehenne ist durchschnittlich etwa ein Jahr alt, wenn sie geschlachtet wird. Das hängt mit der kontinuierlich abnehmenden Qualität der Eier und Schalen zusammen, worauf die landwirtschaftlichen Betriebe verzichten wollen. Obwohl die Lebenserwartung der Hennen eigentlich rund acht Jahre beträgt, setzen sie lieber auf die Nachzucht, bei der jedoch etwa die Hälfte de facto „Ausschussware“ ist: männliche Küken. Die legen keine Eier und setzen weniger Fleisch an, weshalb sie bislang häufig gleich nach dem Schlüpfen im Schredder landen oder vergast werden. Das wird zwar kommendes Jahr verboten: Aber welche Alternativen gibt es? Ein Landwirt aus Cirkwehrum wagt jetzt ein Experiment.
Was und warum
Darum geht es: Es wird und wurde untersucht, wie man die Zahl an männlichen Küken senken und die Lebenszeit von Legehennen verlängern kann.
Vor allem interessant für: Kunden, die das Fleisch oder die Eier von Hühnern essen sowie Landwirte
Deshalb berichten wir: Kürzlich hatten wir Oliver Pupkes besucht, um mit ihm über die Wirtschaftlichkeit von Hühnermobilen und über seine Teilnahme an der Initiative Bruderhahn zu berichten. Bei der Gelegenheit sprach er auch darüber, seine Hennen länger halten zu wollen. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Wie Oliver Pupkes unserer Zeitung sagt, möchte er seine Hennen ein Jahr länger leben lassen und überprüfen, ob das wirklich so unrentabel ist, wie es heißt. Dadurch benötige er wiederum weniger Nachwuchs und auch die Zahl der schlüpfenden männlichen Küken sinke dadurch. Die Hähne, die übrig bleiben, werden wiederum im Rahmen der Initiative Bruderhahn aufgezogen und später für verschiedene Lebensmittel geschlachtet. So ernähren auch diese Tiere die Menschen und werden nicht sinnlos getötet.
Mehrwöchige Legepause
Wie Pupkes erklärt, befänden sich die Tiere in einem seiner Ställe gerade in der Mauser – sie legen gerade also auch keine Eier mehr. Das habe der 35-Jährige bewusst herbeigeführt, indem er die Beleuchtung in diesem Stall angepasst habe. Sei es zu lange hell, gaukele man den Hennen nämlich vor, dass es Frühjahr und damit Legezeit sei. Gleichzeitig habe er die Nahrung auf Schonkost umgestellt und die Tiere würden nachgeimpft werden, so der Agrarwissenschaftler weiter. Die Legepause betrage etwa drei bis vier Wochen, in denen die Hennen „einmal runter- und wieder hochfahren“. Der Vorteil bei älteren Tieren sei, dass sie größere Eier legen. Auf der anderen Seite koste es immer viel Geld, wenn man Nachwuchs neu einstallen müsse.
Romana Holle vom im schleswig-holsteinischen Rendsburg ansässigen „Ökoring im Norden“ hat mit so einem Versuchsaufbau schon Erfahrungen gesammelt. So leitete sie mit Unterstützung der EU eine Untersuchung zu diesem Thema. Der Titel der Arbeit: „Optimierung des Tierwohls und wesentliche Verlängerung der Haltungsdauer für vitale-Senior-Legehennen im ökologischen Landbau“, kurz: Projekt Senior-Legehennen. Grundsätzlich lasse sich sagen: Wenn man sich mehr Zeit für die Tiere nimmt uns sie gesund bleiben, kann eine längere Haltung auch rentabel sein, fasst sie unserer Zeitung zusammen. Gleichzeitig verweist sie auf den 2019 erschienenen Abschlussbericht zu der vierjährigen Untersuchung, für die rund 230.000 Euro bewilligt worden waren.
45 Millionen getötete Küken pro Jahr
Demnach waren sechs landwirtschaftliche Betriebe, Berater und Forscher daran beteiligt. Die betroffenen Hennen wurden regelmäßig gewogen und ihr Gefieder untersucht. Darüber hinaus habe man die Hühner nicht nur geimpft, sondern auch überprüft, ob die Impfungen wirken, was nicht immer der Fall gewesen sei.
Schließlich wurde auch noch gegengerechnet, wie wirtschaftliche das Ganze ist – auch unter Einbeziehung der Legepause, nach der die Tiere wieder mit intaktem Gefieder starten können. Wie wichtig die Gesundheit der Tiere ist, habe sich bei der Legeleistung klar gezeigt, die zwischen 64 und 86 Prozent gependelt habe, heißt es weiter. Man habe während der Studie auch ein „Haltungs-Management“ erarbeitet, das sowohl das Tierwohl als auch die betriebswirtschaftliche Seite beleuchtet habe. „Entscheidend sind Impferfolg, leistungsangepasste Fütterung, Gewichtsentwicklung und Tierabgänge.“
Jedes Jahr werden in Niedersachsen derzeit rund 20 Millionen männliche Küken getötet. Deutschlandweit sind es 45 Millionen. Laut Pupkes sind Hähne erst nach bis zu 18 Wochen schlachtreif, während es bei weiblichen Tieren nur vier bis fünf Wochen dauere. Zwar gibt es auch die Möglichkeit, Eier zu durchleuchten und vorher festzustellen, ob ein Hahn oder eine Henne schlüpfen wird. Das Problem ist jedoch, dass die Eier erst nach einigen Tagen gescannt und dann gegebenenfalls zerstört werden können, die Küken dann aber schon ein Schmerzempfinden entwickelt haben können.