Kneipenkultur
In Weener geht eine Kneipen-Ära zu Ende
Das „Klöntje“ ist in Weener eine Institution. Nach 34 Jahren hinterm Tresen verabschiedet sich der Wirt Enno Janssen in den Ruhestand. Am 1. Weihnachtstag öffnet die legendäre Kneipe ein letztes Mal.
Weener - Viele junge Leute können es sich gar nicht vorstellen: Weener hatte mal ein turbulentes Nachtleben. In den historischen Gemäuern der Memmengaburg in der Altstadt von Weener war bis in die 80er Jahre eine Disco beheimatet. „Die hieß Musikpalast und Starlight“, erinnert sich Enno Janssen. Aus der Disco wurde schließlich eine Kneipe. Seine Kneipe, das „Klöntje“. Noch heute steht der 71-Jährige dort am Zapfhahn hinterm Tresen. Aber nicht mehr lange. 34 Jahre haben Janssen und seine Frau Annegret die Gäste bewirtet. Am 1. Weihnachtstag ist Feierabend. „Ich hätte gerne noch weitergemacht, aber die Gesundheit macht nicht mehr mit“, sagt er, „wir gehen in den Ruhestand.“
Was und warum
Darum geht es: 37 Jahre lang stand Enno Janssen im „Klöntje“ hinterm Tresen. Jetzt verabschiedet sich der Wirt in den Ruhestand und die legendäre Weeneraner Kneipe wird geschlossen.
Vor allem interessant für: Freunde der Kneipen- und Pubkultur.
Deshalb berichten wir: Klassische Kneipen sterben aus. Aber vielleicht bleibt die Institution „Klöntje“ in Weener doch erhalten. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
Selbst wenn von draußen noch Licht ins „Klöntje“ fällt, herrscht dort schon eine schummrig-heimelige Atmosphäre. Die Einrichtung erinnert ein bisschen an ein englisches Pub. Es gibt zahlreiche Tische für große und kleine Gruppen. Zwei alte Messinglampen mit Fransen beleuchten einen Billardtisch. „Früher fanden hier regelmäßig Billardturniere statt“, erzählt der 71-Jährige. An den Wänden hängen viele Fotos und Reklameschilder aus Blech. Die Wand gegenüber des Tresens ist mit unzähligen Bierdeckeln und Urlaubspostkarten dekoriert. „Das ist alles von Stammgästen“, sagt Janssen. Und die klönten nicht nur am Tresen, sondern waren auch sportlich gemeinsam aktiv: als „Klöntje“-Mannschaft auf dem Fußballplatz.
Beruf ist Berufung für ihn
Als Enno Janssen 37 Jahre alt war, hat er die Kneipe als Pächter übernommen. Dabei war der Weeneraner von Beruf eigentlich Maler und Glaser. „An den Wochenenden habe ich aber schon immer in Diskotheken und Kneipen hinterm Tresen gearbeitet. Mir hat das einfach Spaß gemacht“, erzählt er. Wirt, das sei kein Beruf, das sei eine Berufung für ihn. „Man muss das mögen. Man muss Menschen mögen und sich gerne unterhalten“, sagt er. Und das liegt Enno Janssen.
„Ich kann mit Leuten über alles mögliche reden. Was sie eben gerade so bewegt: Politik, ihre Arbeit oder die Familie. Da bin ich flexibel.“ Wenn Gäste einen über den Durst getrunken haben, geraten sie sich ja auch manchmal in die Haare. Auch im „Klöntje“. Janssen war ein guter Streitschlichter. „Ich hatte noch nie eine Türsteher-Statur. Ich habe einfach mit den Leuten geredet und das hat auch funktioniert.“
Treffpunkt für Jung und Alt
Das „Klöntje“ sei ein Treffpunkt für Jung und Alt, sagt Janssens Tochter Meike Garen. „Der älteste Gast war 80, der jüngste 16 und alle verstehen sich untereinander“, beschreibt ihr Vater die Stimmung. Meike Garen findet es schade, dass diese Ära bald zu Ende ist. „Viele haben sich hier kennen und lieben gelernt“, sagt sie. Himmelfahrt und beim Stadtfest habe an der Bude vorm „Klöntje“ eine Stimmung wie bei einem Volksfest geherrscht. „Da habe ich auch mal Bier ausgeschenkt.“ Dauerhaft hinterm Tresen des „Klöntjes“ zu stehen, sei für sie aber nie ein Thema gewesen. „Dieses Gen hat sie eben nicht von mir geerbt“, sagt Janssen.
An den Wochenenden sei es immer rappelvoll gewesen. Meike Garen und ihr Mann waren selbst jedes Wochenende dort. „Mein Mann ist oft aus dem Klöntje direkt zur Arbeit in der Backstube gefahren“, erzählt sie. Besonders viel los gewesen sei immer Heiligabend. „Das sind all die Leute gekommen, die weggezogen sind und über Weihnachten ihre Familien besucht haben“, erinnert sich Enno Janssen. „Wenn wir um 22 Uhr aufgemacht haben, standen die ersten schon vor der Tür.“ Nicht selten sei bis morgens um 7 Uhr geklönt und gefeiert worden. Silvester habe meist auch Hochbetrieb geherrscht. „Da habe nämlich Geburtstag.“
Coronazeit als Ruhestandstest
Eine Vorstellung davon, wie sich das Leben anfühlt, so ganz ohne Kneipe und ohne die Gespräche mit den Gästen, hat Janssen während der Corona-Zeit bekommen. „Wir hatten einmal drei und einmal sieben Monate geschlossen. Das war schon heftig.“
Aber wer weiß, vielleicht hat die legendäre Weeneraner Kneipe ja doch noch eine Zukunft. Es gibt zwei Kaufinteressenten, die das historische Gebäude gerne kaufen und sanieren würden. Namentlich genannt werden wollen sie aber noch nicht. Sollte man sich mit dem Hauseigentümer über den Kaufpreis einigen, sollen über der Kneipe Wohnungen eingerichtet werden. „Das Klöntje selbst soll dann etwas saniert, aber ansonsten so erhalten und wieder verpachtet werden.“ Janssen würde sich freuen. Der Abschiedsparty am 1. Weihnachtstag blickt er mit etwas gemischten Gefühlen entgegen. Er und seine Familie hoffen, ganz viele alte Bekannte wiederzusehen und mit ihnen in Erinnerungen zu schwelgen. „Und wenn wir Lust haben, feiern wir auch noch am 2. Weihnachtstag.“