Ehrenamt
Er weiß, wie man Streithähne beschwichtigt
Die Hecke ist nicht richtig beschnitten oder der Zaun ist zu hoch. Das sind Gründe für Nachbarschaftsstreitigkeiten. Manfred Robbe hat viele geschlichtet. Nach 30 Jahren als Schiedsmann hört er auf.
Weener - „Schlichten statt richten“ das ist der Slogan für ein besonderes Ehrenamt. Wenn zwei sich streiten, gelingt es ehrenamtlichen Schiedsleuten häufig, eine friedliche Einigung zu finden. Sie sind Ratgeber, Vermittler und Moderatoren. Manfred Robbe aus Weener hat darin besonders viel Erfahrung. Seit 1991 hat er dieses Ehrenamt ausgeübt, jetzt zieht er sich aus gesundheitlichen Gründen zurück.
Was und warum
Darum geht es: Manfred Robbe aus Weener hat so manchen Streit geschlichtet, der sonst vielleicht vor Gericht ausgetragen worden wäre. Nach 30 Jahren als ehrenamtlicher Schiedsmann scheidet er aus dem Ehrenamt aus.
Vor allem interessant für: Weeneraner, die mit irgendjemandem Streit haben oder sich für das Ehrenamt des Schiedsmannes oder der Schiedsfrau interessieren.
Deshalb berichten wir: Die Stadt Weener hatte die Presse zur Amtseinführung neuer und Verabschiedung alter Schiedsleute eingeladen. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
Nachbarschaftsstreitigkeiten sind nach der langjährigen Erfahrung des Weeneraners die häufigsten Gründe, weswegen sich die Leute streiten. Vor Gericht landen nur die seltensten Fälle. Das ist ja auch das Anliegen der ehrenamtlichen „Streitschlichter“. „Was mich immer wieder erstaunt hat, ist die Tatsache, dass die Leute teilweise 20 oder 30 Jahre lang nebeneinander wohnen und sich plötzlich wegen Nichtigkeiten in die Haare kriegen“, erzählt Robbe und nennt ein Beispiel für ganz typische Streitthemen: „Wenn jemand den Heckenschnitt auf dem Nachbargrundstück einfach liegenlässt oder die Hecke gar nicht schneidet.“
Aggressivität hat zugenommen
Anlass, mit Nachbarn einen Streit vom Zaun zu brechen, sind in jüngster Zeit laut Robbe besonders häufig Sichtschutzzäune, die nicht lichtdurchlässig sind und für Schattenwurf auf den benachbarten Grundstücken sorgen. „Da gibt es ganz klare Regeln. Die Zäune dürfen zwar auf der Grundstücksgrenze stehen, aber eine Höhe von 1,80 Metern nicht überschreiten.“ Wegerecht ist nach den Worten des Streitschlichters ebenfalls ein recht häufiges Thema in Weener. „Vor allem in den ländlicher gelegenen Gebieten“, wie Robbe im Laufe seiner Tätigkeit aufgefallen ist. In Möhlenwarf beispielsweise habe er häufiger zu tun gehabt als im Stadtkern.
Was auffällt: In den vergangenen Jahren habe die Aggressivität bei den Leuten, die miteinander im Clinch liegen, zugenommen. Es sind laut Robbe allerdings eher die älteren, die jahrelang nebeneinander wohnen und sich dann plötzlich nicht mehr grün sind. „Die jüngeren Leute einigen sich deutlich schneller“, stellt Robbe fest, „das liegt vielleicht aber auch daran, dass sie berufstätig und nicht den ganzen Tag zu Hause sind.“ Zugenommen habe die Zahl der Fälle im Lauf der Jahre nicht. Im Schnitt fünf- bis sechsmal musste Robbe jedes Jahr tätig werden. Meistens gelingt ihm eine gütliche Einigung. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Fall doch mal vor Gericht gelandet wäre.“ Ein Fall beschäftige ihn aber immer noch. „Da ging es drei bis vier Jahre immer wieder hin und her. Erst haben sich die Streitparteien geeinigt, dann ging es wieder los.“
Schlichtungsgespräch auf „neutralem Boden“
Aber wie werden die Schiedsleute überhaupt auf solche Streitigkeiten aufmerksam? „Die Leute beschweren sich häufig bei der Stadtverwaltung“, berichtet Xenia Nording, zuständige Fachbereichsleiterin bei der Stadt Weener. Das Ordnungsamt sei immer nur zuständig, wenn es um öffentliches Recht gehe. „Um die privatrechtliche Streitigkeiten kümmern sich die Schiedsleute.“
Tätlich angegriffen worden ist Robbe nach eigenen Angaben in all den Jahren nicht. „Bei meiner Größe und Erscheinung haben die Leute sich das vielleicht nicht getraut“, schmunzelt der stattlich gebaute 1,90-Meter-Mann. Tatsächlich liege das aber eher an einer ruhigen und sachlichen Herangehensweise. „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“, bringt Robbe die Philosophie auf den Punkt, mit der er die meisten Streithähne beschwichtigen konnte. Ein Grundsatz sei es für ihn immer gewesen, sich nie bei einem der Betroffenen zu treffen. „Höchstens, um sich ein Bild von einem Problembereich zu machen.“ Die eigentlichen Schlichtungsgespräche habe er immer auf „neutralen Boden“ geführt.
Insgesamt gibt es im Landkreis Leer 20 Schiedsämter. „Für uns sind die Schiedsleute eine wertvolle Ergänzung“, sagt Dr. Stefan von der Beck, Direktor des Amtsgerichts Leer. Eine außergerichtliche Einigung unter Bürgern entlaste nicht nur die Gerichte, sondern berge für die Streitparteien auch die Chance auf eine friedliche Streitbeilegung. „Vor allem bei Nachbarschaftsstreitigkeiten müssen die Leute ja weiter miteinander auskommen“, macht er deutlich. Wenn ein Streit vor Gericht lande, trage das nicht selten dazu bei, dass die Fronten erst recht verhärtet seien.