Osnabrück
Mithu Sanyal: „Identitti“ bringt Identitätsdebatte auf den Punkt
Welcher Roman wird mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet? Am 18. Oktober 2021 wird der Preis vergeben. Wir stellen die sechs Titel der Shortlist auf den Prüfstand. Heute: Mithu Sanyals „Identitti“.
Saraswati ist ein Idol: Charismatisch, Übergöttin aller Debatten über Identität, Mutterfigur. Doch was, wenn die Professorin für Postkolonialismus sich nur als Deutsche mit indischen Wurzeln ausgegeben hat, eigentlich Sarah Vera Thielmann heißt und weiß ist? «Identitti» ist Mithu Sanyals viel besprochenes Romandebüt, das die aktuelle Identitäts-Debatte unserer Gesellschaft ins Zentrum rückt.
Realer Hintergrund
Auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises hat es die 50-Jährige nun mit dieser Geschichte geschafft, die unglaublich erscheint, aber auf realem Hintergrund basiert. 2016 war im Nordwesten der USA ein Fall an die Öffentlichkeit gekommen, in dem sich die Bürgerrechtsaktivistin Rachel Dolezal zwar immer als Schwarze bezeichnet hatte, tatsächlich aber das Kind weißer Eltern ist. Sanyal überträgt Teile dieses Falls geschickt an eine deutsche Universität in Düsseldorf.
Weiße müssen raus
«Saraswati hat eine Stimme, die dir den Stift reicht, damit du mitschreiben kannst» - so wird die Professorin in dem Roman beschrieben. Ihre erste Amtshandlung in einem Seminar ist es, alle Weißen aus dem Hörsaal zu werfen. Für ihre Studierenden wird sie dadurch zur Identitätsfigur. So auch für die Protagonistin des Romans, Nivedita: «Saraswati schenkte Nivedita ein Vokabular und eine Sprache für ihr Leben.» Umso tiefer sitzt die Enttäuschung, als Saraswati plötzlich als Betrug entlarvt wird. Nivedita konfrontiert ihr Idol und gerät in einen Strudel von Debatten über Identität.
Hautfarbe selbst definieren?
Der Roman lebt von den überraschenden Wendungen. Nichts ist, wie es scheint. Und wenn Niveditas Kopf raucht, wird auch dem Leser und der Leserin schwindelig von der nächsten Drehung, die Saraswati in ihren Erklärungen macht. Kann sich Saraswati als nicht weiß definieren, ohne das Erbe der Sklaverei in sich zu tragen? Sind ihre Bücher damit noch echt? Kann man seine Hautfarbe wie sein Geschlecht selbst definieren? Sanyal ist klug genug, auf diese Fragen keine eindeutigen Antworten zu geben.
Abbild einer Generation
Ihr Roman ist dabei ein Abbild einer ganzen Generation: Der jungen, meist intellektuellen Menschen, die bei einem Glas Rotwein über den französischen Philosophen Foucault diskutieren, sich mit ihren Pronomen vorstellen und das feministische «Missy Magazin» abonniert haben. Sanyal flicht immer wieder geschickt Elemente der Wirklichkeit in den Roman ein. Soziale Netzwerke wie Twitter spielen eine große Rolle. So tauchen auf einigen Seiten Tweets von realen Menschen wie Antje Schrupp, Kübra Gümüsay oder Magda Albrecht auf. Sanyal schafft eine Mischung aus fiktiven und realen Tweets, die ihr die Autorinnen und Aktivistinnen tatsächlich extra für den Roman geschrieben und gespendet haben.
Bild von Markus Lanz
Ein wohlig vertrautes Gefühl lösen beim Lesen auch die popkulturellen Bezüge auf. So taucht bei der Erzählung von Saraswatis Besuch einer politischen Talkshow direkt das braune Fernsehstudio und ein nach vorne gebeugter Markus Lanz vor dem inneren Auge auf. Mithu Sanyal lässt die Worte und bildreichen Beschreibungen förmlich auf die Leser und Leserinnen einprasseln: «Neunzehn Betonetagen des Deutschlandfunks hoch, die prekär auf einem winzigen Sockel balancierten, der sich zum Rest des Funkhauses verhielt wie der Feuerschweif auf grafischen Darstellungen des Rückstoßprinzips zum Flugkörper», wird beispielsweise das Gebäude des Deutschlandfunks beschrieben.
Buch bringt zum Lachen
Sanyals Buch bringt zum Lachen, zum Staunen und lässt einen atemlos zurück. Doch viel direkte Rede und lange Beschreibungen sorgen auch mal für ermüdende Sätze: «Ihr Haar lag lang und schwarz und schwer auf ihrem Nacken und ließ Niveditas eigenen Nacken bis hinunter zwischen die Schulterblätter prickeln in Erinnerung an das Streicheln der Borsten auf ihrer Haut, wenn Priti ihr die Haare bürstete, ein synästhetisches Ganzkörpererlebnis, das sonst nur Regen auf fließendem Wasser in Nivedita auslöste, oder die Bilder von Amrita Sher-Gil, oder Marihuana.» Dennoch ist Mithu Sanyals «Identitti» (Carl Hanser) vielleicht das Buch der Stunde. Denn es fängt auf humoristische Art aktuelle Debatten rund um Identitätspolitik ein und schafft es, den Leserinnen und Lesern neue Perspektiven aufzuzeigen. (dpa)
Mithu Sanyal: Identitti. Roman. Hanser-Verlag. 430 Seiten. 22 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier.