Papenburg
RS-Virus breitet sich weiter aus
In der Kinderklinik in Papenburg liegen mehr als 20 Kinder und Jugendliche mit dem sehr ansteckenden Respiratorischen Synzytial-Virus (abgekürzt RS-Virus). Das sind ungewöhnlich viele Patienten.
Papenburg - Das RS-Virus grassiert in Papenburg derzeit so stark, dass Betten und Sauerstoffgeräte in der Kinderklinik am Marien-Hospital knapp werden. Etwas entspannter sieht die Lage in den Krankenhäusern in Meppen und Lingen aus.
Am Sonntag, 17. Oktober, wird Lars zwei Jahre alt. Ob der kleine Mann seinen Geburtstag aber zu Hause feiern kann, steht noch in den Sternen. Seit dem vergangenen Wochenende liegt Lars mit seiner Mutter Kerstin Eichhorn auf einem Zimmer in der Kinderklinik am Marien-Hospital in Papenburg. Das Respiratorische Synzytial-Virus (abgekürzt RS-Virus) hat den kleinen Körper des Jungen komplett aus der Bahn geworfen. „Er ist total schlapp, muss aber zum Glück nicht mehr an das Sauerstoffgerät“, zeigt sich die Mutter erleichtert. Die eine Nacht, in der ihr Nachwuchs auf das Gerät angewiesen war, sei kaum auszuhalten gewesen. Was den Heilungsverlauf des fast Zweijährigen betrifft, zeigt sich Dr. Torsten Kautzky vorsichtig optimistisch. „Die Chancen, dass Lars seinen Geburtstag zu Hause feiern kann, stehen gar nicht so schlecht.“
Ein Kind musste nach Bremen verlegt werden
Für den Chefarzt der Kinderklinik eine erfreuliche Nachricht in sehr herausfordernden Tagen. Von den 23 Betten der Kinderklinik sind aktuell nach Angaben des Neuropädiaters 22 Betten mit jungen Patienten mit RS-Virus belegt. Der jüngste Patient ist gerade mal elf Tage alt. „Wir sind am Limit“, sagt Kautzky am Dienstag im Gespräch mit unserer Redaktion.
16 Kinder mussten dem Chefarzt zufolge an ein Sauerstoffgerät angeschlossen werden. Bis sie wieder entlassen werden können, vergehen laut Kautzky zwischen drei und sieben Tagen. „Wir versuchen möglichst früh zu entlassen, wissen aber auch um den schmalen Grat. Die nächsten jungen Patienten drängen aber schon wieder ins Krankenhaus“, erklärt der Chefarzt. Ein Kind musste nach seinen Worten aufgrund fehlender Kapazitäten in eine Kinderintensivklinik nach Bremen verlegt werden. Die hiesigen Kliniken würden sich Kautzky zufolge gegenseitig unterstützen und Patienten bei freien Betten übernehmen. Geplante Untersuchungen anderer Patienten in der Kinderklinik des Marien-Hospitals wurden dem Chefarzt zufolge verschoben.
RS-Virus führt zu Erkrankungen der unteren Atemwege
Das RS-Virus führt normalerweise nur in den Wintermonaten zu schweren Erkrankungen der unteren Atemwege. Vor der Corona-Pandemie waren die Verläufe in aller Regel nur bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum Alter von drei Jahren so schwer, dass die Infektionen von den oberen auf die unteren Atemwege übergriffen und dadurch die Behandlung im Krankenhaus erforderlich machten. Das hat sich in diesem Jahr allerdings geändert.
Das RS-Virus tritt nicht nur deutlich früher auf, sondern betrifft auch ältere Kinder als sonst üblich. Hintergrund ist Kautzky zufolge, dass viele Kinder aufgrund von Kita-Schließungen und anderen Corona-Schutzmaßnahmen im vergangenen Winter und Frühjahr nicht mit den Erregern in Kontakt kamen, so dass die Infekte jetzt nachgeholt werden. „In diesem Jahr kommt es vermehrt und verstärkt zu Atemwegsinfekten, weil der Körper verlernt hat, sich damit auseinanderzusetzen. Das Immunsystem wurde über viele Monate nicht trainiert“, erklärt Kautzky. Bundesweit spitzt sich daher die Lage in Kinderkrankenhäusern und Kinderarztpraxen aus diesem Grund zu. Eine solche Welle habe er, so der Chefarzt, in seiner bisherigen beruflichen Karriere noch nicht erlebt. Da das RS-Virus sehr ansteckend sei, ist die Behandlung nach Angaben des Arztes sehr zeitintensiv. Ähnlich wie bei der Behandlung von Corona-Patienten muss das medizinische Personal vor dem Betreten der Zimmer sich mit Handschuhen, Mundschutz und Kittel einkleiden. Hinzu komme, dass Untersuchungen bei Kindern nicht vergleichbar seien mit denen bei Erwachsenen. „Wir sind froh, wenn Kinder eine Behandlung wie das Inhalieren einer Kochsalzlösung tolerieren. Da braucht es schon viel Geschick und Fingerspitzengefühl.“
Eltern sind mit den Nerven am Ende
Ähnliche Fähigkeiten seien auch beim Umgang mit den Eltern gefragt. „Die sind natürlich mit den Nerven am Ende“, weiß Kautzky. Das eigene Kind angeschlossen an ein Sauerstoffgerät zu sehen, sei eine enorme Belastung. „Deshalb nehmen wir die Eltern so gut es geht mit.“ Ein Elternteil dürfe auch mit auf das Zimmer. Präventive Maßnahmen, die verhindern sollen, dass das Virus den Nachwuchs befällt, gebe es kaum.
„Eigentlich ist es ja auch gut, dass Kinder das durchmachen und so der Körper gestärkt wird.“ Als Symptome einer Ansteckung mit dem RS-Virus nennt Kautzky zähen grünen Nasenschleim, einen bellenden Husten sowie Durchfall bei manchen Kindern. Hohes Fieber trete in der Regel nicht auf. „Sind Eltern in Sorge, ist es ratsam, lieber einmal mehr den Arzt aufzusuchen als zu wenig“, so Kautzky, der von einer Entspannung der Lage nicht vor Ende des Jahres ausgeht.
Noch nicht ganz am Limit sind derweil die Krankenhäuser in Meppen und Lingen. „Aktuell behandeln wir zwischen fünf und sieben Kinder mit Infekten der oberen und auch unteren Atemwege auf Station, die meisten davon mit dem RS-Virus“, teilt Dr. Christian Chen, Chefarzt der Pädiatrie im Meppener Ludmillenstift, auf Anfrage mit. Die Station ist nach seinen Worten gut ausgelastet. „Bisher hatten wir aber genug Kapazitäten. Schwere Verläufe, die eine Atemunterstützung brauchen, hatten wir bisher noch nicht“, erklärt Chen. Noch keinen festen Trend könne man derweil am Bonifatius-Hospital in Lingen festmachen. „Wir sehen einen wellenförmigen Verlauf, weswegen sich die Zahlen täglich ändern. Tendenziell stellen wir allerdings eine Abnahme fest“, teilt Dr. Ruth Lehbrink, Chefärztin der Kinderklinik des Bonifatius-Hospitals, mit. Das Krankenhaus verfügt nach ihren Angaben weiterhin über genug Kapazitäten, um auch die anderen Krankheitsbilder zu behandeln.