Emden

Henri Nannen: Sein Leben zwischen „Stern“ und Kunsthalle Emden

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 12.10.2021 18:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Doyen der bundesdeutschen Nachkriegspresse: Der Publizist, Herausgeber, Chefredakteur, Gründer des Hamburger Magazins „Stern“ und Kunstmäzen Henri Nannen mit einer Ausgabe seiner Zeitschrift an seinem Schreibtisch in Hamburg. (Undatierte Aufnahme). Foto: Bokelmann - Stern/dpa Foto: Fotoreport Stern Hamburg Bokelma
Doyen der bundesdeutschen Nachkriegspresse: Der Publizist, Herausgeber, Chefredakteur, Gründer des Hamburger Magazins „Stern“ und Kunstmäzen Henri Nannen mit einer Ausgabe seiner Zeitschrift an seinem Schreibtisch in Hamburg. (Undatierte Aufnahme). Foto: Bokelmann - Stern/dpa Foto: Fotoreport Stern Hamburg Bokelma
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Er schrieb NS-Heftchen und kämpfte für Brandts Ostpolitik: Henri Nannen. Als Gründer setzte er Maßstäbe, mit dem „Stern“ und der Kunsthalle Emden.

Bilder machen Geschichte: Henri Nannen hatte das im Gespür. 1988 holt er Bilder aus der Sowjetunion nach Emden, Bilder oppositioneller Künstler, die zuvor niemand im Westen zu sehen bekam. Ein Jahr vor dem Mauerfall ist das ein Coup. Nannen, der Stern-Gründer und Kunsthallen-Stifter, weiß das. Als der LKW mit den Kunstkisten vor der Kunsthalle ankommt, springt er mit Helfern auf die Ladefläche, holt eine Kiste herunter, öffnet sie auf der Straße mit dem Stemmeisen, hält den Fotoreportern das erste Bild entgegen. „Glasnost“: Die Ausstellung heißt wie die Politik von Michail Gorbatschow in Moskau. Und Henri Nannen inszeniert Weltgeschichte - in Emden. Hier weiterlesen: Kunstgenuss mit Bootsanleger - die Kunsthalle Emden.

„In Emden gelassener geworden“

„In Emden war er gelassener geworden“, erzählt seine Witwe Eske Nannen heute. Einmal Journalist, immer Journalist - diese Regel habe auch für Henri Nannen gegolten. Aber in Emden hat er sein zweites Leben gefunden, sein Leben nach dem „Stern“, den er 1948 in Hannover gründete. Henri Nannen steht am 13. Oktober 2021, dem 25. Jahrestag seines Todes 1996, für bundesdeutsche Presse- und Mediengeschichte. Und für jene Generation von Kulturgründern, die in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Kunst popularisierten. Hier weiterlesen: Wie geht es weiter mit der Kunsthalle Emden? Eske Nannen im Interview

„Immer noch sehr präsent“

„Auch nach 25 Jahren ist er für mich unglaublich präsent“, sagt Eske Nannen, die die Emder Kunsthalle mit ihrem Mann zusammen aufbaut. 1986 geht das Haus an den Start, Bundespräsident Richard von Weizsäcker kommt zur Eröffnung. Wie auch sonst? Nannen ist nicht nur Vollblut-Publizist und Magazingründer, er will bewegen. Und er kennt alles, was Rang und Namen hat in der Politik, steht Seite an Seite mit Willy Brandt, sitzt vertraulich auf dem Schreibtisch von Leonid Breschnew, dem damaligen Lenker der Sowjetunion. Henri Nannen berichtet über Politik, er macht sie aber auch. Und er lässt sich porträtieren, natürlich von DDR-Maler Bernhard Heisig, ebenso wie der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Darsteller für Leni Riefenstahl

Der Stern, anfangs eine Illustrierte, wird unter Nannen zum Forum linksliberaler Gesellschaftsreform. Legendär das Cover des Stern, auf dem am 6. Juni 1971 promiente Frauen bekennen, abgetrieben zu haben, unter ihnen Senta Berger und Romy Schneider - ein Schlag gegen den damals bekämpften Paragraph 218. Henri Nannen steht links. Aber er hat als junger Mann auch den Heftchenroman „Störfeuer von MI71“ geschrieben, in Propagandakompagnien der Nationalsozialisten gedient. Sogar in Leni Riefenstahls Film „Olympia“ von 1938 hat er einen Auftritt. Erst mittendrin in der Propagandamaschine des Nationalsozialismus, später linker Reformer - Nannen hat, wie viele seiner Berufskollegen nach 1945, den Bruch einer Generation in seiner Biographie.

Jüdische Schulfreundin

Er sei feige gewesen, habe sich nicht gewehrt, gesteht er später. Eske Nannen wird bei dem Thema nachdenklich. „Ich habe den Riefenstahl-Film gesehen, Interviews gelesen“, berichtet sie von ihrer ganz persönlichen Aufklärungsarbeit. Und das Verhältnis zu ihrem Mann? „Das hat nichts geändert. Ich habe zu Hause den sehr liebevollen Henri Nannen kennengelernt“. Der mag er auch während des Dritten Reiches immer wieder gewesen sein. Er steht Juden bei. Es ist seine jüdische Schulfreundin Cilly Windmüller, die ihm die Kunst nahebringt. Emil Noldes Lithographie „Junge Dänin“ erinnert ihn an sie. Er platziert sie auf dem Cover seines Kataloges der Kunsthalle. Titel: „Bilder, die ich liebe“.

Ein Mann mit Charisma

„Henri mochte Bilder, die ihn bewegten, berührten“, sagt Eske Nannen. In Emden bauen die beiden das Haus für seine Bilder, ein Museum mit dem Charme der guten Stube. Franz Marcs „Blaue Fohlen“: Dieses Bild ist das stille Programm des Hauses. Es steht für jene Kunst der Moderne, in der sich die Bundesrepublik nach dem Desaster des Dritten Reiches wiedererkennen möchte - modern, international, aufgeschlossen. Henri Nannen gibt wieder die Richtung vor, der große Mann, der mit seinem Charisma jeden Raum sofort fluten kann. Eske Nannen arbeitet weiter für die Kunsthalle. Aber an seinem 25. Todestag hat sie nur Sinn für die ganz persönliche Erinnerung: „Henri konnte so herzlich lachen“.

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