Ernährung

Stillen – nicht nur Nahrung, sondern auch Nähe

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Von Ute Nobel
| 05.10.2021 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Weltstillwoche soll auf das Stillen als passendste Ernährungsform aufmerksam machen. Foto: Paul Zinken/dpa
Die Weltstillwoche soll auf das Stillen als passendste Ernährungsform aufmerksam machen. Foto: Paul Zinken/dpa
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Muttermilch ist unumstritten das Beste fürs Baby. Rund ums Stillen halten sich aber auch hartnäckig allerlei Ammenmärchen. Wir haben eine Hebamme aus Aurich gefragt, was wichtig und richtig ist.

Aurich/Ostfriesland - Seit dem 4. Oktober bis zum 10. Oktober findet in diesem Jahr die Weltstillwoche statt. Sie soll auf das Stillen als natürliche und passendste Ernährungsform für Säuglinge aufmerksam machen. In diesem Jahr heißt das Motto „Stillen. Unser gemeinsamer Weg“. Die OZ hat sich mit einer Hebamme aus Aurich rund ums Thema Stillen unterhalten und dabei auch einige landläufige Tipps als Ammenmärchen entlarvt.

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Stillen in der Öffentlichkeit: Wie denken Sie darüber?
05.10.2021

Alexandra Löschen kennt sich aus mit dem Stillen. Nicht nur, weil die 42-Jährige Hebamme in der Gemeinschaftspraxis „Storchennest“ in Aurich ist, sondern weil sie ihre beiden Kinder selbst gestillt hat – und zwar sehr lange, wenn man sich im Vergleich die durchschnittliche Stilldauer in Deutschland ansieht. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat dazu zwischen 2014 und 2017 eine Datenerhebung gemacht. Demnach betrug in Deutschland die durchschnittliche Stilldauer acht Monate. Alexandra Löschen hat weit darüber hinaus gestillt. „Drei und Zweidreiviertel Jahre – natürlich nicht ausschließlich“, sagt sie. In den ersten sechs Monaten habe sie voll gestillt, danach war das Stillen vor allem eine Einschlafhilfe. „Und manchmal ist es eben auch einfach nur Kuscheln und Beruhigung, das darf man auch nicht vergessen“, sagt Löschen. Dass sie ihre Kinder so lange gestillt hat, sei nie ein Problem gewesen, sagt sie. „Es war sogar so, dass ich meine Kinder zum Beispiel nach dem Essen beim Italiener quasi als Nachtisch angelegt habe“, erzählt die Hebamme, „da hat nie jemand was gesagt“. Es gebe aber auch Frauen, die sich damit nicht so wohl fühlten. Und auch einige, die sich nur durch den gesellschaftlichen Druck fürs Stillen entschieden, weiß Löschen. Dabei war das Stillen noch vor einigen Jahrzehnten gar nicht so gut angesehen. Aus dieser Zeit kommen auch noch einige landläufige Meinungen zu dem Thema, die die Hebamme für die OZ unter die Lupe genommen hat.

Was und warum

Darum geht es: Vom 4. bis zum 10. Oktober findet die Weltstillwoche statt. Welche Mythen drehen sich eigentlich ums Stillen? Und welche entpuppen sich als Ammenmärchen? Wir haben eine Hebamme gefragt.

Vor allem interessant für: Mütter, deren Familie und Freunde

Deshalb berichten wir: Immer noch halten sich einige landläufige Meinungen über das Stillen hartnäckig. Außerdem wird besonders in Ostfriesland häufig erwartet, dass direkt nach der Geburt Familie und Nachbarn eingeladen werden. Wir wollten wissen, ob das gesund ist.

Die Autorin erreichen Sie unter: u.nobel@zgo.de

These: Alle Frauen können stillen.

Grundsätzlich könnte man dieser These schon zustimmen, sagt Löschen – allerdings mit Einschränkungen. „Ich denke schon, dass alle Frauen stillen können, aber sie müssen es auch wollen.“ In 18 Jahren habe sie nur drei Frauen betreut, bei denen es wirklich nicht geklappt habe, obwohl sie es wollten. „Wenn man es wirklich will, dann nimmt man eben auch einiges in Kauf – sei es das Abpumpen oder die wunden Brustwarzen“, sagt Löschen. Es gebe aber eben auch Frauen, für die das Stillen keine absolute Wunschvorstellung ist. „Die machen das dann häufig, weil der gesellschaftliche Druck so groß ist“, so die Hebamme. Mittlerweile sei es nämlich schon in der Gesellschaft präsent, dass Stillen das beste fürs Kind ist. „Aber man soll sich nicht quälen, es muss sich für alle Beteilgten gut anfühlen und darf nicht in Stress ausarten.“ Es sei viel wichtiger, dass die Mutter entspannt und glücklich sei – auch für das Baby. Und man sollte keine Mutter veurteilen, die sich dann eben fürs Fläschchen entscheidet.

These: Stillen klappt ganz von alleine.

„Nein, viele Frauen und vor allem die Babys müssen das Stillen lernen“, sagt Löschen. Zwar robben sich die Babys nach der Geburt schon selbst an die Brust der Mutter. „Aber natürlich wissen sie noch nicht, wie weit sie ihren Mund aufmachen müssen und wie sie die Brustwarze am besten greifen“, so die Hebamme. Und genauso müsse auch die Mutter erst einmal lernen, wie sie das Kind anlegt und welche Stillpositionen es gibt.

These: Ab sechs Monaten brauchen Kinder feste Nahrung

„Viele Kinder zeigen zwischen vier und sechs Monaten Interesse an fester Nahrung“, sagt Löschen. Wenn das ein bisschen länger dauern würde, sei es aber auch nicht schlimm. „Es gibt Kinder, die finden Essen so cool, dass sie sich dann direkt selbst abstillen. Es gibt aber auch welche, die nach dem ersten Löffel Brei erst einmal wieder komplett aufs Stillen umsteigen“, erzählt die Hebamme.

These: Gestillte Kinder schlafen nachts schlechter

„Richtig ist, dass Kinder ab einem halben Jahr nicht mehr nachts stillen müssen, um zu überleben.“ Und richtig sei auch, dass gestillte Kinder nicht so häufig in eine Tiefschlafphase übergingen. „Das kann aber auch Vorteile haben, es soll zum Beispiel dem plötzlichen Kindstod vorbeugen“, sagt Löschen. Dass ein Kind wirklich besser schläft, wenn man es abstillt, sei ein Ammenmärchen. „Auch da ist jedes Kind unterschiedlich. Es gibt gestillte Kinder, die nachts nur einmal wach werden, aber auch Kinder, die mit der Flasche gefüttert werden und sich häufiger melden.“

These: Stillen ist das Beste fürs Kind

Ja, das könne man grundsätzlich so sagen, meint Löschen. Aber: „Jede Frau sollte das selbst entscheiden dürfen.“ Mittlerweile gebe es auch gute Alternativen, um die Versorgung des Kindes müsse man sich da erstmal keine Sorgen machen. Trotzdem bietet Stillen eine Menge Vorteile. „Menschenmilch ist für den Menschen gemacht“, sagt Löschen. Die Milch sei perfekt für Babys zusammengesetzt. Man habe sie außerdem immer dabei, sie sei perfekt temperiert und keimfrei. „Sie kann nicht schlecht werden und ist leicht verdaulich“, sagt die Hebamme. Außerdem sei das Trinken an der Brust eben nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern auch Trost, körperliche Bindung und eine emotionale Versorgung des Kindes. Darum rät die Hebamme auch den Frauen, die ihre Babys mit dem Fläschchen füttern: „Häufig Körperkontakt herstellen, gerne auch Haut auf Haut. Und auch bei der Flasche macht es durchaus Sinn, mal von rechts und mal von links zu füttern, damit das Baby das Köpfchen dreht.“

These: Nach der Geburt müssen so schnell wie möglich Nachbarn und Familie eingeladen werden.

„Das ist ein Phänomen, das ich hauptsächlich aus Ostfriesland kenne.“ Da werde erwartet, dass direkt alle eingeladen werden und es Kinnertön oder Bohntjesopp gebe. „Dabei ist die erste Zeit so wichtig, um sich kennenzulernen“, sagt Löschen. Sie gebe den Frauen, die sie betreut, immer folgenden Tipp: „Besuch kann eingeladen werden, wenn sich die Mutter dazu bereit fühlt. Und am besten unter der Bedingung, dass niemand kommt, ohne etwas zu essen mitzubringen. So hat jeder etwas davon – die Familie darf das Baby sehen und die Mutter muss nicht kochen.“

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