Intern
Wir fühlen, was wir lesen
Nicht immer kommen unsere Botschaften bei den Lesern so an, wie wir sie gemeint haben. Das sorgt bisweilen für erhöhten Blutdruck - bei den Empfängern und bei uns als Sendern.
Lieber Leser, denken Sie jetzt bitte nicht an einen rosa Elefanten! Wetten, dass jeder von Ihnen gerade doch an einen rosa Elefanten gedacht hat. Anderes Beispiel: Wenn Sie einen Artikel über alte Menschen gelesen haben, werden Sie beim anschließenden Gang in die Küche langsamer unterwegs sein, als wenn Sie einen Sportbericht lasen. Wir fühlen, was wir lesen oder hören oder sehen. Und wir fühlen in Bildern. „Framing“ heißt dieses Phänomen wissenschaftlich. Die deutsche Linguistin Elisabeth Wehling, die in Kalifornien forscht, hat darüber faszinierende Bücher und vor zwei Jahren ein höchst umstrittenes Gutachten für die ARD geschrieben.
Ein solches „Frame“ löste vor ein paar Tagen mein Kollege Andreas Ellinger in den Köpfen aus. Er schrieb, dass das Verhalten von Parteien, hier der SPD, Mandatsträger zu bestrafen, wenn sie ihre Sonderabgaben an die Partei nicht in voller Höhe zahlen, an das Verhalten von Organisationen wie der Mafia erinnere. Ein Vergleich, über den man streiten kann.
Aber: Obwohl Ellinger seine Metapher durchaus differenziert begründete, wurde ein Frame aktiviert, das seiner These nicht entsprach: Mafia = kriminell = Mord- und Totschlag. Im Kontext mit der SPD wird daraus das Frame „Mafia = SPD = ganz böse“. Der folgende Satz „Die SPD ist nicht die Mafia“ löste dieses Frame nicht mehr auf.
Die Folge: Einige führende Köpfe der SPD in Ostfriesland (und vermutlich noch viele andere) waren stinksauer. Mit der Mafia in einem Atemzug genannt zu werden, fanden sie „ungeheuerlich“. Durchaus verständlich, auch wenn Ellinger das weder geschrieben noch gemeint hatte. Kommunikation hat immer zwei Seiten, und dass Sender und Empfänger eine Botschaft gleich verstehen, ist alles andere als die Regel.
Was heißt das für uns als Journalisten und Sie als Leser? Erst einmal, dass wir oft missverstanden werden. Aber natürlich auch, dass wir unsere Worte mit Bedacht setzen müssen, in Kenntnis dessen, welche Frames wir auslösen. Und denken Sie bitte nicht, dass ich beim Schreiben dieses Artikels eine Zigarre rauchen würde.
Kontakt: j.braun@zgo.de