Osnabrück

Packend: Der Tatort „Borowski und der gute Mensch“ aus Kiel

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 28.09.2021 18:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Da ist er wieder: Frauenmörder Kai Korthals (Lars Eidinger) ist die Flucht gelungen, nun sucht er Kontakt zum Kieler Kommissar Borowski (Axel Milberg). © NDR/Thorsten Jander, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter NDR-Sendung bei Nennung „Bild: NDR/Thorsten Jander“ (S2). NDR Presse und Information/Fotoredaktion, Tel: 040/4156-2306 oder -2305, pressefoto@ndr.de Foto: NDR/Thorsten Jander
Da ist er wieder: Frauenmörder Kai Korthals (Lars Eidinger) ist die Flucht gelungen, nun sucht er Kontakt zum Kieler Kommissar Borowski (Axel Milberg). © NDR/Thorsten Jander, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter NDR-Sendung bei Nennung „Bild: NDR/Thorsten Jander“ (S2). NDR Presse und Information/Fotoredaktion, Tel: 040/4156-2306 oder -2305, pressefoto@ndr.de Foto: NDR/Thorsten Jander
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Am Sonntag zeigt die ARD den Tatort „Borowski und der gute Mensch“ - dritter Teil des packenden Duells zwischen dem Kieler Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und Frauenmörder Kai Korthals (Lars Eidinger).

Schon zweimal trafen die Ausnahmeschauspieler Axel Milberg als Kommissar Klaus Borowski und Lars Eidinger als Frauenmörder Kai Korthals im Kieler Tatort aufeinander - 2012 und 2015. Die packenden Duelle „Borowski und der stille Gast“ sowie „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ (beide in der ARD-Mediathek) gelten längst als Perlen der über 50-jährigen Tatort-Geschichte. So prickelnd, dass der NDR sich zu einer dritten Auflage entschieden hat.

Wobei die Tatort-Koordinatoren der ARD mal wieder ein besonders ungeschicktes Händchen für die Programmierung der einzelnen Folgen beweisen: Erst in der letzten Folge aus Köln ging es vor 14 Tagen um Gewalttäter, die über Brieffreundschaften aus dem Knast heraus Kontakt zu Frauen aufnehmen - nun ist es Kai Korthals, der in seiner Zelle sitzt und Liebesbriefe von Frauen liest, die sich von einem wie ihm magisch angezogen fühlen. Immerhin: Der Film ist ein ganz anderer.

So war der Tatort „Der Reiz des Bösen“ aus Köln

Als Korthals‘ beeindruckender Auftritt in Schillers „Die Räuber“ während einer Probe der Theater-AG in einen Tumult mündet, bei dem die Feuerwehr anrücken muss, gelingt dem Frauenmörder die Flucht aus dem Maßregelvollzug für vermindert Schuldfähige. Das ist der Auftakt zum dritten und finalen Duell zwischen ihm und Borowski, dem der Kommissar nur äußerlich mit Gelassenheit entgegensieht. Sogar sonderbar unbeteiligt. Obwohl Korthals sehr schnell wieder eine Frau tötet und Borowski die Briefeschreiberinnen in höchster Gefahr wähnt.

Das hat seine Gründe wie Axel Milberg im Senderinfo erläutert: „Wir sehen hier einen Täter, der das Böse nicht genießt. Das Böse quält ihn selber. Es gibt ja sadistische Serienmörder, die ihre Taten auskosten. Dagegen ist Korthals sichtbar ein verzweifeltes Opfer seines Nichtwählenkönnens, und Borowski weiß inzwischen, dass es ihm immer nur um die Liebe und das Geliebtwerdenwollen geht, nie um irgendetwas anderes.“

So war der letzte Borowski-Tatort

Sehenswert und packend ist „Borowski und der gute Mensch“ allemal, was der Krimi vor allem der herausragenden Schauspielkunst von Lars Eidinger zu verdanken hat. Er spielt den gefährlichen Psychopathen Korthals derart intensiv und ausdrucksstark, dass einem im Fernsehsessel angst und bange werden kann.

Das sieht auch Drehbuchautor Sascha Arrango so, der mit acht Drehbüchern ein ausgesprochener Spezialist für den Kieler Tatort ist: „Lars hat der Figur eine Zerbrechlichkeit, Unsicherheit und etwas Jünglinghaftes gegeben, was ich beim Schreiben gar nicht gesehen habe,“ sagt er. „Und dann habe ich in seinen Augen die Tränen gesehen vor der Tat, wenn er sagt: Ich wollte nicht, dass das jetzt passiert. Sein Spiel hat mich unglaublich gerührt und mir erst die Dimensionen eröffnet, was in der Figur noch alles drin ist. Vielleicht wäre sie nicht so multidimensional geworden, wenn sie ein anderer gespielt hätte. Ich allein hätte sie mir nicht so facettenreich ausdenken können.“

„Sensationelle Idee“

Auch der so Hochgelobte selbst hat einen ganz besonderen Reiz an der Figur entdeckt: „Mir gefällt, jemanden ins Zentrum zu stellen, der die Öffentlichkeit scheut, der kaum dem Blick des Gegenübers standhält und in der direkten Konfrontation vor Aufregung ins Stottern gerät. Es hat etwas von einem Seziertisch, wie dieser Mensch unter die Lupe genommen wird. Dass er scheinbar durch Wände gehen kann, ein Lebensdieb ist, wie Borowski sagt, also in fremde Wohnungen eindringt und dort die Zahnbürsten anderer benutzt, ist eine sensationelle Idee des Autors Sascha Arango, weil es eine unserer Urängste anspricht.“

Für die wenigen komischen Momente sorgt hingegen die wunderbare Victoria Trauttmansdorff. Sie hat man schon in den unterschiedlichsten Rollen gesehen, aber wohl noch nicht als osteuropäische Reinigungskraft.

Und doch gibt es zum Ende Abnutzungserscheinungen. So manche Wendung ist vorhersehbar, phasenweise wirkt das Duell von Kommissar und Frauenmörder überzeichnet, ihr Verhältnis zueinander zunehmend sonderbar. Und so ist der dritte Teil der Trilogie im Vergleich zu den beiden herausragenden Vorgängern die schwächste Episode. Gut also, dass nach dieser Folge Schluss ist.

Tatort: Borowski und der gute Mensch. Das Erste, Sonntag, 3. Oktober 2021, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen

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