Marktsteft
Warum dieser Mann Brustwarzen und Genitalien tätowiert
Andy Engel ist Tätowierer aus Leidenschaft und bekannt für seine fotorealistischen Motive. Sein Talent nutzt er seit einigen Jahren dafür, Frauen nach überstandenen Brustkrebs-Operationen wieder ein gutes Körpergefühl zu geben.
Das schönste Gefühl, so sagt es Andy Engel, ist, wenn eine Frau zur Nachbehandlung kommt und mit Freudentränen in den Augen und einem Strahlen im Gesicht vor ihm steht. Seit 28 Jahren spritzt der Tätowierer aus Marktsteft (Bayern) seinen Kunden Farbe unter die Haut. Und eines Tages erreichte ihn ein ganz spezieller Wunsch.
„Eine meiner Stammkundinnen bat mich darum, ihr nach ihrer Brustkrebs-Behandlung neue Brustwarzen zu tätowieren“, sagt Engel im Gespräch mit unserer Redaktion. Zunächst habe er ablehnen wollen, denn zu groß habe sich die Verantwortung angefühlt. Doch schließlich willigte er ein. „Zum Glück“, sagt er heute.
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Kunden kommen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz
Denn Andy Engel wurde zum Initiator der Brustwarzenrekonstruktion, gründete mit der medbwk eine eigene GmbH und behandelt mittlerweile Frauen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Allein im vergangenen Jahr sorgte er dafür, dass sich 220 seiner Kundinnen wieder wohl in ihrem Körper fühlen.
Kein leichtes Unterfangen, denn operierte Haut zu tätowieren, ist eine Herausforderung und bedarf großer Fachkompetenz. „Es war ein Prozess, bis ich wusste, was eine Bestrahlung, Medikamente und Chemotherapie mit der Haut machen“, sagt Engel. So seien bestimmte Brauntöne unmittelbar nach dem Tätowieren nicht sichtbar, allerdings nach dem Verheilen.
Verschiedene Arten der Brustwarzenrekonstruktion möglich
Durch eine enge Zusammenarbeit mit Ärzten und Medizinern perfektionierte der 49-Jährige seine Arbeit immer weiter, ließ 24 spezielle Farbtöne sowie eigene Nadeln und Maschinen herstellen.
Je nachdem, was sich die Kundin wünscht, kann die Brustwarze während einer OP mit eigenem Gewebe (etwa vom Augenlid oder den Vulvalippen) wieder hergestellt werden. Engel sorgt dann für das Einfärben des Nippels und rekonstruiert den Warzenvorhof. Es ist aber auch möglich, die Brustwarze durch ein dreidimensionales Tattoo wieder sichtbar zu machen. „Eine optische Täuschung quasi“, so Engel.
Andy Engel: „Frauen sehen sich nicht mehr im Spiegel an“
Seit 2008 bietet Andy Engel die Brustwarzenrekonstruktion in seinem Tattoo-Studio an und hat in alle den Jahren viel darüber gelernt, was Brustkrebs mit der Psyche der Frauen macht. „Viele fühlen sich schlecht, sehen sich seit Jahren nicht mehr im Spiegel an und zeigen sich nicht mehr nackt vor ihren Kindern oder dem Partner.“ Ein Schwimmbad oder Saunabesuch - für viele undenkbar. Der Blick auf die von der Brustkrebs-Behandlung entstellte Brust sei für die Betroffenen nur schwer zu ertragen und erinnere jedes Mal an die Krankheit.
Kommt eine Kundin zu ihm, nimmt sich Engel daher immer besonders viel Zeit. „Wichtig ist, dass sie erstmal ankommt.“ Er hört sich die persönliche Geschichte an und sorgt für eine Vertrauensbasis. Dass er selbst einige Krebs-Erkrankungen im familiären Umfeld erlebt hat, hilft ihm dabei, einen Zugang zu den Menschen zu bekommen, sagt er.
Andy Engel tätowiert auch künstliche Penisse
Seit circa drei Jahren kommen auch Kunden in das Studio im unterfränkischen Landkreis Kitzingen, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen haben. So tätowierte Engel bereits den Penoid (künstlichen Penis) eines Kunden, weil dieser nach der Geschlechtsumwandlung nicht zu seiner Hautfarbe passte, sondern „schneeweiß“ war. „Beim Transplantieren verliert die Haut ihre Pigmente.“ Durch das optische Tätowieren von Äderchen und Fältchen habe er dafür gesorgt, dass der Penis auch wirklich realistisch aussieht.
Sein Können hat Engel mittlerweile schon an zwei Tätowiererinnen weitergegeben. Außerdem kämpft er dafür, dass die Kosten für die Brustwarzenrekonstruktion (1666 Euro) von den Krankenkassen übernommen wird. „Dann habe ich's geschafft“, sagt er.