Strande

Wer hat hier „Spacken“ gesagt? Reise zu Kubickis Stammtisch

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 24.09.2021 10:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mögen sich vermutlich nicht so sehr: Karl Lauterbach (links) und Wolfgang Kubicki. Der meint, die Leute im Norden würden Lauterbach „Spacken“ nennen. Foto: imago images (2)/Jürgen Heinrich/Political-Moments
Mögen sich vermutlich nicht so sehr: Karl Lauterbach (links) und Wolfgang Kubicki. Der meint, die Leute im Norden würden Lauterbach „Spacken“ nennen. Foto: imago images (2)/Jürgen Heinrich/Political-Moments
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Die Leute am Stammtisch in Strande sagen, Karl Lauterbach sei ein „Spacken“. Behauptet Wolfgang Kubicki. Wahlkampf am Limit. Reise zum Ursprung der Empörung.

Eine steife Brise weht am Hafen von Strande, der kleinen Gemeinde nördlich von Kiel. So sagen das Norddeutsche. Der Wetterdienst warnt vor Sturm. Der Wind pfeift um die Masten der festgemachten Segelboote. 

An der Promenade prägen Steppjacken und Walkingstöcke das Bild. Hier also wohnt Wolfgang Kubicki, Rechtsanwalt und Bundestagsabgeordneter. Grandseigneur und Agent Provocateur der FDP in einer Person. Immer gut für eine Schlagzeile.

Hier in Strande traf er sich kürzlich mit Bild-Chefreporter Paul Ronzheimer, der just aus Afghanistan zurückgekehrt war - Imagepflege. Bei einer Flasche Wein ging es vor allem um den Zeitgeist, dem Kubicki sich nicht beugen will. Aber auch um den Stammtisch hier in Strande, und was die Leute da so reden. Über Corona und über Karl Lauterbach, den SPD-Politiker, der in dieser Pandemie wirksamer war als jede Corona-Warn-App.

„Also man würde im Norden sagen“, setzte Kubicki an und grinste schelmisch: „,Spacken‘ oder ‚Dumpfbacke‘.“ Kubicki und Ronzheimer lachen. Rummms. Da war sie, die Schlagzeile! Es hatte sich gelohnt, die Flasche Wein zu öffnen.

Die Bild-Zeitung spitzte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter weiter zu: „In meiner Stammkneipe nennen sie einen wie Lauterbach ,Spacken‘ oder ,Dumpfbacke‘.“ Daneben ein Bild von Kubicki. Hatte er so zwar nicht gesagt, aber egal. Lauterbach giftete auf Twitter zurück: „Für den Vizepräsidenten des Deutschen Bundestags eine unwürdige Einlassung.“ Die Empörungsmaschine ist ein Perpetuum Mobile.

In Strande ist nichts davon zu merken, was Journalisten, Politiker und die restlichen Menschen auf Twitter bewegt. Aber es heißt ja auch, im Auge des Sturms sei es am ruhigsten. Manche sagen, der Ort nördlich von Kiel sei so etwas wie das St. Tropez der Ostseeküste Schleswig-Holsteins. Nur kleiner, versteht sich.

Ein Bus hält. Niemand steigt aus. Niemand steigt ein. Die Fischbude hat geschlossen. 

Kein Stammtisch in Sicht. „Joa, eine richtige Kneipe haben wir hier nicht“, sagt der Hafenmeister mit norddeutschem Zungenschlag und grinst. Vielleicht noch das „Alexy“ weiter die Promenade runter. Aber das hat heute Ruhetag. Pech gehabt.

Der Hafenmeister hat Zeit für einen Plausch. Die Urlaubssaison ist vorbei. Die Touristen sind fort. Noch pfeift der Wind um die Masten. Bald aber werden die meisten Boote an Land geholt und den Winter über eingemottet. Dann ist es am Hafen still. Auch Kubicki soll hier ein Boot haben. „Joa, der spitzt halt gerne zu“, sagt der Hafenmeister über den Lokalpromi und zieht dabei die Vokale in die Länge.

Wo geht der denn hier sonst so hin, um Volkes Stimme zu hören? Auf der anderen Seite der Promenadenstraße sind zwei weitere Lokale, das „Acqua“ und das „Strandhotel“. Manche sagen das eine, manche das andere sei Kubickis Stammlokal.

Da sei der Liberale manchmal, bestätigt auch der Hafenmeister. Und tatsächlich! Kubicki. In einem abgeschlossenen Pavillon am Straßenrand voller FDP-Werbematerialien liegen Wahlplakate von ihm. Aber kein echter Wolfgang. 

„Joa, da quatschen die von der FDP manchmal Leute an“, sagt ein Ortskundiger. Also weiter.

Lokal eins, das Acqua: Eine Bedienung zieht die Maske zurecht und eilt herbei. „Haben Sie reserviert?“ Gegenfrage: „Kennen Sie Wolfgang Kubicki?“ Gegenfrage: „Wer?“ Kurze Erklärung. „Ach, der! Ja ja, der ist manchmal hier. Haben Sie reserviert?“ Nein. Der verhinderte Gast muss wieder gehen. Vorbei an ziemlich vielen leeren Tischen, darunter kein Stammtisch. Seltsam.

Lokal zwei, das Strandhotel: Sitzen hier die Menschen, die Karl Lauterbach als „Spacken“ bezeichnen? Die Steppjackenträger haben sich vor dem Schmuddelwetter ins Innere geflüchtet. Kein Stammtisch in Sicht. Die Speisekarte klingt auch weniger nach Pommes und Bier. „Ich hätte gerne den Primitivo vom letzten Mal. Und das Reh.“

Ein feiner Laden mit feinen Preisen. Über was wird ansonsten gesprochen? Ob die Reise von München nach Sylt mit dem Cabrio oder Flugzeug angenehmer ist. „Sylt ist zu jeder Jahreszeit schön!“ Corona? Lauterbach? Kein Thema. Die Rechnung, bitte!

Draußen fährt wieder ein Bus vor. Niemand steigt aus. Niemand steigt ein. Der Wind pfeift. Das normale Leben eben hier in Strande. Auf Twitter dreht sich die Empörung weiter. Einige haben entdeckt, dass Kubicki den Lauterbach wohl doch nicht beleidigt, sogar gelobt hat und kritisieren jetzt die Kritiker. Weiter. Immer weiter. Sonntag wird gewählt. Endlich.

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