Osnabrück
Wie der Finanzberater Thomas Kundt zum Tatortreiniger wurde
Ganzkörper-Schutzanzug statt Hemd und Krawatte: Thomas Kundt aus Torgau hat seinen Job als Finanzberater hingeschmissen und wurde Tatortreiniger. Wie es dazu kam und was er seitdem alles erlebt hat, erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion und in seinem Buch „Nach dem Tod komm ich“.
„Mach doch Tatortreinigung und dann bist du der erste an Ort und Stelle“: Dieser Satz sollte das Leben von Finanzberater Thomas Kundt, damals Mitte Dreißig, aus Torgau in der Nähe von Leipzig, komplett auf den Kopf stellen. Kundt ist seit seiner Kindheit sehr antiquitätenaffin und liebt alte Sachen. Ob Flohmärkte oder Wohnungsauflösungen: Er ist dabei.
Auf einer Party kam es zu dem Gespräch, mit dem seine neue Laufbahn begann. Ein Nachbar fragte Kundt, ob er denn keine Hemmungen hätte, bei gestorbenen Menschen in die Wohnung zu gehen? Als er verneinte, zückte der Partygast seine Visitenkarte und gab sich als Polizist zu erkennen. „Wir suchen immer Leute, die Tatorte reinigen. Wäre das was für dich?“, fragte er. Ziemlich baff wusste Kundt nicht, wie er reagieren sollte. Sollte er wirklich Tatorte reinigen? Aber am Ende des Gesprächs gab er dem Polizisten seine Telefonnummer.
„Sie sind doch Tatortreiniger?“
Ein paar Tage später klingelte das Telefon. Kundt saß im Büro, als die Sekretärin sich mit den Worten meldete: „Herr Kundt, die Kriminalpolizei will mit Ihnen sprechen!“ Nach einer kurzen Begrüßung fragte der Kommissar am anderen Ende der Leitung: „Sie sind doch Tatortreiniger?“
Völlig verdattert antwortete Kundt wie selbstverständlich „Ja“. Dass er das damals gar nicht war, klärt der heute 43-Jährige erst in seinem Buch „Nach dem Tod komm ich“ auf, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt. „Ich fahre manchmal an der Stelle vorbei und denke an meine Mama. Ich denke an unseren ersten, gemeinsamen Einsatz dort und an die Leute,“ erklärt er.
Mama kennt sich aus
Da Kundt damals komplett überfordert war, rief er nämlich seine Mutter an und bat um Hilfe. Auf dem Weg zu ihr fuhr er noch am Baumarkt vorbei und kaufte alles auf, was er nur finden konnte. „Ich bin los und habe diese Schutzanzüge gekauft und Schwämme und ein paar Spachtel“, erklärt er. „Meine Mutter war ein Putzteufel und hat in der Altenpflege gearbeitet. Sie hatte dann auch Desinfektionsreiniger, Klarglanzreiniger und solche Sachen dabei.“ Kundts Mutter hatte ihre ganze „Sammlung“ mitgebracht und dann haben die beiden losgelegt.
Vor der Wohnung seines ersten „Auftrages“ kamen ihnen bereits die Angehörigen entgegen. „Ich habe mir im Auto schon zurechtgelegt, dass ich sage ‚Ich wünsche Ihnen Beileid‘, weil ich das so kenne, wenn jemand gestorben ist“, sagt er. „Ich habe wirklich darüber nachgedacht, wie man damit umgehen könnte und habe es Stück für Stück umgesetzt.“
Und en passant war Thomas Kundt statt Nine-to-Five-Finanzberater Tatortreiniger im Ganzkörper-Schutzanzug mit Eimer und Lappen und fand sich ab dem Zeitpunkt zwischen Blut und Leichenresten wieder.
Schutzanzug statt Hemd und Krawatte
Nach einem weiteren Auftrag meldete sich Kund für ein zweitägiges Seminar an, das ihm die Grundlagen des Tatortreinigens lehren sollte. „Aber da entstanden eher noch mehr Fragen“, erzählt Kundt. Bis heute halte der Lernprozess für ihn an, denn die Aufträge seien immer wieder neu und unterschiedlich.
Dabei ist es Kundt auch wichtig, keine Routine einkehren zu lassen. „Wenn irgendwas zur Routine wird, wird es irgendwann zu einer schlampigen Routine und dann machst du keine gute Arbeit mehr“, sagt Kundt. Es gebe natürlich ein paar Handgriffe und einen grundsätzlichen Fahrplan, aber an sich müsse er die Situation jedes Mal wieder neu bewerten. „Das ist halt kein normaler Putzjob“, so Kundt. „Du musst manchmal auch der Handwerker sein.“
Zwischen Blut und Müllsäcken
Oftmals erkennt Kundt bereits am Telefon wie aufwendig ein Job wird. „Wenn es manchmal heißt ‚Es sind nur ein paar Bluttropfen‘, dann weiß ich bei dem jeweiligen Beamten: Es ist wirklich nicht viel oder es ist viel!“, erklärt er. „Ansonsten reden die schon klar und offen mit mir.“
Immer wieder sei er auch vor Ort, wenn die Polizei oder der Hausmeister erstmals eine Wohnungstür öffnen, und erkenne das jeweilige Ausmaß. „Wir haben in den seltensten Fällen einen Mord, Unfall oder ähnliches, mit viel Blut, was weggewischt werden muss.“ Meistens werde jemand erst ein paar Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre tot in der Wohnung gefunden. Das sei dann nicht in ein paar Stunden erledigt, hier müsse er auch schon mal mehrere Tage einplanen. Häufig seien sogenannte Messie-Wohnungen dabei, wo nicht klar ist, was man dort alles findet zwischen meterhohen Müllbergen, zugezogenen Vorhängen und vergammeltem Essen.
Kundt legt besonderen Wert auf Sauberkeit und Hygiene. „Besenrein übergeben die Entrümpler - wir hinterlassen einen reinen Raum“, erklärt er. „Wir desinfizieren und reinigen wirklich alles. Wenn eine Wohnung komplett geräumt werden muss, dann werden die Scheuerleisten gereinigt oder sogar entfernt, es muss manchmal auch Fußboden entfernt werden.“ Wenn es sein muss, baut Kundt auch die Steckdosen aus und reinigt und desinfiziert diese ebenfalls. „Wir sind wirklich überall.“
Bühne, Buch und Instagram
Da Kundt permanent auf seinen Beruf angesprochen wird und sich stets eine Traube wissbegieriger und neugieriger Menschen um ihn bildet, wenn er erzählt, hat er mittlerweile ein eigenes Bühnenprogramm entwickelt und plaudert dort über seinen Berufsalltag. Daneben füttert er regelmäßig einen Instagram-Kanal mit Fotos und Anekdoten, bietet selbst Lehrgänge zum Tatortreiniger an und hat zusammen mit dem Autoren Tarkan Bagci sein erstes Buch „Nach dem Tod komm ich“ veröffentlicht. Hier schreibt Kundt von Tatorten, an denen er noch vergessene Zehen findet oder auch über persönliche Dinge der Verstorbenen sowie Angehörige, die mehr über die Schicksale dahinter erzählen.
„Wir haben mittlerweile zehn Angestellte, die mich natürlich auch entlasten“, erklärt Kundt, der 2018 die Firma „Desinfekt3“ gegründet hat. Trotzdem müsse er permanent darauf achten, eine Balance zu finden und nicht zu überdrehen. „Sonntagsnachmittags fahre ich immer an den nahegelegenen See und gehe eine Runde Schwimmen - jeden Sonntag, ob Winter, ob Schnee, ob Eis.“
Der Tatortreiniger über den „Tatortreiniger“
Die Frage, wie er die Fernsehserie „Tatortreiniger“ findet, darf natürlich nicht fehlen. „Ich habe alle Fälle von Bjarne Mädel geschaut,“ sagt Kundt. „Das Verrückte ist, dass alles, was es dort gibt, auch tatsächlich so existiert.“ Auch er sei schon, wie „Schotti“ - der Rollenname von Bjarne Mädel - im Keller eingeschlossen worden, hat eine Prostituierte im Treppenhaus kennengelernt oder einen Makler mit Maserati Quattroporte getroffen. „All diese Sachen sind mir auch schon widerfahren, manchmal skurriler und anders, aber ich habe wirklich schon alles erlebt, was man sich vorstellen kann.“
Übrigens: Nach Antiquitäten schaut Kundt bei seinen Aufträgen nicht mehr. „Wenn es wirklich ein Highlight ist und es eine Wohnung ist, wo wir nur den Nachlass annehmen und keine Leichenfundortwohnung, dann würde das wahrscheinlich gehen“, sagt er, „aber ich muss auch sagen, ich werde immer minimalistischer.“ Schließlich sieht Kundt jeden Tag, wohin das sonst führen kann.