Bundestagswahl 2021

Angehender Politiker mit einem Aktivisten im Herzen

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 22.09.2021 14:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Für Schiffe hegt Julian Pahlke eine besondere Leidenschaft. Im Hafen von Leer schaute er sich einige an. Foto: Nording
Für Schiffe hegt Julian Pahlke eine besondere Leidenschaft. Im Hafen von Leer schaute er sich einige an. Foto: Nording
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Julian Pahlke will für die Grünen in den Bundestag. Im Wahlkreis Unterems steht er zur Abstimmung. Einen Tag lang hat diese Zeitung ihn begleitet.

Landkreis Leer - Julian Pahlke schlendert an einem Freitag im September entspannt zum Bahnhof in Leer. Noch schnell eine Brezel vom Bäcker und dann geht es los. Der Zug nach Papenburg kommt einigermaßen pünktlich. Der 29 Jahre alte Mann möchte für die Grünen in den Bundestag. Er steht im Wahlkreis Unterems, bestehend aus dem Landkreis Leer und dem nördlichen Emsland, auf dem Wahlzettel.

Was und warum

Darum geht es: Julian Pahlke möchte für die Grünen in den Bundestag. Einen Tag lang zeigt er, wie der Wahlkampf für ihn aussieht und wer er ist.

Vor allem interessant für: Politikinteressierte im Wahlkreis Unterems

Deshalb berichten wir: Am 26. September ist Bundestagswahl. In einer Reihe stellen wir die Bundestagskandidaten, der bereits im Bundestag vertretenen Parteien vor. Wir haben alle Kandidaten von AfD, CDU, FDP, Grüne, Linke und SPD angeschrieben. Fünf haben geantwortet und uns teilnehmen lassen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Für den Wahlkampf ist er fast ausschließlich mit dem Zug unterwegs. Seine Bahncard 100 hat er immer dabei. „Es geht erstaunlich gut“, sagt er. Über die Partei habe er ein kleines E-Auto gestellt bekommen, aber die Reichweite sei gering. Der Grünen-Politiker fährt aber nicht nur aus Überzeugung Zug. „Ich kann es mir gerade nicht anders leisten“, sagt er. Für den ländlichen Raum sei das Auto nicht wegzudenken. Mit dem Zug – sofern ein Haltepunkt vorhanden – würde vieles gehen. Mit dem Bus sei es aber katastrophal. „Und die Preise sind auch nicht attraktiv“, sagt er. Es sei viel zu teuer. Das müsse dringend verändert werden, wenn mehr Menschen den öffentlichen Nahverkehr nutzen sollten.

Ständig mit dem Zug unterwegs

Im Zug erzählt der 29-Jährige, dass er in der Nähe von Hannover geboren wurde, aber schon oft umgezogen sei. „Ich bin ein Getriebener“, sagt er. Studium in Flensburg und Dänemark, Abstecher nach Marseille und Düsseldorf. Doch er wollte zurück ans Meer. Zu den Grünen im Stadtverband Leer habe sich ein guter Kontakt entwickelt. So lebt er in Leer und kandidiert im Wahlkreis.

Pahlke hat keine typische Parteikarriere hinter sich. Er ist quasi Quereinsteiger. Eigentlich kommt er aus dem Aktivismus. Sein großes Thema ist die Seenotrettung. Hierfür hat er demonstriert, Aktionen organisiert und ist einige Male mit der Hilfsorganisation Jugend rettet unterwegs gewesen. Noch so ein Grund, warum es ihn nach Ostfriesland verschlagen hat. Das noch immer von der italienischen Justiz festgesetzte Schiff „Iuventa“ der Organisation wurde in Emden für die Rettungszwecke umgebaut. Der Abschied vom Aktivismus sei ihm schwer gefallen. Im Herzen sei er noch immer Aktivist. Doch er wolle etwas bewegen und das mit den Mitteln, die ein Politiker zur Hand hat. Die Unterschiede seien ihm bewusst. „Ein Aktivist ist nicht an politische Normen gebunden“, sagt er. Doch eines wolle er dennoch nicht machen: „Ich bin nicht angetreten, um Kompromisse zu machen. Dann kann ich es auch lassen“, sagt er. Da sei er vielleicht auch Idealist.

Bekanntheitsgrad steigern

Die Seenotrettung ist für ihn nicht verhandelbar. Über andere Themen kann er dann doch diskutieren. Zum Beispiel möchte er sich für nachhaltige beziehungsweise klimaneutrale Schifffahrt einsetzen, der öffentliche Nahverkehr ist für ihn ebenso ein wichtiges Thema.

Am Wahlkampfstand in Papenburg kommt Julian Pahlke mit den Wochenmarktbesuchern ins Gespräch. Bild: Nording
Am Wahlkampfstand in Papenburg kommt Julian Pahlke mit den Wochenmarktbesuchern ins Gespräch. Bild: Nording

Angekommen in Papenburg geht es an den Wahlkampfstand auf dem Wochenmarkt. Er spricht mit den Vorbeigehenden, gibt ihnen Info-Flyer in die Hand. Zu einer älteren Dame im Rollstuhl kniet er sich und redet lange mit ihr über den Klimawandel. „Dadurch dass auf den Wahlplakaten nicht nur mein Gesicht in Nahaufnahme zu sehen ist, erkennen mich viele nicht“, erzählt er. Und das trotz der markanten Brille. Eine zwiespältige Sache für Pahlke. Einerseits möchte er natürlich gewählt werden und weiß, dass er dafür bekannt sein muss, andererseits ist es für ihn eine Herausforderung, so im Mittelpunkt zu stehen. Mittlerweile habe er sich daran aber ein wenig gewöhnt.

Viele Eindrücke aus Seenotrettungseinsatz

Nach dem Einsatz am Wahlkampfstand geht es zurück nach Leer. Ein kurzes Mittagessen in der Geschäftsstelle der Grünen am Bahnhof und weiter geht es zum Termin mit Stadtwerkechef Claus-Peter Horst. Es geht um den Hafen. Pahlke brennt für alle Themen rund ums Wasser. „Ich begeisterte mich für alles, was schwimmt“, sagt er. Bereits als Kind habe er Wassersport betrieben. Segeln, Kiten, Sportboot fahren, alles hat er ausprobiert. Das Meer ist sehr zentral in seinem Leben, daher habe er auch 2016 begonnen, die Lage auf dem Mittelmeer zu beobachten. Irgendwann entschied er sich, zu helfen und fuhr mit der „Iuventa“ raus aufs Mittelmeer. Die Erlebnisse von damals lassen ihn nicht mehr los. Der sonst so quirlige Pahlke wird dann sehr still. Er sei mit dem Boot vorausgefahren, sei bei den Schlauchbooten gewesen, die tagelang im Mittelmeer geschwommen waren. Er habe Leichen geborgen. Menschen seien vor seinen Augen ertrunken. „Wir konnten einfach nichts tun.“

Wie die anderen Retter sei er danach psychologisch betreut worden. Mehrere Male sei er mit privaten Rettungsorganisationen unterwegs gewesen. Doch irgendwann ging es nicht mehr. „Ich hatte meine Koje schon gepackt und dann kurzfristig entschieden, dass ich nicht fahren kann“, sagt Pahlke. Seitdem hilft er von Land aus.

Großes Wissen über Schiffe

„Ich lerne im Wahlkampf jede Menge dazu“, sagt er offen. Er beschäftige sich jetzt mit vielen Themen, von denen ihm gar nicht klar war, dass er davon wissen muss. Beim Rundgang durch den Hafen ist er allerdings in seinem Element. Er steht vor einem älteren Schiff und referiert fast über die Tücken des alten Kutters. Claus-Peter Horst, der als Stadtwerkechef auch für den Hafenbetrieb in Leer zuständig ist, informiert den Politiker über die ansässigen Unternehmen, zeigt die Probleme des Umschlagplatzes auf und erklärt, welche Bedeutung der Hafen für Leer hat. Pahlke fragt nach, überlegt und schaut sich alles an. Zeitweise löchert er Horst mit Detailfragen. Der 29-Jährige will viel wissen.

Zu Besuch auf der „Prinz Heinrich“: Julian Pahlke informiert sich bei den Mitgliedern über das Traditionsschiff im Leeraner Hafen. Foto: Nording
Zu Besuch auf der „Prinz Heinrich“: Julian Pahlke informiert sich bei den Mitgliedern über das Traditionsschiff im Leeraner Hafen. Foto: Nording

Wie viel er allerdings über Schifffahrt weiß, zeigt er bei einem, für ihn, besonderen Termin. Monatelang hatte er darauf gewartet: ein Besuch auf dem Traditionsdampfer „Prinz Heinrich“. Bereits beim Betreten des Decks löchert er Reinhard Haffke und Paul Kluge mit Fragen. Er ist informiert über die aktuelle Gesetzeslage, die Probleme der Traditionsschiffer und würdigt die Arbeit des Vereins. Haffke fragt den 29-Jährigen fast verdutzt: „Haben Sie Schiffbau studiert?“ Pahlke winkt ab: „Nein, ich bin nur leidenschaftlicher Schiffsnerd.“ Seine Augen leuchten, als er mit Haffke den Maschinenraum der „Prinz Heinrich“ betritt. Er ist nicht nur beeindruckt von dem alten Schiff, auch von der ehrenamtlichen Leistung der Besatzung. Er fragt nach, wie die Politik helfen könnte und wo der Schuh drückt.

Fühlt sich nicht zu jung

Er kann sich kaum trennen von dem alten Dampfer, aber der Zug zum nächsten Termin wartet nicht. Am Abend moderiert Pahlke eine Diskussionsveranstaltung. Mit dabei ist die atompolitische Sprecherin im Landtag der Grünen, Miriam Staudte. Es geht um die Endlagersuche im Emsland.

Der 29-Jährige eilt also wieder zum Zug. Sein Alter sieht er übrigens weder als Qualität noch als Hindernis für eine Politikkarriere. „Ich wähle seit fast zwölf Jahren den Bundestag. Ich denke, jetzt kann ich selbst dabei sein und teilhaben.“

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