Wirtschaft
Emder Hafen: Tor zur Welt und Wirtschaftsmotor
Der Emder Hafen ist Wirtschaftsmotor und Besuchermagnet zugleich. Täglich machen Schiffe fest und löschen Fracht aus verschiedenen Ecken der Welt. Porträt eines spannenden Umschlagplatzes.
Emden - Wer nach Emden kommt, um Schiffe zu sehen, wird mitten in der Stadt fündig. Im Binnenhafen nahezu direkt vor dem alten Rathaus und dem zentralen Stadtgarten liegt eine Dreimastbark und ragen die Aufbauten des eindrucksvollen Museumsfeuerschiffs „Amrumbank/Deutsche Bucht“ empor. Ein Stück weiter sind in den Sommermonaten die Stege für Sportboote und Segler gut belegt. Die eigentliche Musik aber spielt abseits der meisten Blicke und üblichen Besucherwege. Richtung Ems erstreckt sich der wirtschaftlich bedeutsamere Teil des Hafens. Es ist der Bereich, der mehreren Tausend Ostfriesen Arbeit verschafft und die wirklich großen Schiffe nach Emden bringt. Im Schatten der Aufmerksamkeit werden hier Waren aus aller Welt umgeschlagen oder nach Übersee verschifft.
Was und warum
Darum geht es: die Bedeutung des Emder Hafens als Jobmotor und Umschlagplatz für Ostfriesland.
Vor allem interessant für: wirtschaftsinteressierte und schiffsaffine Leserinnen und Leser
Deshalb berichten wir: Wenn es um die wirtschaftliche Bedeutung Emdens geht, werden häufig vor allem das VW-Werk und der Tourismus hervorgehoben. Manchmal gerät dabei in Vergessenheit, dass auch im Hafen die Musik spielt, dem einzigen Seehafen Ostfrieslands. Wir gehen deswegen einmal genauer darauf ein, was dort passiert. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Das Ausmaß der Aktivitäten und der Umfang des Umschlags lassen sich am ehesten aus der Luft erahnen. Die Perspektive macht deutlich, über was für eine große Fläche sich die Industrieanlagen ausbreiten. Und sie zeigt anschaulich, wie der Hafen aufgebaut ist. Wie Finger ragen die verschiedenen Becken Richtung Stadt.
1200-jähriger Geschichte als Handelshafen
Als Hafen und Handelsplatz hat Emden eine mehr als 1200-jährige Tradition. In der jüngeren Geschichte brachten die Schiffe tonnenweise Hering und jahrzehntelang Erz. In der Gegenwart bringen massige Frachter und flache Binnenschiffe andere Waren. Neben Hunderttausenden Fahrzeugen, die meist schon vorne am tiefen Wasser der Außenems gelöscht oder geladen werden, lebt der Hafen heute von Zellulose und Flüssigkreide, Kraftstoffen und Baustoffen. Zusammengerechnet addierte sich der Umschlag im vergangenen Jahr auf knapp 5,5 Millionen Tonnen. In den Jahren vor der Corona-Pandemie waren es durchschnittlich etwa 6 Millionen Tonnen.
Der Weg zu den meisten Kaianlagen innerhalb des Hafens führt durch zwei Schleusen und damit vorbei an Mike Boes und Malte Maydorn. Der Arbeitsplatz der beiden befindet sich in einem modernen Gebäude mit Glasfassade direkt an der Großen Seeschleuse. In einem großen Raum, der zu drei Seiten den Blick freigibt aufs Wasser und den Hafen, bedienen sie die Schleusentore und halten Kontakt zu den Schiffen. Boes, ein groß gewachsener Mann mit Bart und schwarzer Brille, lacht: „Es ist kein 08/15-Job“, antwortet er auf die Frage, was ihn an seiner Tätigkeit im Hafen reizt. Je größer die Schiffe, desto besser. „Es ist schon ein außergewöhnlicher Anblick“, sagt er.
Viel zu tun an der Schleuse
Von seinem Platz, einer langen Reihe Schreibtische mit zig Monitoren und Steuerhebeln, sieht er direkt auf die 260 Meter lange Schleusenkammer. Wenn große Kreuzfahrtschiffe, Versorger oder Frachter festmachen, ragen vor ihm die Aufbauten wie eine Wand auf. Im vergangenen Jahr gingen bei knapp 1900 Schleusungen mehr als acht Wasserfahrzeuge pro Tag im Schnitt hier durch. In der etwas kleineren Nesserlander Schleuse, durch die auch die kleineren Sportboote ein- und ausfahren, waren es noch einmal gut 3000 Schleusungen. Während Boes und sein Kollege Maydorn davon berichten, schiebt sich im Hintergrund ein Binnenschiff auf die Ems. Es ist ein kleiner Tanker, der Flüssigkreide an Bord hat, sagen sie.
Holz aus Finnland, Autos für England, Crews und Teile für die Windparks in der Nordsee – der Hafen verbindet Emden mit internationalen Handelsrouten und dient der lokalen Wirtschaft. Bei Niedersachsen-Ports (N-Ports), dem landeseigenen Betreiber, gehen sie von etwa „9400 direkt und indirekt hafenabhängig Beschäftigten in ca. 70 Unternehmen aus“. Die Zahlen stammen aus dem Perspektivpapier, das N-Ports vor vier Jahren veröffentlicht hat. Darin heißt es auch, dass das Umschlagsvolumen von 6 auf 11 oder mehr Tonnen pro Jahr gesteigert werden soll.
Claas Mauritz Brons hört das gerne. Er ist Chef der Emder Hafenförderungsgesellschaft. Seine Aufgabe bestehe darin, „Emden als Nischen- und Umschlagshafen zu vermarkten“, sagt er. Die Voraussetzungen seien gut. Potenzial für Wachstum sieht Brons unter anderem in der Offshore-Windkraft. „Da ist für Emden durchaus noch mehr drin.“