Hannover
Niedersachsen plant nächste Lockerungen und Impfoffensive an Schulen
„Wir möchten zurück zur Normalität“, sagt Schulminister Grant Hendrik Tonne im Interview. Gleichzeitig stellt der SPD-Politiker weitere Lockerungen für Schüler in Aussicht und kündigt eine Impfoffensive an.
„Ich glaube, dass das Lernen mit Maske schwierig bis unmöglich ist“: Haben Sie eine Ahnung, von wem dieses Zitat stammt, Herr Tonne?
Das weiß ich sehr genau: Das habe ich gesagt.
Aktuell müssen alle Schüler in Niedersachsen Masken tragen, auch im Unterricht. Lediglich für die Klassen eins und zwei soll die Maskenpflicht im Unterricht diese Woche mit der neuen Verordnung aufgehoben werden.
Der scheinbare Widerspruch bestätigt noch einmal die schwierige Abwägung, die zu treffen ist, wenn Gesundheits- und Infektionsschutz mit dem Bildungsauftrag von Schule in Einklang gebracht werden müssen.
Wann fallen die Masken im Unterricht in den Klassen drei und vier sowie an den weiterführenden Schulen?
Wir möchten zurück zur Normalität, daher unternehmen wir mit den ganz Kleinen diesen ersten Schritt und verzichten auf die Maskenpflicht im Unterricht bei den Erst- und Zweitklässlern. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt eine vertretbare und pädagogisch wichtige Maßnahme.
Die Frage war allerdings, wie es weitergeht.
Ich möchte Lockerungen umsetzten, wenn es die Lage möglich macht. Eine Schritt-für-Schritt-Strategie ist der richtige Weg. Wir müssen die jeweilige Lage beurteilen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Daher kann ich an dieser Stelle auch keinen Zeitpunkt nennen, der dann möglicherweise nicht einzuhalten ist. Jeder Schritt muss schließlich in Einklang mit der Pandemieentwicklung gebracht werden.
Konkret: Fallen nach den Herbstferien die Masken im Unterricht in den Klassen drei und vier?
Wenn das verantwortbar ist, dann ja. Nochmal: Auch ich möchte die Maske im Unterricht nicht dauerhaft installieren, weil ich als Vater von vier schulpflichtigen Kindern genau weiß, was das für eine Belastung ist. Sobald es verantwortbar ist, gehen wir die nächsten Schritte. Aber momentan brauchen wir die Masken noch.
Niedersachsen eröffnet ab nächster Woche mit einer neuen Verordnung umfassende 2G-Möglichkeiten beispielsweise für Restaurantbetreiber und Konzertveranstalter. Bleiben Ungeimpfte draußen, fallen Masken und Abstand. Ist das perspektivisch auch ein Modell für unsere Schulen?
Nein, 2G ist für unsere Schulen nicht ansatzweise denkbar. 2G macht überall dort Sinn, wo man sich frei entscheiden kann, ob man bestimmte Angebote wahrnehmen nehmen möchte oder nicht. Ob jemand in ein Restaurant oder zu einem Konzert gehen möchte, ist seine freie Entscheidung. Anders sieht es bei unseren Schulen aus. Wir haben schließlich eine Schulpflicht und das ist auch gut so. Hier funktioniert 2G auch schon deswegen nicht, weil noch gar kein Impfstoff für unter Zwölfjährige zugelassen ist. Davon abgesehen: Wir werden keine Schüler vom Recht auf Bildung ausschließen, nur weil sie nicht geimpft sind. Die schulischen Angebote stehen allen Kindern offen. Wer nicht geimpft oder genesen ist, muss sich testeten.
Private Institutionen wie Museen, Freizeitparks und Jugendherbergen können aber auf 2G setzen und ungeimpfte Schüler aussperren.
Das ist richtig, bislang unseres Wissens aber zum Glück noch nicht vorgekommen. Ich appelliere dringend an alle, Schüler nicht auszusperren. Es wäre wirklich das Schlechteste, was wir uns vorstellen können, wenn bestimmte Schüler von Veranstaltungen oder Unternehmungen, die den Zusammenhalt stärken sollen, ausgeschlossen werden. Das wäre im Übrigen auch nicht im Sinne der Einrichtungen.
Erst mussten die Schüler sich zu Hause jeden Morgen vor Schulbeginn testen, jetzt dreimal wöchentlich. Wie lange bleibt es noch bei diesem Testmodus?
Nach den Herbstferien machen wir nochmal eine Woche mit täglichen Tests und dann soll es mit den Testungen dreimal wöchentlich bis zu den Weihnachtsferien weitergehen. Dieses Vorgehen, nach den Ferien das Sicherheitsnetz enger zu ziehen, um mögliche Infektionen aus dem Urlaub herauszufiltern, hat sich bewährt.
Das Land zahlt die Kosten für die Schnelltests. Wie viele Corona-Tests hat das Land bislang angeschafft und wie hoch sind die Kosten?
Bisher hat das Land für die Schulen 42,5 Millionen Tests beschafft, bis zu den Herbstferien haben wir dann 205 Millionen Euro für das Testregime an den Schulen investiert. In dem Zeitraum nach den Herbstferien bis Ende des Jahres planen wir mit rund 30 Millionen weiteren Tests in Höhe von mehr als 42 Millionen Euro inklusive der fünftägigen Testung nach den Herbstferien.
Sie sind bekanntlich ein Impf-Befürworter. Nun schließen Ende September die Impfzentren und das Land setzt auf mobile Impfteams. Gehen die dann auch in die Schulen?
Das jedenfalls ist der gemeinsame Wunsch von Sozialministerin Daniela Behrens und mir. Nach den Herbstferien werden wir mit mobilen Impfteams in die Schulen gehen, das findet allerdings auch jetzt schon auf lokaler Ebene statt. Für diese Initiativen bin sehr dankbar. Ich sehe immer wieder, wie wichtig es ist, Schülerinnen und Schülern niedrigschwellige Impf-Angebote zu machen und mit dem Impfstoff zu ihnen zu kommen. Nicht, um sie zu drängen oder zu überrollen, sondern schlicht um einfache und schnelle Impf-Möglichkeiten anzubieten. Übrigens können auch Eltern sich dann in den Schulen impfen lassen. Wir weisen niemanden ab.
Apropos Impfen an Schulen: Da hatte das Land ja vor den Sommerferien eine große Offensive geplant, aber dann nach Ihrer Aussage vom Bund nicht den nötigen Impfstoff zur Verfügung gestellt bekommen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat den Ball in einem Interview jetzt zurückgespielt und gesagt: „Wir waren uns als Gesundheitsminister völlig einig, dass wir den über Zwölfjährigen noch vor Ferienbeginn ein Angebot machen für die erste Impfung. Und dann haben die Ministerpräsidenten drei, vier Wochen später gesagt: Wollen wir nicht. Auch Ihr Herr Weil. Die, die am lautesten gesagt haben, wollen wir nicht, haben sich später darüber beschwert, dass es kein Impfangebot vor den Ferien gab. Das ist zynisch.“ Was sagen Sie dazu, Herr Tonne?
Da versucht sich jemand einen schlanken Fuß zu machen und Verantwortung von sich zu schieben. Fakt ist: Wir hatten ein Konzept, aber Herr Spahn konnte keinen Impfstoff liefern. Hätte der Bundesgesundheitsminister seinen Job gemacht, wären wir längst weiter bei der Impfkampagne für junge Menschen.
Bis zum 24. September sollen keine Klausuren geschrieben werden und auch sonst sollen die Schüler offenbar möglichst geschont werden. Wie passt das dazu, dass im Corona-Schuljahr viel über Lerndefizite diskutiert wurde und doch sicher einiges aufzuholen ist?
In der Tat ist einiges aufzuholen, aber da sprechen wir über weit mehr als mögliche Lerndefizite. Mit einer Klausur schließe ich im Übrigen keine Lernlücke. Die Kinder sollen nach einem entbehrungsreichen Corona-Schuljahr die Zeit haben, vernünftig in der Schule anzukommen, das ist mir sehr wichtig. Und seien Sie sicher: Das, was in Schule gelernt werden soll, wird dort auch gelernt. Es wäre allerdings völlig falsch, Lernstoff nun mit Wucht in die Köpfe der Kinder zu trichtern. Das hat noch nie geholfen.
Schüler gelten sozusagen als dauergetestet, brauchen also laut Verordnung etwa beim Friseur oder in der Gastronomie keine extra Tests vorzulegen und sollen auch nicht unter die 2G-Regel fallen. Gilt das auch in den Herbstferien?
Ja, die Befreiung von der 3G-Regel soll durch die Herbstferien nicht unterbrochen werden.
Obwohl in den Ferien nicht getestet wird?
Das ist immer eine Abwägung, ob man da für die zwei Wochen Ferien Sonderregelungen schafft. Ich werbe an dieser Stelle sehr dafür, von der Möglichkeit, sich selbst zu testen, auch in den Ferien Gebrauch zu machen. Zumal Schnelltests mittlerweile auch günstig zu haben sind.
Wie weisen Jugendliche nach, dass sie noch Schüler sind? Schülerausweise gibt es ja häufig gar nicht mehr.
Wenn es irgendwo Probleme mit dem Nachweis gibt, können Schülerinnen und Schüler sich jederzeit von ihrer Schule eine Schulbescheinigung ausstellen lassen. Schülerfahrkarten oder eine Zeugniskopie funktionieren ansonsten auch.
Die Szenarien B (Wechselunterricht) und C (komplettes Homeschooling) tauchen zumindest flächendeckend nicht mehr auf, sondern sollen allenfalls noch einzelne Schulen betreffen können. Bleibt es dabei?
Ich werde mich sehr dafür einsetzen, dass das so bleibt. Wir wollen keine grundsätzlichen Einschränkungen für Schulen und Kitas mehr haben. Nach Maßnahmen für eine ganze Kommune darf es in der aktuellen Lage aus meiner Sicht im Falle eines Falles nur noch um schulscharfe Beschränkungen im Einzelfall gehen.
Blicken Sie mit Sorge oder Zuversicht auf die nächsten Wochen und Monate?
Ich blicke durchaus optimistisch auf den Herbst und den Winter, weil uns der Schulstart nach den Sommerferien gut gelungen ist. Es ist einfach eine Freude, zu sehen, wie froh die Kinder und Jugendlichen sind, sich wieder in der Schule zu begegnen und gemeinsam zu lernen.
Szenario B und C gehören also der Vergangenheit an?
In Pandemiezeiten ist man immer gut beraten, mit absoluten Versprechen vorsichtig zu sein. Aber wir sehen, dass wir trotz aktuell hoher Inzidenzen bei jungen Menschen den Schulbetrieb geregelt bekommen.
Was kann dabei helfen, dass die Schulen geöffnet bleiben können?
Ganz einfach und klar: Ungeimpfte Erwachsene können einen Beitrag leisten, indem sie sich impfen lassen und damit Präsenzunterricht schützen. Also: Je mehr Eltern sich impfen lassen und Infektionen nicht an ihre Kinder weitergeben, was derzeit noch häufig der Fall ist, desto mehr schützen wir unser Schulsystem und umso mehr Normalität ist an unseren Schulen möglich.