Osnabrück

Gegenwind für Gassen: Auch Kanzleramt kritisiert den „Freedom Day“

| 18.09.2021 09:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Politik sollte den 30. Oktober zum „Freedom Day“ erklären und die Corona-Maßnahmen aufheben, fordert der Chef der Kassenärzte, Andreas Gassen. Foto: Britta Pedersen/dpa
Die Politik sollte den 30. Oktober zum „Freedom Day“ erklären und die Corona-Maßnahmen aufheben, fordert der Chef der Kassenärzte, Andreas Gassen. Foto: Britta Pedersen/dpa
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Geht es nach Kassenärzte-Chef Andreas Gassen, sollte die Politik den 30. Oktober zum „Freedom Day“ erklären und alle Corona-Einschränkungen aufheben. Das stößt auf heftige Kritik – auch von Kanzleramtschef Braun.

Die Forderung von Kassenärzte-Chef Andreas Gassen nach einem sogenannten „Freedom Day“, an dem alle Corona-Einschränkungen aufgehoben werden, stößt in Ärzteschaft und Politik auf massive Kritik. Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) sagte unserer Redaktion: „Wir müssen die Impfbereitschaft weiter erhöhen. Daran müssen wir arbeiten, nicht an einem ,Freedom Day‘“. 

Auch das Kanzleramt hat nun auf den Vorstoß reagiert. Kanzleramtschef Helge Braun schließt eine Aufhebung aller Corona-Auflagen Ende Oktober aus. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Braun, dass er von einem „Freedom Day“ zu diesem Zeitpunkt nichts halte. Der Fakt, dass 20 Millionen Menschen noch ohne Corona-Impfschutz seien, zeige wie groß eine neue Welle werden könne. Brauns Voraussetzung für eine Aufhebung: Der Prozentsatz der vollständig Geimpften - besonders in den höheren Altersgruppen - muss deutlich steigen.

Ärztekammer Niedersachsen reagiert mit Frontalangriff

Heftiger Gegenwind kommt auch von Niedersachsens Ärztekammer-Präsidentin Martina Wenker. Die Medizinerin erklärte auf Nachfrage unserer Redaktion: „Es widerspricht der ärztlichen Sorgfaltspflicht, quasi Wetten auf zukünftige Krankheitsverläufe abzuschließen. Wir sollten nun den in Deutschland eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen.“ Die Impfkampagne müsse verstärkt werden, statt in sechs Wochen alle Beschränkungen aufzuheben.

Gassen fordert „Freedom Day“ für den 30. Oktober

Zuvor hatte Gassen im Interview mit unserer Redaktion die Politik in Deutschland aufgefordert, sich am Beispiel Großbritanniens ein Vorbild zu nehmen. Dort waren am 19. Juli fast alle Corona-Beschränkungen aufgehoben und der sogenannte Freedom Day gefeiert worden. Gassen sagte, die Politik müsse eine klare Ansage machen: „In sechs Wochen ist auch bei uns Freedom Day! Am 30. Oktober werden alle Beschränkungen aufgehoben!“  (Weiterlesen: Kassenärztechef: „Alle Corona-Maßnahmen in sechs Wochen aufheben!“)

„Das hebt die Impfquote“

Das ließe allen, die wollten, genug Zeit, sich noch impfen zu lassen. „Meine Wette: Dann sind wir Ende Oktober bei einer Impfquote von 70 Prozent oder noch höher, weil sehr viele Menschen das Angebot dann doch schleunigst annehmen werden“, meint Gassen. Ansonsten würde sich Deutschland „endlos weiter durch diese Pandemie schleppen“.

Bremer Gesundheitssenatorin verweist auf Gefahr weiterer Mutationen

Bremens Gesundheitssenatorin Bernhard lehnt die Forderung ab. Sie sagte: „So weit sind wir noch nicht. Niemand kann derzeit seriös garantieren, dass wir die Situation dauerhaft im Griff haben.“ Es bestehe immer noch die Gefahr weiterer Mutationen. Auch sei noch unklar, wie lange die Immunität der Impfstoffe vorhalte. Zur Frage, wann die Pandemie vorbei sei, sagte Bernhard: „Dieses Jahr sicherlich noch nicht.“

Kritik auch aus Niedersachsen

Auch Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens stellt sich gegen Gassen. Die SPD-Politikerin hält seine Forderung „mit Blick auf den bevorstehenden Herbst und Winter noch für zu leichtsinnig“. „Wir müssen leider davon ausgehen, dass die Infektionszahlen in der kalten Jahreszeit, in der wir uns alle wieder vornehmlich drinnen aufhalten, wieder deutlich ansteigen werden. Wir können heute noch nicht verlässlich vorhersagen, was das dann für die Belastung unseres Gesundheitssystems, insbesondere für unsere Krankenhäuser und deren Beschäftigte, bedeutet“, warnt Behrens. Deshalb bleibe Niedersachsen vorsichtig.

Rückkehr zur Normalität im Frühjahr 2022?

Niedersachsens Sozial- und Gesundheitsministerin geht nach eigenen Worten davon aus, „dass wir spätestens im Frühjahr 2022 zur Normalität zurückkehren können“. Voraussetzung sei allerdings, dass die Schutzimpfungen genug schwere Krankheitsverläufe und damit eine Überlastung des Gesundheitssystems verhinderten. „Bedingung dafür ist, dass sich noch mehr Menschen impfen lassen und keine neuen Varianten auftauchen, die den Impfschutz umgehen“, fügt Behrens hinzu.

Gassen zeigt auf andere Länder

Kassenärzte-Chef Gassen verweist indes auf positive Erfahrungen in anderen Ländern. „Bei den Briten war das vielleicht noch wagemutig. Die Dänen sind dem Weg schon gefolgt. Auch dort ist kein Gesundheitsnotstand abzusehen. Also worauf warten wir?“. In Deutschland hatten sich FDP und Freie Wähler für einen entsprechenden Stichtag ausgesprochen. Andere Parteien zeigten sich skeptisch.

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