Bundestagswahl 2021

Kreistagschefin will auf Bundesebene weitermachen

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 19.09.2021 13:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Beim Straßenwahlkampf freut sich Anja Troff-Schaffarzyk mit den Menschen im Wahlkreis Unterems ins Gespräch zu kommen. Foto: Nording
Beim Straßenwahlkampf freut sich Anja Troff-Schaffarzyk mit den Menschen im Wahlkreis Unterems ins Gespräch zu kommen. Foto: Nording
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Anja Troff-Schaffarzyk tritt für die SPD im Wahlkreis Unterems zur Bundestagswahl an. Einen Tag lang hat diese Zeitung sie begleitet.

Landkreis Leer - Der rote VW-Bulli ist gepackt. Anja Troff-Schaffarzyk schließt die Heckklappe und es geht los. „Ich finde den Bulli toll“, sagt sie. Lange habe sich ihr Mann ein solches Auto gewünscht, sie habe immer abgewinkt, erzählt sie. „Für zwei Leute brauchten wir doch nicht so ein großes Auto“, habe sie ihm gesagt. Jetzt für den Wahlkampf hat sie sich so ein großes Auto dann doch geliehen und entdeckt die Vorzüge.

Was und warum

Darum geht es: Anja Troff-Schaffarzyk möchte für die SPD in den Bundestag. Einen Tag lang zeigt sie, wie der Wahlkampf für sie aussieht und wer sie eigentlich ist.

Vor allem interessant für: Politikinteressierte und Wähler im Wahlkreis Unterems

Deshalb berichten wir: Am 26. September ist Bundestagswahl. In einer Reihe stellen wir die Bundestagskandidaten, der bereits im Bundestag vertretenen Parteien vor. Wir haben alle Kandidaten von AfD, CDU, FDP, Grüne, Linke und SPD angeschrieben. Fünf haben geantwortet und uns teilnehmen lassen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Der rote Bulli ist seit einigen Wochen quasi ihr zweites Zuhause. Als Bundestagskandidatin im Wahlkreis Unterems für die SPD ist sie damit dauernd unterwegs. Seit dem 1. August sogar in Vollzeit. „Ich habe für den Wahlkampf Überstunden und Urlaub genommen“, sagt sie. Auch sei sie für einige Zeit unbezahlt freigestellt. Eigentlich arbeitet die studierte Diplom-Pädagogin beim Energiekonzern EWE im Vertrieb. Über einen Studentenjob sei sie dort gelandet. „Mittlerweile arbeite ich seit 20 Jahren in Oldenburg“, sagt die Uplengenerin. Aufgewachsen ist sie im Rheiderland.

Straßenwahlkampf mit Tee

Im Wahlkampf lernt sie den Rest ihres Wahlkreises Unterems, bestehend aus dem Landkreis Leer und dem nördlichen Emsland, noch genauer kennen. Der erste Stopp an diesem Sonnabend im August ist ein Wahlkampfstand in Oldersum. Vor dem NP-Markt haben die SPD-Mitglieder vom Ortsverband neben Ständen auch einen Bratwurstgrill aufgebaut. „Ohne Impfangebot“, scherzt Troff-Schaffarzyk. Sie holt ihre Materialien auf dem Bulli und legt los. Die Frau aus Hollen begrüßt die Genossinnen und Genossen herzlich und beginnt schnell, die Wochenendeinkäufer anzusprechen. Die 51-Jährige geht freundlich auf sie zu, drückt ihnen die Wahlflyer und eine Packung Tee in die Hand und zieht sich dann zurück. Sie lächelt, hört zu, kommt dann und wann ins Gespräch. Zeitweise sogar auf Plattdeutsch. „Das macht so einen Spaß“, sagt sie. Das wird sie an diesem Tag mehrfach sagen. Anja Troff-Schaffarzyk versprüht Freude bei der Arbeit mit den Menschen.

Genossen unter sich: Bei der Fahrradtour der SPD Rhauderfehn stellt sich Anja Troff-Schaffarzyk ihrer Parteibasis vor. Foto: Nording
Genossen unter sich: Bei der Fahrradtour der SPD Rhauderfehn stellt sich Anja Troff-Schaffarzyk ihrer Parteibasis vor. Foto: Nording

Herzensthemen: Arbeit und Rente

Ernst wird sie, wenn es um die Themen Arbeit und Soziales geht. Das ist ihr Thema. Gerechte Löhne, gute Jobs und gute Rente, das treibt sie um, das möchte sie nach vorn bringen. Aber nicht nur die sozialdemokratischen Klassiker gehören zu ihrem Wahlprogramm. „Corona hat gezeigt, wie sich die Arbeitswelt verändert hat“, sagt sie. Durch das Home-Office sei Privates und Arbeit verschmolzen. Mails checken um 22 Uhr sei für viele Arbeitnehmer keine Seltenheit mehr. „Die Arbeitswelt steckt im digitalen Wandel“, sagt sie. Hier sei es an der Politik, Konzepte zu entwerfen.

Sie lacht über Nahles-Vergleich

Auf dem Weg zum zweiten Termin fährt sie an Wahlplakaten von sich vorbei. „Ich habe das beim Bürgermeisterwahlkampf in Uplengen schon einmal erlebt, dass ich auf Wahlplakaten zu sehen bin“, sagt sie. Trotzdem sei es schon ein bisschen merkwürdig, sich selbst dort zu sehen oder von Fremden gegrüßt zu werden. Es gebe ihr aber auch ein schönes Gefühl. Dass sie auf den Plakaten eine gewisse Ähnlichkeit mit der SPD-Politikerin Andrea Nahles hat, sieht Troff-Schaffarzyk selbst nicht. „Aber ich werde immer wieder darauf angesprochen“, sagt sie lachend. Es störe sie nicht: „Es gibt Schlimmeres.“ Sie schätze die Sozialdemokratin, auch wenn es Nahles nicht immer leicht gehabt habe.

Ihre Wahlplakate sieht Troff-Schaffarzyk derzeit oft. Ständig ist sie im Wahlkreis unterwegs. Klingelt an Haustüren, besichtigt Unternehmen, besucht Parteiveranstaltungen. Zu Hause ist sie wenig. Ihr Mann Hans macht das mit. „Wir haben darüber geredet. Er wusste, was auf ihn zukommt“, sagt sie. Politik bestimme auch nicht erst seit dem Wahlkampf ihr Leben. „Es wird immer mehr“, sagt sie. Wenn sie Freizeit habe, lese sie gern viel oder treffe sich mit Freunden. „Ich habe auch lange Tischtennis gespielt“, sagt sie. Das sei aber vorbei.

Nähe zu Genossen und Bürgern

In Collinghorst trifft Troff-Schaffarzyk auf den SPD-Ortsverein Rhauderfehn. Der ist nach einer Fahrradtour zum gemeinsamen Bratwurst-Grillen zusammengekommen. Wie in Oldersum ist auch Landrat Matthias Groote dabei. Auch er ist zu dieser Zeit im Wahlkampf. Die 51-Jährige wird herzlich begrüßt. Gleich wird sie angesprochen. „Wie geht´s?“ „Ist der Wahlkampf anstrengend?“ „Du machst das, Anja!“ wird ihr zugerufen. Aber auch in Sachthemen ist sie gefordert: Mit einem Juso kommt Troff-Schaffarzyk länger ins Gespräch. Es geht um die Lage der Pflege. Der junge Mann arbeitet im Seniorenheim und möchte wissen, wie sich die Kandidatin die Zukunft seiner Berufsgruppe vorstellt. Troff-Schaffarzyk hört sich die Sorgen an, erzählt selbst von den bürokratischen Schwierigkeiten bei der Pflege der Schwiegereltern.

Tiefe Gespräche führt Anja Troff-Schaffarzyk auch auf der Straße, so wie hier in Leer. Foto: Nording
Tiefe Gespräche führt Anja Troff-Schaffarzyk auch auf der Straße, so wie hier in Leer. Foto: Nording

In einer spontanen Rede erinnert sie wieder an ihr Herzensthema: Faire Löhne und eine gute Rente. Das könne nur eine starke SPD im Bundestag umsetzen.

Danach setzt sie sich spontan zu ein paar älteren Herren an einen Tisch. Schnell kommt das Gespräch aufs Thema digitaler Wandel. Die Männer erzählen, wie führer telefoniert wurde. Was die Menschen früher auf sich nahmen. Die Gruppe amüsiert sich über die alten Geschichten. Troff-Schaffarzyk lacht mit.

Zwischen Bratwurst und Geflügel-Frikadelle

Im Bundestag wolle sie sich dafür einsetzen, dass der ländliche Raum auch in Berlin besser vertreten werde. „Das kommt in Berlin noch zu kurz“, sagt sie. Sie sei bereits jetzt mit den sozialdemokratischen Wahlkampf-Nachbarn im Gespräch: Mit Johann Saathoff, Siemtje Möller und Dennis Rohde tausche sie sich aus. Politische Erfahrung hat sie eigentlich genug. Seit einigen Jahren ist sie Vorsitzende der SPD im Landkreis Leer, außerdem ist sie Kreistagsvorsitzende und vertritt die SPD im Gemeinderat Uplengen.

Der letzte Wahlkampfstand an diesem Sonnabend ist in der Leeraner Weststadt. Mitten zwischen Wohnblöcken hat die Stadt-SPD ihren Stand aufgebaut. Es gibt Bratwurst, ein drittes Mal. Aber diesmal auch Geflügel-Frikadellen. Troff-Schaffarzyk freut sich über die Abwechselung. „Jeder Wahlkampfstand ist anders“, sagt sie. Die Leeraner Bürger kommen auf Troff-Schaffarzyk zu. Wollen wissen, wofür sie steht, wer sie ist. Länger kommt die 51-Jährige mit einer Seniorin ins Gespräch. Es geht um Krankheit und Verlust. „Es ist bemerkenswert, welche Geschichten mir die Menschen erzählen“, sagt sie.

Auch Kritik müsse sie immer wieder aushalten. Das habe sie am Anfang schon überrascht, was da zeitweise auf sie zugerollt sei. Aber auch das gehöre dazu. In Leer wird sie auch auf ihr Aussehen angesprochen. „Wieso tragen Sie denn schwarz? Sie müssen doch rot tragen“, sagt ihr ein Mann. Sie kontert ganz ruhig: „Das bin einfach ich.“

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