Osnabrück

Wie tickt die Promi-Verschwörungsgruppe um Wendler und Co.?

Friedrich Niemeyer
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Von Friedrich Niemeyer
| 17.09.2021 15:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Michael Wendler schloss sich den Verschwörungsideologen an und setzt damit seine Karriere aufs Spiel. Foto: imago images/stock&people
Michael Wendler schloss sich den Verschwörungsideologen an und setzt damit seine Karriere aufs Spiel. Foto: imago images/stock&people
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Attila Hildmann ist der Straßen-Kämpfer, Ken Jebsen der Prediger und Michael Wendler soll vermitteln. Die Rollen in der Promi-Verschwörungsgruppe sind verteilt. Gemeinsam verdrehen sie die Wahrheit. Sozialen Medien, insbesondere der Messenger Telegram, spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Zu Beginn des Romans „Alice im Wunderland“ fällt Alice in einen Kaninchenbau (engl. Rabbit Hole) und entdeckt die Eintrittstür in eine fiktive Welt. Das Traumland ist voller Absurditäten: von Zaubertränken über kuriose Mischwesen bis hin zu sprechenden Spielkarten. Das Werk des britischen Schriftstellers Lewis Carroll soll seine Leser amüsieren. In den sozialen Medien sind Parallelwelten bitterer ernst, Nutzer halten sie für real. Entlehnt aus „Alice im Wunderland“ hat sich der Begriff „Rabbit Hole“ als Metapher für den Einstieg in eine Welt von Falschnachrichten und Verschwörungideologien etabliert. Dort können sich Nutzer in „Rabbit Holes“ hineinscrollen, bis sie krudesten Verschwörungsideologien wie dem QAnon-Kult verfallen.

Wenn Promis sich in einem Rabbit Hole verirren, ist das Medienecho groß. Zuletzt sorgte Michael Wendler für Aufruhr. Der Sänger veröffentliche vergangene Woche ein Video, in dem er von „gleichgeschalteten“, „mitschuldigen“ Fernsehsendern schwurbelt, die der Zensur unterlägen und ihren Zuschauern wichtige Informationen über die „angebliche“ Corona-Pandemie vorenthielten.

Wendler setzt mit dem Schritt in die Promi-Verschwörungsgruppe seine Karriere aufs Spiel. Er stieg nicht nur aus der Jury der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ aus. Auch eine geplante Live-Übertragung der Hochzeit mit Laura Müller ließ der Fernsehsender RTL platzen. Zudem distanzierte sich Werbepartner Kaufland von dem Sänger. 

Der Kochbuch-Autor Attila Hildmann brüstet sich in einem Youtube-Video damit, Wendler darin bestärkt zu haben, „den Schritt zu gehen“. Hildmann funkt aus seinem Kaninchenbau ähnliche Botschaften wie Wendler: Die Corona-Pandemie? Eine Erfindung der Eliten. 

Die Thesen wurden immer kruder

Neben Wendler und Hildmann haben es sich noch weitere Promis im Kaninchenbau bequem gemacht. Auffällig sind die Parallelen und wie sehr sie sich radikalisierten. Ex-Tagesschau-Sprecherin Eva Herman manövrierte sich 2007 nach umstrittenen Äußerungen zur Familienpolitik im Dritten Reich ins Abseits. Ken Jebsen verlor 2011 seinen Job als Radiomoderator beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), nachdem eine Mail von ihm mit antisemitischem Inhalt auftauchte. Sänger Xavier Naidoo geriet in die Kritik, weil er 2014 bei einer Veranstaltung der Reichsbürgerbewegung auf der Bühne stand.

Im Laufe der Zeit verirrten sie sich immer mehr, die Thesen wurden immer kruder. Heute sehen alle geheime Gruppen am Werk. Herman schrieb 2015 im Zuge der Flüchtlingskrise, ein globaler Plan ausgearbeitet von „amerikanischen Organisatoren“ stecke hinter den Migrationsbewegungen. Jebsen behauptete im Mai Bill Gates stecke hinter den Corona-Maßnahmen. Naidoo gab im März unter Tränen Thesen des QAnons-Kults wider, nach denen es ein geheimes pädophiles Netzwerk unter den Eliten gäbe, welches Kinder töte.

„Es hat sich eine Promi-Community der Verschwörungsgläubigen gebildet“, sagt Prof. Dr. Andreas Zick, Leiter des Instituts für Gewalt- und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld. Ähnlich wie Pegida die in der Szene bekannten Lutz Bachmann oder Akif Princci stilisiere, müssten sich auch andere Verschwörungsgruppen gut inszenieren und Werbung betreiben. „Dazu brauchen sie Promis und bauen ihre Helden auf.“, sagt Zick.

Das Verschwörungsvideo, das Michael Wendler (48, „Sie liebt den DJ“) am Abend des 8. Oktober veröffentlichte, wurde tausendfach geteilt, geliked und kommentiert. Angesichts seiner Verbreitung dürfte es Werbung genug gewesen sein, um weitere Corona-Leugner zu rekrutieren. Ein solches Verschwörungsvideo könne wie eine Einstiegsdroge wirken, erklärt Dr. Philipp Müller, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Mannheim. „Eine prominente Figur nimmt sozusagen Teile seiner Anhängerschaft mit.“ 

„Viele Menschen fühlen sich verloren und sind so anfälliger“

Wendlers Video kann demnach als Einstieg in eine Gesellschaft dienen, in der neben dem Schlagerstar Hildmann, Naidoo, Herman und Jebsen den Ton angeben. Diese Promi-Community sei in einer ständigen Kommunikationsschleife, sagt Sozialpsychologe Zick. Die Verschwörungspromis kommunizieren dabei hauptsächlich über die sozialen Medien. 

„Verschwörungsgruppen sind auf Soziale Medien angewiesen, um überhaupt direkten Kontakt zu Menschen herzustellen“, sagt Kommunikationsforscher Müller. An der Verbreitung ihrer Inhalte seien allerdings weniger die Algorithmen schuld, als viel mehr gesellschaftliche Fehlentwicklungen. „Viele Menschen fühlen sich verloren und sind so anfälliger“, sagt der Forscher. Soziale Medien seien ein Katalysator. Dort ließen sich leicht simple Antworten auf komplexe Fragen finden. Mit anderen Worten: Im Kaninchenbau-Labyrinth kommen Zufälle wie das Überspringen eines Virus von Tier auf Mensch nicht vor. Eher sind globale Eliten am Werk.

Eindruck einer gefühlten Mehrheit

Ihre Anhänger füttern Wendler und Co. über den Messenger Telegram mit Verschwörungsinhalten. Anders als bei Whatsapp lassen sich über Telegram Nachrichten an tausende Menschen schicken. Hildmann, Naidoo und Wendler haben in ihren Gruppen jeweils etwa 100.000 Anhänger, Herman kommt auf etwa 150.000. Sie teilen ihre Nachrichten untereinander, die Chat-Gruppen kapseln sich ab. „In dem Moment, in dem sich die Gruppe einigelt, gibt es keine Konfrontation mit anderen gesellschaftlichen Gruppen“, erklärt Müller. Leicht könne unter den Mitgliedern der Eindruck einer gefühlten Mehrheit entstehen.

Unter den Verschwörungspromis vermutet Forscher Andreas Zick eine Rollenverteilung. Demnach ist Attila Hildmann der Front-Kämpfer auf der Straße. Tatsächlich ist er auf den Demonstrationen der Corona-Leugner regelmäßig ganz vorn mit dabei. Er steht auf der Bühne, posiert mit Reichskriegsflaggen und wurde am 29. August während einer Demo vorübergehend von der Polizei festgenommen. Hildmann ist wohl auch eine Art Promi-Rekrutierer. In einem Youtube-Video erklärt er, er sei mit zehn Prominenten in Kontakt.

Xavier Naidoo nehme Zick zufolge unter anderem eine Brückenfunktion zu den Reichsbürgern ein. Dazu passt seine Nähe zu dieser Bewegung. Im März wiederholte er in einem Interview Thesen der Gruppierung. Ex-Radiomoderator Ken Jebsen füngiert als Prediger. Sein Youtube-Kanal „KenFM“ hat 500.000 Abonnenten. In schnellen Sätzen spult er dort regelmäßig Verschwörungsideologien ab. Mit dem Video „Gates kapert Deutschland“ erreichte er gar ein Millionenpublikum. Wie Zick weiter erklärt, liefere die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ die Ideologie der Gruppe. Und Michael Wendler? Sein Rolle ist Zick zufolge noch unklar. Er vermutet allerdings, dass er „als Vermittler zur Schlager- und Mallorca-Szene“ dienen könnte. 

Einmal in der Community angekommen, erhielten Promis „sehr viel Bestätigung, Zuspruch, Likes und Applaus“. Sie würden wie Helden verehrt. Das Blatt kann sich jedoch auch wenden, etwa wenn Mitglieder der Gruppe Zweifel äußern. Zuletzt wehrte sich Attila Hildmann gegen Kritik seiner Anhänger, als ein Foto von ihm auftauchte, das ihn mit Maske in einem Wartezimmer zeigt. „Abweichler werden schnell als Verwirrte und Verräter stigmatisiert, zumal der Glaube an geheime Mächte immens stark ist“, erklärt der Forscher. 

46 Prozent glauben an geheime Organisationen

Ergebnisse der „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigen, wie verbreitet Verschwörungsideologien innerhalb der deutschen Gesellschaft sind. Im Rahmen der Studie hatte ein Forschungsteam der Universität Bielefeld Ende 2018 und Anfang 2019 1890 Deutsche repräsentativ befragt. 46 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, es gebe geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Gut ein Drittel der Befragten befürworteten die Aussagen, Politiker seien nur Marionetten sowie dass die Regierung der Bevölkerung die Wahrheit verschweige.

Auch deshalb hält Professor Zick die Promi-Verschwörungsgruppe um Wendler, Hiltmann und Co. und deren Anhänger für „brandgefährlich“. Sie hätten das Ziel, eine schlagkräftige Bewegung aufzubauen und die Regierung zu stürzen. Sorge bereitet ihm der Hang zur Gewalt. Deutlich wurde das zum Beispiel am 30. August, als hunderte Demonstranten der Querdenken-Demo in Berlin auf die Treppen des Reichstags stürmten und in das Gebäude eindringen wollten. „Irgendwann könnten sie auf die Idee kommen und sagen, dass reden allein nicht mehr reicht“, sagt Zick.

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