Osnabrück

Sexismus im Wahlkampf: Wird Annalena Baerbock benachteiligt?

Lucie Wittenberg
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Von Lucie Wittenberg
| 17.09.2021 12:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Annalena Baerbock will die neue Bundeskanzlerin werden. Foto: Ronny Hartmann
Annalena Baerbock will die neue Bundeskanzlerin werden. Foto: Ronny Hartmann
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Annalena Baerbock verhalf den Grünen kurz nach ihrer Nominierung als Spitzenkandidatin zu historischen Umfragewerten. Zwischenzeitlich hat die Partei deutlich an Zuspruch verloren. Hat das schlechte Abschneiden nicht nur mit Baerbocks kleinen und größeren Fehltritten, sondern auch mit Sexismus zu tun?

Helga Lukoschat ist Politologin und Vorstandsvorsitzende der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft in Berlin. Im Interview schildert sie, warum Annalena Baerbock so polarisiert, wie es Angela Merkel einst ergangen ist und was das Alles mit Sexismus zu tun hat.

Frau Lukoschat, Annalena Baerbock ist laut einem Bericht das Hauptziel von Fake-News im Fernsehen, in Print- und Online- sowie in sozialen Medien. Kurz dahinter folgt Angela Merkel. Woran liegt das?

Fake-News verfolgen die Absicht, eine Person in Misskredit zu bringen, sie abzuwerten und unglaubwürdig zu machen. Vor allem für die sozialen Medien ist nachgewiesen, dass Fake-News und sexistische Angriffe gegenüber Frauen zunehmen. Das trifft Spitzenpolitikerinnen in besonderer Weise, weil sie eine herausgehobene Stellung haben und eine Projektionsfläche bieten. Angela Merkel ist ja seit geraumer Zeit ein Haßobjekt für rechte Kreise. Annalena Baerbock als gutaussehende und vergleichsweise jüngere Frau stellt für viele offenbar eine noch größere Provokation dar. Mit solchen Angriffen wird versucht, Frauen auf ihren Platz zu verweisen, nach dem Motto: „Was Du traust Dich zu kandidieren? Dir werden wir es zeigen!“.

Warum polarisiert der Typ Frau „jung und akademisch“, den Baerbock verkörpert, so stark?

Annalena Baerbock verkörpert auf eine neue Art eine selbstbewusste Weiblichkeit. Sie ist eine Politikerin, die ausgesprochen selbstverständlich und offensiv damit umgeht. Das ist in dieser Form ein Novum. Bisher waren Frauen in der Politik eher gezwungen, ihre Weiblichkeit zurückzunehmen oder zu neutralisieren.

Bei allen Fortschritten und Veränderungen gegenüber früheren Zeiten - Sie müssen sich nur einmal den Film „Die Unbeugsamen“ ansehen, der zeigt, was Frauen im Bundestag in den Bonner Zeiten aushalten mussten - so stecken Frauen in der Politik doch weiterhin in einer Art Zwickmühle: Entweder sie werden als weiblich wahrgenommen, dann sind sie nicht durchsetzungsstark und kompetent. Oder sie sind durchsetzungsstark, dann gelten sie als keine richtige Frau mehr.

Nach dem vergangenen Triell galt Annalena Baerbock in den Umfragen zwar als sympathisch, aber nicht als kompetent. Ist das schon Sexismus?

Ja, das schwingt mit. Baerbock ist attraktiv, sie wirkt sympathisch, aber kann sie dann noch kompetent sein? Aber interessant fand ich, dass ihr zugleich die größte Tatkraft zugetraut worden ist. Das bricht das gängige Muster auf, denn Tatkraft wird ja eher mit Männlichkeit verbunden.

Es wird oft gesagt, dass Annalena Baerbock so viel kritisiert wird, weil sie eine Frau ist. Wird an ihr ein anderes Maß angelegt als an Olaf Scholz oder Armin Laschet als mögliche Kanzler?

Generell ist die Erwartungshaltung an Politikerinnen eine andere. Dies zeigen Studien zum Thema deutlich und auch unsere aktuelle Studie, die voraussichtlich im Herbst erscheinen wird. Erst in den letzten dreißig Jahren ist es so, dass Frauen überhaupt ein Drittel in den Parlamenten erreicht haben. Männer sind deshalb der Prototyp in der Politik - quasi über Jahrhunderte. Dieser männliche Prototyp bestimmt mit seinem Auftreten die Spielregeln. Frauen stehen somit anders auf dem Prüfstand, was ihr Können, ihre Kompetenz, ihre Leistung betrifft. Das Äußere spielt nach wie vor eine viel größere Rolle sowie die Frage nach Partnerschaft, Familie oder Kindern.

Wieso wird denn ein Armin Laschet nicht nach seiner Familiensituation gefragt, falls er Kanzler wird? Immerhin hat er selber drei Kinder.

Da zeigen sich genau unsere Wahrnehmungsmuster und auch, wie die Aufgaben zwischen Frauen und Männer verteilt sind. Diese Zuständigkeit von Frauen für die Erziehung, die Kinder und den Haushalt, die ist nach wie vor da. Wir wissen, dass Frauen, auch wenn sie erwerbstätig sind, mehr Zeit damit verbringen. Und diese Vorstellung, dass die Frau ihrem Mann den Rücken freihält, die ist ganz tief verankert.

Ist Sexismus in der Politik also eigentlich nur ein Mittel, um Macht zu erhalten?

Wir haben im Moment zwar keine Hinweise darauf, dass Frauen weniger gewählt werden als Männer. Aber wir haben Teile der Bevölkerung, die eine Art Antifeminismus wählen. Die AfD beispielsweise wird überwiegend von Männern gewählt und sie stellt auch ganz überwiegend Männer auf. Da ist es eine Übereinstimmung zwischen der personellen Aufstellung und der Programmatik, die stark rückwärtsgewandt ist.

Welche Rolle spielen eigentlich die sozialen Netzwerke?

Eine zunehmende und vor allem schwierige Rolle. Weil sie ungefiltert sind. Das, was die Politikerinnen in den sozialen Medien erleben, auch an Hate Speech und Anfeindungen, das ist zum Teil heftig. Es gibt vor allem auf Kommunalebene Politikerinnen, die sich das nicht weiter antun wollen und die Öffentlichkeit und die sozialen Medien meiden. Es ist ein ganz großes Thema für die Demokratie und die Öffentlichkeit, wie man das wieder einfangen kann.

Annalena Baerbock ist nicht die erste Kandidatin, die sich das Kanzleramt zutraut. Mit Angela Merkel, die zeitweise „Kohls Mädchen“ genannt wurde, regiert seit 16 Jahren eine Frau. Ist es ihr im Wahlkampf ähnlich ergangen?

„Kohls Mädchen“ ist natürlich ein Beispiel dafür, wie man nur auf Grund des Geschlechts abgewertet wird. Und das ist Sexismus. Auch hatte Merkel unglaublich damit zu tun diese Debatten über ihr Aussehen und ihre Frisur loszuwerden. Schließlich hat sich dann für ihre Uniform aus Blazer und Hose entschieden, die Frisur geändert. Ein anderes Beispiel: Wie jede Spitzenpolitikerin oder jeder Spitzenpolitiker hat sie eine Unterstützungsgruppe, die sie über eine längere Strecke begleitet hat. Bei Angela Merkel wurde das dann aber ins Lächerliche gezogen, es sei das „Girls Camp.“ Warum? Nur weil es Frauen sind? Es war doch vielmehr ein hochprofessioneller Beraterinnenkreis.

Ist es denn das richtige Zeichen, wenn Merkel eine Art Uniform trägt und damit ihre Weiblichkeit kaschiert? Sollte sie nicht einfach sie selbst bleiben?

In der Situation von Merkel war es einfach klug, weil sie damit die andauernden Debatten beendet hat. Sie hat sich damit dem öffentlichen Druck gebeugt. Ich finde es deswegen einen Fortschritt, dass Annalena Baerbock sich nicht versteckt mit ihrem Frausein, ihrer Familie und ihrer Weiblichkeit. Das ist ein Pluspunkt, dass sie sich nicht neutralisieren muss, um möglichst ähnlich mit den Männern zu sein.

Sie wollen eine Studie zu Alltagssexismus in der Politik veröffentlichen. Worum geht es da konkret?

Wir haben eine umfangreiche Befragung von Männern und Frauen in der Politik gemacht. Es ging um die Frage, wie sich Parteikulturen verändern können, um die politische Partizipation von Frauen zu erhöhen. Wir haben den Schwerpunkt auf Kommunikations- und Umgangsformen gelegt. Da werden die anderen Erwartungen und der andere Umgangston mit Frauen deutlich: zum Beispiel häufiger unterbrochen oder weniger ernst genommen zu werden. Oder dass Männer auf ihr Handy starren, wenn Frauen am Rednerpult sprechen.

Was muss sich ändern, damit es besser wird?

Es muss sich auf vielen Ebenen etwas verändern. Die Politik kann durchaus Weichen stellen: Stichwort Kinderbetreuung ausbauen, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Homeoffice-Möglichkeit erweitern. Und die Parteien selbst können und sollten an ihrer eigenen Kultur arbeiten. Auch die Einführungsgesetz von Paritätsgesetzen, die dafür sorgen, dass Frauen und Männer gleichberechtigt in den Parlamenten vertreten sind, halte ich für richtig.

Und sonst?

Auch die Medien spielen eine große Rolle: in der Art der Berichterstattung und der Auswahl der Bilder, weil oft Stereotype reproduziert werden. Da die allermeisten Menschen keinen Kontakt zu Spitzenpolitikerinnen haben, ist das umso wichtiger. Auch eine Regulierung der sozialen Medien, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken, wäre sinnvoll. Grade um Alltagssexismus zu überwinden, halte ich das für besonders wichtig.

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