Berlin
TV-Doku mit Serienmörder Högel: Patientenschützer fordern Absetzung
Niels Högel tötete in Oldenburg und Delmenhorst über 90 Patienten. TVNOW hat ihn für die Doku „Der Todespfleger“ interviewt. Patientenschützer fordern jetzt die Absetzung des Formats.
„True Crime“ gehört derzeit zu den journalistischen Erfolgsformaten. Auch bei den Streamingdiensten boomt das Genre. Schon vom Wort her verspricht „True Crime“ eine unmittelbare Authentizität und eine Begegnung mit „dem Bösen“. Und wird immer direkter: Netflix zeigt historische Interviews mit dem Serienmörder Ted Bundy („The Ted Bundy Tapes“, 2019). Beim Spartenkanal RTL Crime waren „The Lost Tapes“ (2019) zu sehen, Aufnahmen, die kurz nach den Morden auf Charles Mansons Farm entstanden.
„Der Todespfleger“ bei TVNOW
Ganz nah dran will auch die Dokumentation „Der Todespfleger“ sein. In vier Folgen erzählt der RTL-Streamingdienst TVNOW die Geschichte von Niels Högel, der als Krankenpfleger in Oldenburg und Delmenhorst Dutzende, vermutlich eher Hunderte Klinikpatienten tötete. Das Besondere am Format: Der Serienmörder spricht selbst. Der Journalist Kimmo Wiemann hat Högel befragt.
Mehr zum Högel-Prozess
„Packende Telefoninterviews aus der JVA Oldenburg“
TVNOW kann die Serie deshalb als „packende Telefoninterviews aus der JVA Oldenburg“ vermarkten und „Einsichten in die Motivlage des Serienmörders“ versprechen: „Niels Högel erzählt aus seiner Sicht, warum er mit seinen Taten begann und weshalb er sich bei jeder Tat erneut bewusst für das Böse entschied.“ Die Antwort darauf spielt die Dokumentation dann nicht weniger als viermal ein: „Damals habe ich die Sucht nach Anerkennung über das Böse gestellt“, sagt Högel.
Wer einem verurteilten Mörder „packende“ Zitate über seine Taten entlockt, begibt sich in ein Grenzgebiet. Die Gefahr ist groß, dass der Täter noch einmal die Deutungshoheit über seine Opfer bekommt. Deren Zahl ist in diesem Fall beispiellos, wenn auch nicht exakt zu beziffern. Wie vielen Menschen Högel tödliche Medikamente verabreichte, um in der Reanimation mit ihrem Leben zu spielen, ist nicht mehr festzustellen. Verurteilt wurde er für 91 Tötungsdelikte, 87 davon wurden vor Gericht als Mord gewertet. Insgesamt führten 332 Verdachtsfälle zu Ermittlungsverfahren, die kaum noch zu klären sind.
Alles nur kein zweiter Missbrauch
In die große Ungewissheit hinein spricht Högel nun selbst. Dass das in Ordnung ist, lässt das Filmteam sich vor laufender Kamera vom Medienethiker Matthias Rath bestätigen: „Auch Herr Högel hat das Recht, sich mitzuteilen“, sagt er. Aber: „Nichts darf zum zweiten Missbrauch führen. Die Opfer dürfen nicht wieder die Opfer sein.“ Genau das aber scheint aber passiert zu sein. Denn dass sie gemeinsam mit dem Mörder ihrer Angehörigen zu sehen sein würde, war nicht allen klar. Johann Kühme, als Oldenburger Polizeipräsident mit den Ermittlungen vertraut, hat Beiträge seines Teams deshalb wieder aus der Doku herausschneiden lassen: „Wir sind schon oft von verschiedenen Produktionsfirmen angefragt worden und haben das immer vertraglich geregelt: Sobald Niels Högel als Person in Erscheinung tritt - über Bild, Ton oder Telefon, wie auch immer -, dann machen wir nicht mit“, berichtet er uns.
Nicht jeder, erzählt Kühme, war vertraglich so gut abgesichert. Einer von denen, die sich nun betrogen fühlen, ist Matthias Corssen. Als Sanitäter war er ein Kollege Högels, nach einem Autounfall wurde er aller Wahrscheinlichkeit nach zu seinem Opfer. „Ich habe der Filmfirma gesagt: Wenn Högel vorkommt, dann bin ich nicht dabei. Das hat man mir zugesichert“, hat Corssen jetzt in der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt. „Den Wunsch einzelner Interviewpartner, nicht in einer Sendung zu Wort zu kommen, in der sich auch Niels Högel äußert, haben wir selbstverständlich respektiert“, teilt TVNOW mit. Corssen sagt, er fühle sich missbraucht.
Kann Högel seine Taten zu Geld machen?
Warum die Selbstdarstellung Högels problematisch ist, erklärt Polizeipräsident Kühme so: „Geltungssucht war handlungsleitend für seine schrecklichen Mordtaten. Eine Dokumentation, in der er persönlich zu Wort kommt, befriedigt diese Geltungssucht noch einmal.“ Im Interview sieht er einen bloßen „Werbefaktor und den finde ich sehr fragwürdig und problematisch“.
Auch Karsten Krogmann hält Högel-O-Töne für überflüssig. Als Journalist hat er die Prozesse über Jahre begleitet. „Högel ist nicht nur ein verurteilter Serienmörder, er ist auch ein gutachterlich diagnostizierter Lügner. Er hat der Polizei, den Richtern und vor allem den Angehörigen seiner Opfer immer wieder ins Gesicht gelogen. Mit jemandem wie Högel spricht man nicht, jedes weitere Wort von ihm ist ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen der vielen Toten“, sagt Krogmann. Dabei leitet ihn auch die Perspektive als Sprecher des Weißen Rings, einer Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer.
Auch Krogmann kommt in der TVNOW-Doku zu Wort; am selben Tag wie die Serie erscheint sein Buch zumFall. Für die Recherche hatte auch er einmal Kontakt zu Högel aufgenommen, sich dann aber gegen ein Gespräch entschieden. Im Vorwort seines Buchs äußert Krogmann den Verdacht, dass Högel für Interviews auch Honorarforderungen gestellt habe. Hat TVNOW dem Serienmörder nun also die Möglichkeit gegeben, seine Verbrechen zu Geld zu machen? Eine Sprecherin lässt diese Frage unbeantwortet. Über vertragliche Dinge gebe das Haus grundsätzlich keine Auskunft.
Niels Högel: Keine Erinnerung an Zahlen
Was aber ist - vom Sensationswert abgesehen - mit Högels Selbstauskunft eigentlich gewonnen? Gewissheit über die vielen mutmaßlichen Opfer jedenfalls nicht; da ist der Serienmörder ganz deutlich: „Wenn dann Leute sagen: Na ja, er hat ja wissen müssen, dass es soundso viele sind“, sagt er zur Zahl der Toten: „Nee! Das kann man nicht wissen. Ja, weil ich glaube einfach: Auch ich habe da meine Grenzen gehabt und wollte es mir selber nicht eingestehen und wie gesagt, mit Sicherheit auch erfolgreich verdrängt.“ Er erinnert sich nicht mehr, wie viele Menschen er ermordet hat.
Immer wieder umkreisen Högels Aussagen dann das Warum; eine überzeugende Antwort findet in der Doku keiner. Er selbst zählt äußere Stressfaktoren auf, Doppelschichten in Klinik und Rettungsdienst, Komplikationen bei der Geburt seines Kindes. Als Auslöser der Mordserie nennt Högel eine Beziehungskrise - die einzige Selbstdeutung, die der Interviewer dann widerlegt. Der Zeitablauf passt nicht. Eine frühkindliche Störung schließen alle gemeinsam aus - Högel („Meine Kindheit war wirklich tadellos“) genauso wie sein Vater und auch ein Gutachter, die TVNOW ebenfalls zu Wort kommen lässt. Dafür kann TVNOW Nichtigkeiten wie den frühen Berufswunsch Feuerwehrmann mit Einträgen ins Poesiealbum belegen.
Fragen wie am roten Teppich: Herr Högel, wie sehen Sie sich selber?
Alle gemeinsam arbeiten eine auffällige Anlage heraus: eine Angst vor der Isolation, unter der Högel schon als Kind gelitten habe. Die Morde stehen damit im Licht einer „Angst vor Einsamkeit“ und „Sucht nach Anerkennung“. Das Högel-Zitat dazu wird wieder und wieder eingespielt; dabei passt es schlecht dazu, wie ehemalige Klinikmitarbeiter den Pfleger beschreiben: als geschätzten und fähigen Kollegen, der lustig war und Erfolg bei Frauen hatte - und der diese breite Anerkennung durch die Mordserie mit ihrem hohen Entdeckungsrisiko gerade aufs Spiel setzte. Die massive Häufung der Reanimationen in Högels Schichten fiel so sehr auf, dass er einem Zeugen zufolge schon in der ersten Klinik, die er zum Tatort machte, als „Todes-Högel“ galt.
Der Widerspruch bleibt unaufgelöst. Stattdessen stellt der Interviewer Frage wie diese: „Von den Hinterbliebenen oder von einigen Medien werden Sie ja auch als Bestie oder als Monster bezeichnet. Wie sehen Sie sich da selber?“ Högel spricht von Scham und Selbstekel und „unterschreibt“ eine ihm bescheinigte seelische Abartigkeit. „Aber ein Monster, in dem Sinne, oder eine Bestie, die da also - natürlich unterschreibe ich das so nicht.“
TVNOW fragt den Falschen
Ein Monster ist er also nicht, eines aber ist Högel ganz gewiss: ein schrecklicher, aber auch sehr seltener Einzelfall. Es gibt nur wenige dokumentierten Patientenmörder; die Wahrscheinlichkeit einem wie ihm in die Hände zu fallen, ist gering. Und welche seelische Abweichung auch immer in ihm die Lust am Töten weckte - ausleben konnte er sie nur in einem System, das für uns alle zum Alltag gehört: in zwei normalen Krankenhäusern, in denen ihm niemand in die Hand fiel. Obwohl die die Häufung rätselhafter Todesfällen in seinen Schichten per Strichliste nachgewiesen war, wurde er nicht angezeigt, sondern weggelobt. Noch nachdem er auf frischer Tat ertappt worden war, ließ man ihn einen letzten Mord begehen. Insofern interviewt die Doku vielleicht ganz einfach den Falschen. Was im Kopf des Serienmörders vor sich geht, mag ein klassisches True-Crime-Faszinosum sein. Dringlicher wäre zu klären, was im System der Pflege so verheerend schlecht funktioniert.
Update: Patientenschützer fordern Absetzung
Inzwischen kritisiert auch die Stiftung Patientenschutz die Produktion. Gegenüber dem Evangelischen Pressedienst sagte deren Vorsitzender Eugen Brysch: „Die öffentliche Zuschaustellung eines Serienmörders in dieser Weise ist nicht hinnehmbar.“ Brysch forderte RTL auf, die Serie sofort zu stoppen. „Hier ist offenbar der letzte Anstand verloren gegangen. Noch heute leiden viele Menschen unter Högels Taten und selbst Gerichte befassen sich noch damit“, so Brysch.
Termin: Der Streamingdienst TVNOW stellt den Vierteiler „Der Todespfleger - Die Morde des Niels Högel“ ab Montag, 20. September 2021, bereit. Zeitgleich erscheint Karsten Krogmanns und Marco Sengs Sachbuch „Der Todespfleger - Warum konnte Niels Högel zum größten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte werden?“ (Goldmann Verlag).