Bundestagswahl 2021

Vom Hauptschüler zum Bundestagskandidaten

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 16.09.2021 15:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Unternehmensbesuch bei Sonovus in Esterwegen: Ferhat Asi (rechts) hat Christian Dürr (links) mitgebracht und unter anderem mit Geschäftsführer Dieter Brake (Mitte) über die Sorgen der Unternehmer gesprochen. Foto: Nording
Unternehmensbesuch bei Sonovus in Esterwegen: Ferhat Asi (rechts) hat Christian Dürr (links) mitgebracht und unter anderem mit Geschäftsführer Dieter Brake (Mitte) über die Sorgen der Unternehmer gesprochen. Foto: Nording
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Ferhat Asi tritt für die FDP im Wahlkreis Unterems zur Bundestagswahl an. Einen Tag lang hat diese Zeitung ihn begleitet.

Ostfriesland/Emsland - Ferhat Asi fährt auf den Parkplatz des Papenburger Kinos. Den Treffpunkt hatte er vorgeschlagen. Er sitzt am Steuer seines VW Variants, im Radio läuft Nirvana, „Smells like Teen Spirit“. Asi ist 29 Jahre alt und möchte für die FDP in den Bundestag nach Berlin. Zunächst geht es für ihn aber an diesem regnerischen Donnerstagvormittag im August nach Esterwegen. Unternehmensbesuch.

Was und warum

Darum geht es: Ferhat Asi möchte die FDP in den Bundestag. Einen Tag lang zeigt er, wie der Wahlkampf für ihn aussieht und wer er eigentlich ist.

Vor allem interessant für: Politikinteressierte und Wähler im Wahlkreis Unterems.

Deshalb berichten wir: Am 26. September ist Bundestagswahl. In einer Reihe stellen wir die Bundestagskandidaten, der bereits im Bundestag vertretenen Parteien vor. Wir haben alle Kandidaten von AfD, CDU, FDP, Grüne, Linke und SPD angeschrieben. Fünf haben geantwortet und uns teilnehmen lassen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Auf dem gut 30-minütigen Weg dorthin erzählt er, wie er zur FDP gekommen ist. Er sagt über sich selbst, dass sein Lebenslauf ihn eigentlich zu einem klassischen SPD, Grünen oder Linken-Politiker gemacht hätte. Asi ist in Kurdistan geboren und kam mit einem Jahr nach Deutschland. Ein Kind mit Migrationshintergrund. Seinen Weg zur FDP fand er anders. 2010 machte der damalige Hauptschüler ein Praktikum beim Bundestagsabgeordneten Hans-Michael Goldmann. „Das war für einen Hauptschüler schon ungewöhnlich“, sagt Asi. Doch Goldmann hat eine Verbindung zur Familie Asi. Fünf Jahre zuvor hatte er sich dafür stark gemacht, dass Ferhat und seine Familie nicht abgeschoben werden.

Begeistert von Goldmann und dessen Arbeit trat auch Asi in die FDP ein. Die Werte der Liberalen sind seine Werte. Er setzt deswegen im Wahlkampf nicht nur auf die Zweistimme. „Ich will auch die Erststimmen für mich gewinnen“, sagt er.

Unternehmensbesuch mit Dürr

In Esterwegen trifft er sich mit seinem Parteikollegen Christian Dürr. Der Ganderkeseer ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP im Bundestag. Zusammen besuchen sie die Firma Sonovus. Das Metallbauunternehmen hat sich unter anderem auf die Errichtung von Mobilfunk-Infrastruktur, zum Beispiel die Planung und den Bau von Sendemasten, spezialisiert. Die Geschäftsführer Dieter Brake und Stephan Kleene führen die Politiker durch die Werkshallen – und sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Das Thema Fachkräfte treibt die Unternehmer um, denn Brake und Kleene finden keine. Im Ausland gebe es Möglichkeiten, aber die Hürden der deutschen Einwanderungspolitik seien zu hoch.

Dürr redet, diskutiert, argumentiert mit den beiden Geschäftsmännern. Er erklärt, die Pläne seiner Partei auf diesem Gebiet, versucht zu besänftigen, berichtet von anderen Firmenbesuchen. Schließlich höre er überall die gleichen Probleme – Digitalisierung und Fachkräftemangel. Es brauche eine andere deutsche Einwanderungspolitik. Großbritannien oder Kanada seien uns bei der Immigration von Fachkräften voraus. Wer einen Job hat und für sich selbst sorgen könne, dürfe kommen. Asi hört sich die Sorgen an, hält sich in der Diskussion aber zurück. „Wirtschaftsthemen sind nicht meine Stärke. Ich bin froh, dass ich bei solchen Besuchen fachkundige Kollegen wie Christian Dürr an meiner Seite habe“, gibt er unumwunden zu. Erst als das Thema Flüchtlinge im Gespräch aufkommt, wird Asi rege.

In Flüchtlingsunterkunft gelebt

Es ist sein Thema, denn er hat es selbst erlebt. Mit einem Jahr kam er mit seinen Eltern nach Deutschland. Fünf Jahre lebte er danach in einer Flüchtlingsunterkunft in Flachsmeer. Mit vier Geschwistern wuchs er auf. Im Alter von fünf Jahren zog Ferhat Asi mit seiner Familie dann nach Aschendorf ins Emsland. „Ich bin ein echter Aschendorfer Jung“, sagt er, als er nach dem Firmenbesuch weiter nach Hause fährt. Dort wartet seine Mutter auf ihn. Seine Mutter Azize Asi steht bereits vor der 100-Quadratmeter-Wohnung. „Hier sind wir vor 20 Jahren eingezogen und haben mit fünf Kindern und meiner Mutter hier gelebt“, sagt Asi.

Ferhat Asi und seine Mutter Azize haben eine besondere Beziehung zueinander. Foto: Nording
Ferhat Asi und seine Mutter Azize haben eine besondere Beziehung zueinander. Foto: Nording

Die Schuhe müssen vor dem Betreten der Wohnung ausgezogen werden. In der kleinen Küche hat die 45-Jährige typisch kurdisches Essen zubereitet. Es gibt Börek und Spitzkohlröllchen gefüllt mit Reis und Hackfleisch. „Ich nenne es immer kurdisches Sushi“, sagt Asi. Dazu gibt es selbstgebackenes Brot und Tee. „Er ist ein gutes Kind“, sagt Asis Mutter. Sie strahlt ihn an. Der 29-Jährige erzählt, dass er früher die Behörden-Korrespondenz für seine Eltern übernommen hat, weil sie kaum Deutsch sprachen. Eine Erfahrung, die beide noch heute besonders berührt. „Wir sind in dieser Zeit aneinander gewachsen“, sagt Azize Asi. Sie liebe alle ihre Kinder, aber zum ältesten habe sie eine besondere Beziehung.

Von der Hauptschule zum Studium

Damit es nicht anderen Kindern so geht wie dem kleinen Ferhat von damals, will der 29-Jährige etwas in der Politik verändern. „Ich will ein Vorbild sein“, sagt er. Von der Hauptschule hat er sich hochgearbeitet. Realschule, Ausbildung zum Bürokaufmann, Fachabitur. Mittlerweile studiert er in Osnabrück. Sollte es mit der Politik nichts werden, wolle er in öffentlichen Verwaltungen arbeiten. Veränderung und Anpacken sind für ihn zwei zentrale Dinge. Deswegen mache er Politik. In Berlin könne er große Entscheidungen mitbeeinflussen, aber Asi ist nicht nur im Bundestagswahlkampf: Auch für den Stadtrat und den Kreistag hat er sich aufstellen lassen. In den Stadtrat wurde er kürzlich gewählt, für den Kreis reichte es nicht.

Ferhat Asi besuchte den Awo-Jugendmigrationsdienst in Leer. Er tauschte sich unter anderem mit Christina Ribani (rechts) aus. Foto: Nording
Ferhat Asi besuchte den Awo-Jugendmigrationsdienst in Leer. Er tauschte sich unter anderem mit Christina Ribani (rechts) aus. Foto: Nording

Dass jetzt überall sein Plakat hängt, macht ihn Stolz. Er bekommt dafür auch viel Rückhalt. „Mir schreiben alte Bekannte aus der Schule, dass sie es gut finden, dass ich jetzt Politik mache“, sagt er. Dabei habe er es nicht immer einfach gehabt. Als Kind aus ärmlichen Verhältnissen erlebte er viel Mobbing. Außerdem ist da noch sein Name: „Mit dem Namen fängt man doch echt im Dispo an“, sagt er und lacht. Mittlerweile kann er über die Ähnlichkeit zwischen dem Schimpfwort „Asi“ für „Asozial“ und seinem Nachnamen lachen.

Flüchtlingspolitik ist Leitthema

Nach dem Essen geht es nach Leer. Dort besucht Asi den Jugendmigrationsdienst der Awo im Hermann-Lange-Ring. Christina Ribani stellt die Arbeit des Dienstes vor. Asi fragt nach und teilt seine eigenen Erlebnisse mit den Behörden. „Von der Ausländerbehörde habe ich Albträume gehabt“, sagt er zum Beispiel. Doch der 29-Jährige ist auch kritisch. „Ich sage immer: Man kann es einmal zeigen und vielleicht noch ein zweites Mal, aber dann müssen es die Leute alleine schaffen“, sagt er. Ribani sieht das anders. Nicht jeder könne gleich schnell Lernen und Verstehen. Fast zwei Stunden diskutiert er mit den Mitarbeiterinnen des Jugendmigrationsdienstes. Dann ist sein Tag erstmal beendet.

Beim Rausgehen ist ihm eine Sache wichtig: „Ich würde mich über die Zeile, ,der unterschätzte Kandidat‘ freuen. Denn so sehe ich mich“, sagt er.

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