Kolumne: Artikel 1, GG
Vielfalt ist anstrengend, aber schön
Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Mittwochs geht es immer um Diversität.
Am Dienstagmorgen rief mich einer meiner Studenten aus dem vergangenen Semester an. Ich erkannte ihn nicht, obwohl er seinen Namen gleich zu Beginn des Telefonats genannt hatte. Dass ich ihn nicht in einem der Kurse einordnen konnte, lag aber nicht an mir, sondern an ihm. Der junge Mann hat einen türkischen Vor- und Nachnamen. In den Lehrveranstaltungen bleibe ich beim „Sie“, spreche aber nach Rücksprache meine Studentinnen und Studenten mit Vornamen an.
Zur Person
Canan Topçu (55) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Den Anrufer von Dienstagmorgen kannte ich daher unter seinem Vornamen, hätte ihn sogleich in die richtige Schublade packen können; er meldete sich allerdings bei mir mit seinem Nachnamen – und das nicht so, wie der Name im Türkischen ausgesprochen wird, sondern wie die dieser Sprache unkundige ihn aussprechen. Aus dem Ç, das Ç wie Tsche bei Tschechien klingen muss, hatte der Student ein K wie Karl gemacht, und aus dem R, das betont wird, einen rollenden Roller.
Früher hat mich das geärgert, wenn Menschen selbst ihre Namen nicht der ursprünglichen Phonetik nach verwenden; heute macht es mich traurig. Traurig, dass junge Menschen sich dafür entscheiden, ihre Namen zu verhunzen, nur um nicht immer wieder erklären zu müssen, wie welche Buchstaben und Buchstabenkombinationen in der jeweiligen Herkunftssprache klingen.
In einer immer bunter werdenden Gesellschaft mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Namen mit Bezug dazu, sollten wir uns alle bemühen, das Gegenüber richtig anzusprechen. Der erste Schritt dazu ist, dass das Gegenüber sich daran hält. Ein weiteterer wäre, dass wir in der Schule und an anderen Lernorten nicht nur mit dem deutschen Alphabet und der Phonetik vertraut gemacht werden.
Ich jedenfalls bin nie auf die Idee gekommen, mich als Kanan Topkuh vorzustellen. Und wenn jemand mich so nennt, dann korrigiere ich – freundlich, aber bestimmend. Vielfalt ist anstrengend, aber auch schön. Wie mein Name.
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