Polizei

Gewalt und Hass gegenüber medizinischem Personal

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 01.09.2021 18:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nicht immer bleibt es bei Diskussionen. Foto: Adobe Stock/Poorten
Nicht immer bleibt es bei Diskussionen. Foto: Adobe Stock/Poorten
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Ein Arzt aus Osnabrück geriet in die Schlagzeilen, weil er Gewaltdrohungen erhielt. Das gibt es immer öfter, sagt die Ärztekammer. In Ostfriesland blieb es leider nicht immer bei Drohungen.

Ostfriesland/Hannover - Sie wollen retten, helfen oder behandeln – und ihnen wird mit Aggressivität begegnet. Die Ärztekammer Niedersachsen prangert an, dass Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern sowie Praxen und medizinisches Fachpersonal immer häufiger „gewalttätigen Übergriffen oder aggressivem Verhalten“ ausgesetzt seien.

Was und warum

Darum geht es: Die Fälle, in denen medizinisches Personal Ziel von Attacken wird, steigen niedersachsenweit. Leider bleiben gerade die Rettungskräfte in Ostfriesland davon nicht verschont.

Vor allem interessant für: Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten und jeden, der vielleicht einmal auf Hilfe angewiesen ist.

Deshalb berichten wir: Der Fall eines Hausarztes aus dem Landkreis Osnabrück ging durch die Medien. Wir wollten wissen, wie es in Ostfriesland ist.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Der Fall eines Hausarztes aus dem Landkreis Osnabrück, der vor Kurzem durch die Medien ging, stieß das Thema an. Er hatte einer nicht impfwilligen Patientin nahegelegt, sich einen anderen Hausarzt zu suchen – dann erhielt er Gewaltdrohungen, schrieb zum Beispiel die Ärztezeitung. Wie ist die Lage in Ostfriesland?

Das erleben Einsatzkräfte

„Grundsätzlich war eine gewisse Aggression gegenüber den Rettungskräften immer da“, sagt Sven Neumann vom Deutschen Roten Kreuz in Leer. Er war selbst von 2001 bis 2017 Notfallsanitäter und ist der Geschäftsführer des Rettungsdienstes. Allerdings habe es sich lange „nur“ um verbale Angriffe gehandelt. „Es geht aber zunehmend ins Körperliche und das seit zwei, drei Jahren“, so Neumann. Und das nehme aber derzeit eine neue Qualität an: „Die Kolleginnen und Kollegen sind häufiger nicht mehr diensttauglich wegen ihrer Verletzungen“, sagt er.

Sven Neumann war selbst jahrelang Notfallsanitäter und berichtet von einer Zunahme der Übergriffe auf Einsatzkräfte. Foto: Vogt/Archiv
Sven Neumann war selbst jahrelang Notfallsanitäter und berichtet von einer Zunahme der Übergriffe auf Einsatzkräfte. Foto: Vogt/Archiv
Man setze sich damit auseinander, woran das liegen könnte. „Wir schauen natürlich, ob der Fehler bei uns lag.“ Deeskalation stehe an erster Stelle. Wenn vor Ort, beispielsweise nach einer Körperverletzung, die Stimmung hochgeschaukelt sei, sei die Gefahr größer, dass ebenfalls Rettungskräfte angegriffen würden. „Alkohol ist natürlich kein neuer Faktor“, so Neumann. Ob die Corona-Pandemie zu mehr Aggressionen führe, lasse sich nicht sagen. „Es kann sein, dass so mancher angespannter reagiert: Angst um den Job, Kurzarbeit, Isolation, das kann alles mit hineinspielen.“

Das erleben Ärztinnen und Ärzte

Irritation ist das Wort, das Andy Vogel benutzt, wenn es darum geht, wie Menschen während der Pandemie teilweise auf den Rettungsdienst reagierten. Er ist in der Rettungsdienstleitung des Rettungsdienstes RKSH, der in Emden, Hinte und der Krummhörn agiert. „Wenn wir in Vollschutz auftauchen, reagieren manche Menschen skeptisch, aber das ist mehr als verständlich.“ Aggression gegenüber Rettungskräften sei während der Pandemie nicht gestiegen. „Aggressivität und Gewaltbereitschaft gegenüber medizinischem Personal nehmen zwar seit einigen Jahren zu, eine in der Pandemie begründete Häufung oder Steigerung entsprechender Vorfälle ist in unseren Kliniken allerdings nicht zu beobachten“, sagt Annika Weigelt, Sprecherin der Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden. Im Gegenteil hätten sich viele Menschen sehr dankbar verhalten, „wenn unsere Mitarbeiter ihnen aus einer gesundheitlich herausfordernden Situation wie einer Covid-19-Erkrankung herausgeholfen haben“.

Die Krankenhäuser müssten allerdings strengere Regeln durchsetzen wie eine strikte Besucherregelung, die vielen Angehörigen sicher nicht leichtfalle. Dadurch sei es gelegentlich „zu verbalen Attacken“ gekommen, die sich glücklicherweise immer deeskalieren ließen. Auch im Borromäus Hospital Leer sei eine Veränderung in der Ansprache der Patienten und Angehörigen zu spüren, die bedingt durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie belastet sind, berichtet Sprecherin Tanja Henschel. Die Mitarbeitenden schafften es aber, dies aufzufangen.

Auch in den Notaufnahmen habe sich die Situation durch die Pandemie nicht verschärft. „Grundsätzlich gibt es hier immer mal wieder Diskussionen, wenn Patienten mit leichteren Beschwerden länger warten müssen als dringlich zu behandelnde Notfälle“, sagt Weigelt. Die Bedenken und Ängste der Patienten hätten sich inzwischen verlagert, würden aber durch die Ärzte und Pflegenden ernst genommen und ausgeräumt, so Henschel. In niedergelassenen Praxen gebe es ebenfalls nicht mehr Konflikte, sagt zum Beispiel Dr. Christian von Goldammer von der Hausarztpraxis Emden. „Bei uns in der Praxis hat es weder vor der Corona Pandemie noch währenddessen eine zunehmende Gereiztheit oder Aggressivität seitens der Patienten gegenüber uns oder unserem Personal gegeben.“

Das sagt die Polizei

Tatsächlich stieg nach Polizeiangaben über einige Jahre die Zahl der Fälle, in denen Rettungskräfte oder medizinisches Personal Opfer von Gewalt wurden, wie die Ärztezeitung schreibt. In der Region Hannover seien 2016 erst 32 derartige Fälle registriert worden, 2017 waren es 44, 2018 stieg die Zahl auf 53 und 2019 auf 62, wie eine Sprecherin der Polizeidirektion Hannover sagte.

In Ostfriesland seien keine Fälle wie der aus dem Landkreis Osnabrück bekannt: „Natürlich haben wir bereits Kenntnis genommen von Fällen, die außerhalb unseres Zuständigkeitsbereiches passiert sind und die medial aufbereitet wurden“, sagt Svenia Temmen, Sprecherin der Polizeiinspektion Leer/Emden. Grundsätzlich gelte: „Wer angegriffen, bedroht oder beleidigt wird, ist gut beraten, umgehend Strafanzeige bei der Polizei zu erstatten. Bei Straftaten, die online passieren, ist es besonders wichtig alle Informationen, die zur tatverdächtigen Person erhältlich sind, elektronisch zu sichern.“

Das unterstreicht Wiebke Baden, Sprecherin der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund: „Gibt eine andere Person als das Opfer oder Geschädigte einen Hinweis, verfolgen wir dies natürlich auch und sprechen die geschädigte Person an.“

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