Osnabrück
Dieter Nuhr: Mein Witz über Greta war eine der besten Pointen
Wenn Dieter Nuhr durch „Nuhr im Ersten“ führt, ist der nächste Shitstorm nicht weit. Einen Witz über Greta Thunberg hält er für besonders gelungen.
Herr Nuhr, Sie sind Beamtenkind. Was haben Ihre Eltern genau gemacht?
Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater am Ende seiner Laufbahn Regierungsdirektor im Schuldezernat und hat fast ausschließlich mit Lehrern zu tun gehabt, die gegen die Dienstvorschriften verstoßen hatten. Er hatte deshalb ein denkbar schlechtes Bild von der damaligen deutschen Lehrerschaft. Das war wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich dann ein Lehramtsstudium angefangen habe.
Zungenkuss im Gemeindeheim
Davor waren Sie Messdiener.
Ja, das habe ich mal als meine erste Bühnenerfahrung bezeichnet. Eigentlich bin ich kein Mensch, der von Natur aus auf die Bühne drängt, sondern musste dazu überredet werden. Als Beamtenkind hatte ich gar nicht in Betracht gezogen, dass so etwas möglich ist. Das Wichtige an der Messdienerschaft aber war für mich, dass es da ein Gemeindeheim gab. Als ich elf oder zwölf wurde, war das eine Art Refugium für mich, da wurde Flaschendrehen gespielt - Da lernte ich das Prinzip des Zungenkusses kennen. Das war prima.
Streng katholisch war Ihre Jugend dann also doch nicht, oder?
Das war streng katholisch - im rheinischen Sinne. Der Rheinländer an sich hat ja den Aspekt des Beichtens im Katholizismus immer stark ausgenutzt.
„Ich bin nicht gläubig“
Sind Sie heute noch katholisch, gläubig?
Nein, ich bin nicht gläubig. Beim Glauben an einen Gott, der irgendwo auf uns wartet, komme ich leider nicht mit. Dabei fände ich es eigentlich schön, so einen Betäubungsfaktor im Leben zu haben. Grundsätzlich haben meine vielen Reisen dazu beigetragen, zu erkennen, dass es überall auf der Welt Menschen mit unterschiedlichen Göttern gibt, die genau wissen, dass ihre Vorstellung vom Schöpfer die einzig richtige ist. Aber der Katholizismus hat mich trotzdem geprägt. Es gibt schon so etwas wie Mentalitäten - das heißt nicht, dass jeder Rheinländer fröhlich ist, aber es gibt eine andere Stimmung im Rheinland als meinetwegen im Erzgebirge.
Hatten Sie bei Ihrem Lehramtsstudium - Kunst und Geschichte - tatsächlich das Berufsziel, Lehrer zu werden?
Nein, das habe ich gemacht, weil meine Eltern, die mein Studium geringfügig unterstützten, das Gefühl haben wollten, dass ich ernsthaft einen Beruf anstrebe. Eigentlich wollte ich Künstler werden, wusste aber gar nicht, wie das geht, und habe im Atelier darauf gewartet, dass jemand reinkommt und sagt: So etwas habe ich ja noch nie gesehen, das will ich ausstellen. Mir fehlte zwar jeglicher Geschäftssinn dafür, aber Malen war das, was ich machen wollte.
Haben Sie auch mal in Erwägung gezogen, Politiker zu werden?
Nie im Leben. Grundsätzlich war ich politisch immer interessiert und gehörte ja auch zu den Gründungsmitgliedern der Grünen. Das klingt natürlich sehr formell, aber das war damals ja eine informelle Bewegung. Als die Gründung einer Partei anstand, unterschrieb man irgendeinen Zettel, der im Zweifel schon auf dem Weg zur Parteizentrale wieder verlorenging. Wir waren damals ein völlig chaotischer Haufen. Als es sich über die Jahre hinweg ein wenig professionalisierte und Mitgliedsbeiträge eingezogen werden sollten, waren die meisten Mitglieder auch gleich wieder weg. Mitgliedsbeiträge waren etwas Schäbiges, schon weil sie das eigene Portmonee belasteten.
Früher überzeugter Öko
Sie hatten also bei der Gründung der Grünen keine Politikerkarriere vor Augen?
Nein, aber ich war damals völlig überzeugter Öko, der glaubte, dass der Salat im eigenen Vorgarten die Welt rettet. Unter Weltrettung haben wir es damals nicht gemacht, deshalb muss ich heute auch furchtbar lachen über manches, was in Grünen-Kreisen so besprochen wird. Weil die Selbstüberschätzung von damals, diese grenzenlose Hybris, die in unseren Hirnen steckte, heute fröhliche Urständ feiert.
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Was von dem Dieter Nuhr von 1980 hat sich der Dieter Nuhr von 2021 bewahrt?
Ich bin immer noch der Meinung, dass individuelle Freiheit möglich sein muss. Im Gegensatz zu meinen Gesinnungsgenossen von damals, die heute in einer eher kollektivistisch denkenden Blase leben. Ich bin immer noch ein Mensch, der glaubt, dass jeder so leben sollte wie er leben mag. Dass man sich Teile davon erkämpfen muss, allein schon ökonomisch, ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Auch die Idee, dass man den Untergang des Planeten durch Selbstzerstörung verhindern muss, steckt noch tief in mir drin. Es ist nur so, dass ich die Möglichkeiten heute anders sehe. Ich bin illusionsloser und gucke auch nicht mehr mit diesem Übermaß an Selbstgerechtigkeit auf die politische Welt.
Klimawandel mal anders gesehen
Woran liegt das?
Natürlich auch am Reisen. Wenn man in Nepal gesehen hat, wie Kinder in 2000 Metern Höhe bei eisigen Temperaturen Autoreifen vor der eigenen Haustür verbrennen, weil sie für eine halbe Stunde mal warme Füße haben wollen, hat man gelernt, dass es woanders andere Prioritäten gibt als ungesunde Emissionen. Deshalb habe ich heute auch einen satirischen, weil illusionslosen Zugang zu der Sache.
Würde der Dieter Nuhr von 1980 heute mit „Fridays for Future“ auf die Straße gehen?
Der von damals auf jeden Fall. Das ist wie eine Wiederkehr, deshalb finde ich es auch so lustig. Die haben die Bewegung von damals geklont - bis hin zur Klamotte und der Selbstgerechtigkeit: Ich weiß nichts, aber erzähle allen, was richtig ist. Da wird in weiten Kreisen nicht verstanden, dass viele Dinge zwei Seiten haben, dass wir hier nicht die ganze Welt verändern können und wir nicht in der Lage sind, Chinesen vorzuschreiben, wie sie ihre Zukunft gestalten. Diese Selbstüberschätzung finde ich lächerlich und mache Witze darüber, weil ich damit eigentlich Witze über mich selbst mache.
Sie finden also den Dieter Nuhr von 1980 lächerlich?
Ja, natürlich. Mit 60 muss man sein 20-jähriges Ich lächerlich finden, sonst hat man zu wenig dazugelernt. Ich habe schon so viel dummes Zeug im Leben geredet. Es ist doch albern, wenn Leute so tun, als hätten sie eine totale Stringenz in ihrem Leben und noch nie Unsinn erzählt.
Haben Sie denn eine Sympathie für die jungen Leute, die jetzt auf die Straße gehen?
Eine grundsätzliche Sympathie schon, weil ich natürlich auch das Problem verstehe. Wofür ich keine Sympathie habe, ist eben diese Selbstüberschätzung vor allem bei den Hauptprotagonisten. Bei uns war alles, was uns nicht passte, Faschismus. Ein Signet, das wurde draufgepappt, man musste nicht mehr nachdenken und war auf der guten Seite. Heute erfüllt der Satz „Studien haben gezeigt…“ dieselbe Funktion. Es gibt aber zu jedem Thema Tausende Studien, die zum Teil ganz unterschiedliche Ergebnisse aufweisen. Dieses „Folgt der Wissenschaft“ blendet aus, dass auch Wissenschaft sehr unterschiedlich auf die Welt blickt, Klimaforscher anders als Wirtschaftswissenschaftler oder Historiker und Soziologen. Wissenschaft kann leider kein Gott sein, dem man sich anvertraut und „folgt“. Wahrheit von heute ist der Irrtum von morgen. Diese Attitüde der Nichthinterfragbarkeit des eigenen Standpunktes ist das, worüber ich am liebsten Witze mache.
„Ich mache mich über alle lustig“
Wie hat sich Ihr Humor im Laufe der Jahre verändert? Sind Sie schärfer, bissiger geworden oder vielleicht sogar milder?
Sowohl als auch. Milder im Sinne von: Ich bin nicht mehr so einseitig, sondern mache mich über alle politischen Lager lustig. Und schärfer, weil meine Themen politischer geworden sind. Das ist eine ganz normale Entwicklung, die im Leben jedes Humoristen eine Rolle spielt. Am Anfang macht man Witze über Alltagssituationen - ich bin aufgewachsen mit Hanns Dieter Hüsch, der einen privaten und sehr nachgiebigen Humor pflegte, was ich immer sehr gemocht habe. Aber irgendwann gehen einem die Themen aus, dann wird der Humor immer tagesaktueller. Dadurch ist er auch politischer geworden. Dazu kam der Satire-Sendeplatz in der ARD, der den Anspruch hat, auch das Tagespolitische aufzunehmen. Und natürlich hat sich auch die Welt verändert. Vor 20 Jahren konnte man ein Programm zwei Jahre lang spielen und musste gar nicht viel verändern. Heute ist es so, dass selbst grundsätzliche Themen, die einen monatelang beschäftigt haben, plötzlich von einem Moment auf den anderen weg sind. Ich versuche heute, nicht mehr mit Material auf die Bühne zu gehen, das seine Relevanz verloren hat.
Das heißt, Sie verändern Ihr Programm auch während einer Tournee?
Ja, sehr viel sogar. Ich kann eigentlich keine zwei Wochen mehr Dasselbe spielen. Die Zeiten haben sich wahnsinnig beschleunigt, weil sich auch der Journalismus, die Medien vervielfältigt haben. Die Leute sind heute viel näher am Geschehen dran als 1995, als es noch kein Google gab und man einfach mal was erzählen konnte, das man gehört hatte. Ich habe mal aus Spaß per Google Fakten überprüft, die ich in früheren Programmen hatte - es waren sehr viele Scheinwahrheiten dabei.
Die Sache mit dem Stickoxyd
Zum Beispiel?
Selbst scheinbare Fakten ändern sich. Noch vor zwei Jahren galt die Gewissheit, dass uns das Stickoxyd aus Dieseln tötet. Ein Jahr lang gab es kein anderes Thema - und dann stellte sich heraus, dass Stickoxyd gar nicht relevant ist für unsere Lebenszeit, sondern dass es die Feinstäube sind, die unser Leben verkürzen. Als ich das auf der Bühne erzählte, bekam ich einen Shitstorm nach dem anderen und wurde von Kollegen als Büttel der Autoindustrie niedergemacht. Allerdings hatte ich recht. Dann verschwand das Thema Stickoxyd einfach. Niemand korrigiert gerne falsche öffentliche Wahrnehmungen oder Hysterie. Die Deutsche Abmahnhilfe klagt einfach weiter. Und da sehe ich es als meine Aufgabe an, mit dem Finger darauf zu zeigen und zu fragen: Habt Ihr sie noch alle? Dafür muss ich in Kauf nehmen, dass ich von den Hysterikern auf die Fresse kriege.
Wie erleben Sie eigentlich den Wahlkampf? Ist das für Kabarettisten eine gute Zeit oder eher eine schlechte?
Was ist eine gute Zeit? Im Wahlkampf wird’s monothematisch, das ist schon mal nicht gut. Insofern nervt es mich. Ich empfinde Wahlkampf als etwas unfassbar Langweiliges, aber auch aus dieser Langeweile kann man wieder Pointen ziehen, die ich noch nicht kenne.
Eine Weile konnte man glauben, die Fehltritte von Annalena Baerbock wären das wichtigste Thema des Wahlkampfs.
Ich glaube, jeder in Deutschland weiß, dass das nicht wichtig ist, was sie mit ihrem Buch gemacht hat. Was ihr aber auf die Füße fällt, ist der moralische Anspruch der Grünen, mit dem sie im Wesentlichen CDU-Politiker verfolgt haben, weil sie Jahrzehnte vorher für ihre Doktorarbeiten etwas abgeschrieben hatten. Dieser Hochmut von früher fällt ihnen jetzt verdientermaßen auf die Füße. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, heißt es schon in der Bibel.
Die Wahl ändert nicht die Welt
Welche Themen sind Ihnen wichtig? Wovon denken Sie, dass darüber im Wahlkampf gesprochen werden müsste?
Über Relativität. Was können wir mit dieser Wahl überhaupt entscheiden? Es heißt immer „Jetzt geht es um alles“ - und genau das tut es nicht. Das kann Politik gar nicht leisten. Es geht nicht um die Weltrettung, weil es eine deutsche Wahl ist und nicht die Weltregierung gewählt wird. Also um die nächste Regierung des Landes, das zwei Prozent des weltweiten Klimagasausstoßes verursacht. Da sollte man die Relativität des Möglichen in den Mittelpunkt stellen. Das Klima wird auch die nächste Regierung definitiv nicht retten. Mangels Macht. Die Politik kann das Mögliche tun, aber auch nicht mehr. Wobei die Politik in der Corona-Zeit wieder Oberwasser gewonnen hat. Sie bestimmt wieder stärker über das Land als die Wirtschaft. Ob das gut ist, wage ich zu bezweifeln. Auch ich bin marktskeptisch. Aber ich bin auch politikskeptisch. Als wenn es gerecht zuginge, wenn Funktionäre über Verteilung bestimmen. Das hat noch nie geklappt.
Wer soll’s dann tun, wenn nicht die Wirtschaft und auch nicht die Politik?
Beide im Ausgleich. Das haben wir eigentlich in der Bundesrepublik fast perfektioniert. In der sozialen Marktwirtschaft wird dafür gesorgt, dass Nahrung, Heizung, Kleidung, Wohnung, Bildung und ärztliche Versorgung für alle garantiert sind, aber im Wesentlichen marktwirtschaftlich organisiert. Das halte ich für großartig und menschheitshistorisch einzigartig. Deshalb zahlen wir beispielsweise so wenig wie nie für Nahrungsmittel, weil die Verteilung über Märkte funktioniert. Die Politik sorgt dafür, dass alle daran teilnehmen können. Wenn das im Ausgleich ist, ist es gut. Das ist aber oft nicht mehr der Fall. Der Wohnungsmarkt beispielsweise kollabiert nicht, weil der Markt nicht funktioniert, sondern weil der Markt überreguliert und abgewürgt wurde. Da gibt es teilweise absurde Vorgaben. In meiner Wohnung habe ich teure energieoptimierte Fenster und darüber einen Schlitz in der Wand, im Grunde ein Loch! Damit ich nicht ersticke, wenn ich vergesse zu lüften. Beides entspricht irgendwelchen Verordnungen, die vielleicht einzeln Sinn machten, aber gemeinsam völlig irre sind. Bürokratenirrsinn. In der Überregulierung baut keiner mehr Mietwohnungen, weil es sich nicht lohnt. Und was fällt unseren Marktkritikern ein? Sie drohen mit Enteignung. Natürlich baut dann erst recht niemand mehr. Und diese Marktkritiker werden gewählt, weil sie den Wohnungsmarkt sabotieren. Absurder geht es nicht.
Sie kehren drei Tage vor der Wahl aus der Sommerpause zurück. Ein bewusst gesetzter Termin?
Zufall. Als der Termin gesetzt wurde, stand der Wahltermin noch gar nicht fest. Ich finde es ein bisschen unglücklich, weil ich lieber schon zwei Wochen vorher wieder dabei wäre. So bekommt die Sendung ein unglaubliches Gewicht, obwohl ich nicht glaube, dass ich wesentlichen Einfluss auf die Meinungsbildung hätte. Aber ich bin natürlich auch nicht so naiv zu glauben, dass meine Sendung überhaupt keinen Einfluss auf die Meinungsbildung hätte. Das ist eine Verantwortung, die ich eigentlich gar nicht haben möchte, aber natürlich trotzdem gerne aufnehme.
Werden Sie deutlich machen oder zumindest andeuten, wo Dieter Nuhr drei Tage später sein Kreuzchen macht?
Ich werde natürlich alles daransetzen, dass man nach dieser Sendung nicht weiß, wen ich wähle. Das halte ich auch für meine Aufgabe - es ist ja keine Personality-Show, in der es darum geht, dass ich Partei ergreife. Es wird immer behauptet, ich würde Kritik äußern, um irgendetwas zu erreichen - das ist gar nicht der Fall. Ich bin jemand, der etwas in Frage stellt. Fast alle meine Texte stellen infrage. Das wird auch die Aufgabe in dieser Sendung drei Tage vor der Bundestagswahl sein - alles mal anzuzweifeln, was mir gerade als goldene Zukunft versprochen wird.
Sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrem Sendeplatz? Ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung liebäugelt um diese Zeit ja schon mit dem Bett und nicht jeder nutzt die Mediathek.
Ja, früher wäre schon schön. Vor den „Tagesthemen“ statt danach wäre super. Aber das ist bei der Programmstruktur der ARD schwierig. Und dann komme ich lieber ein bisschen später, aber immer zum selben Zeitpunkt, als dass ich durch den Abend geschoben werde. Aber das ist wohl ein temporäres Problem - der Anteil der Leute, die sich das in der Mediathek angucken, wird ständig größer.
Eigentlich harmoniesüchtig
Sie werden mittlerweile ja nicht nur als einer der erfolgreichsten, sondern auch als einer umstrittensten Kabarettisten Deutschlands bezeichnet. Gefällt es Ihnen, umstritten zu sein?
Eigentlich überhaupt nicht, weil ich vom Grundcharakter her ein harmoniesüchtiger Mensch bin. Ich weiß auch gar nicht, was an dem, was ich sage, so strittig sein soll. Ich halte das eher für ein Symptom unserer Gesellschaft. Satire kommt oft vom politischen Rand und zielt auf die Mitte. Das ist langweilig, weil es erwartbar ist. Außerdem kommt diese Mitte in unser Medienwelt kaum noch vor. Die Stimmen, die man hört sind oft die, die am lautesten schreien. Randfiguren stehen im Mittelpunkt. Ich bin ein Vertreter der politischen Mitte, das wird in unserer Medienwelt als Störung empfunden. Als „umstritten“. Da stimmt was nicht. Meine Aussagen sind überhaupt nicht radikal, sondern moderat, meist leise und richten sich an ganz normalen bürgerlichen Normen aus. Ich stelle die Extreme infrage. Das wird von Interessierten als polarisierende Störung etikettiert.
Erleben Sie die Kritik an Ihnen auch außerhalb des Internets und der Medien?
Im täglichen Leben überhaupt nicht. Ich werde unfassbar freundlich auf der Straße behandelt, die Leute lächeln mich an. Im realen Leben nehme ich das überhaupt nicht so wahr, das ist ein reines Medienphänomen. Wenn mich Leute ansprechen, dann immer mit dem Satz: „Machen Sie so weiter!“. Mir ist es noch nie passiert, dass mich auf der Straße jemand negativ ansprochen hat. Insofern scheint unsere Medienlandschaft kein Spiegel der Gesellschaft mehr zu sein. Da stelle ich sowieso eine rasant wachsende Entfremdung wahr.
Im Auge des Shitstorms
Wie fühlt es sich denn an, quasi im Auge eines Shitstorms zu sein? Wie erleben Sie das?
Unterschiedlich. Natürlich ist es nicht schön. Wenn alle über einen herfallen, verunsichert einen das und man kriegt so ein Geisterfahrergefühl - fahren wirklich alle in die falsche Richtung, nur ich nicht? Genau das ist der Sinn der Sache - die Überwältigung. Die Funktionsweise ist die gleiche wie bei der Lynchjustiz im Wilden Westen: Menschen rotten sich zusammen und verlieren jede Hemmung - das ist der Punkt, der am Shitstorm so wahnsinnig inhuman ist. Da wird unverhohlen beleidigt, eingeschüchtert und gedroht. In der Masse kann sich der Mensch in ein widerliches Wesen verwandeln. Der Shitstorm ist dazu geeignet, Menschen in den Selbstmord zu treiben - so etwas passiert.
Muss man als öffentliche Person, die sich pointiert äußert, nicht damit rechnen, dass so etwas passiert?
Sicher. Und man muss lernen, das Ganze nicht so ernst nehmen. Selbst ein gewaltiger Shitstorm repräsentiert meist nur eine winzige Minderheit. Das kommt im realen Leben oft gar nicht an. Es gibt aber etwas, das den Shitstorm in den letzten Jahren verändert hat - das sind die Tageszeitungen. Immer mehr von ihnen sind dazu übergegangen, morgens den Twittertrend zu checken und das dann in die Zeitung zu bringen. Dadurch haben viele Tageszeitungen ihre Funktion der Informationsverbreitung verloren und sind zum verlängerten Arm des Wutbürgertums in die analoge Welt geworden. Ich habe nie verstanden, warum die Tageszeitungen so etwas machen, weil es sie ja überflüssig macht.
Wieso das denn?
Weil sie die letzte Form der Informationsverbreitung für Menschen sind, die in der digitalen Welt nicht richtig klarkommen, also für eine aussterbende Art von Menschen. Insofern ist es eine Form von Selbstzerstörung.
Ist es nicht ein bisschen pauschal formuliert, wenn Sie sagen „die Tageszeitungen“?
Natürlich gibt es qualitative Unterschiede. Aber wenn man sich über ein Phänomen als Ganzes unterhält, muss man pauschal werden. Ich halte es in der Tat für ein allgemeines Phänomen, dass sich Zeitungen durch die Ausrichtung am Internet und vor allem den sozialen Medien überflüssig machen. Ich glaube, die Menschen wollen von ihrer Tageszeitung eine Einordnung dessen, was wichtig ist, nicht die Fortsetzung der öffentlichen Erregung vom Vortag. Aber das ist natürlich ein Vorwurf, der ins Leere läuft, weil er die ökonomischen Notwendigkeiten außer Acht lässt.
So viel Hass
Haben Sie Techniken entwickelt, mit einem Shitstorm umzugehen?
Am Anfang denkt man, sie würden massiv schaden, weil sie das Opfer zur unmöglichen Figur machen. Das Ziel ist ja, eine Person zur Unperson zu machen und sie aus dem Diskurs zu entfernen, indem man sie etikettiert. Anfangs empfindet man es deshalb als Bedrohung. Aber irgendwann habe ich gelernt, dass das anders funktioniert und jeder Shitstorm auch dazu führt, dass sich viele Leute solidarisieren. Deren Anzahl ist sogar erheblich höher als die der Schreihälse. Ich muss mir also deswegen gar nicht so große Sorgen machen. Die Welt ist eben lärmiger geworden. Aber das so hinzunehmen ist immer wieder eine neue Herausforderung und es macht mich fassungslos, dass das, was ich sage, so viel Hass erzeugt. Es scheint Wahrheit darin zu stecken.
Wo verorten Sie eigentlich die Menschen, die Sie diffamieren, verachten und schlimmstenfalls sogar vernichten wollen?
In jeglicher Form von Radikalismus. Rechtsradikale, weil ich es ja fast nie auslasse, die AfD als Ziel meines Spotts in die Sendung einzubringen. Was ich über die AfD und die Rechten sage, ist eigentlich am schamlosesten vernichtend. Wobei da erstaunlich wenig Radikalität entsteht, weil die glauben, ich würde im öffentlich-rechtlichen Rundfunk dazu gezwungen. Dazu muss ich betonen: Das muss ich nicht, mich zwingt niemand, sondern ich mache das aus tiefster Überzeugung. Aber ich mache ja auch Witze über Öko-Radikale. Für die bin ich dann sofort der Büttel der Industrie. Ich war auch schon Klimaleugner und Corona-Leugner, obwohl es keinen Satz von mir gab, der dazu Anlass gegeben hätte. Ich bin auch kein Impfskeptiker, sondern bin geimpft und fühle mich sehr wohl. Für die Linksradikalen bin ich Agent des Kapitals und der Wohnungswirtschaft, weil ich Witze über den Mietendeckel gemacht habe. Je radikaler die Menschen sind, desto mehr lehnen sie das ab, was ich mache.
Verspüren Sie manchmal auch eine Lust daran, die Milieus zu provozieren, die Ihnen nicht wohlgesonnen sind? Wenn Sie einen Witz über Greta Thunberg machen, ist das ja wie die Zeitschaltuhr für einen Shitstorm.
Als ich das damals gemacht habe, hatte niemand in der Sendung auch nur ansatzweise das Gefühl, ich hätte etwas Brisantes gesagt. Ich habe ein Scherzchen gemacht - das allerdings den Widerspruch der Bewegung derartig auf den Punkt gebracht hat, dass ich heute glaube, es war eine meiner besten Pointen überhaupt. Dieser Satz „Ich bin gespannt, was Greta im Winter macht - Heizen kann es ja nicht sein“ brachte den Widerspruch so wunderbar auf den Punkt, dass es zu diesem Ausbruch von Beleidigtsein geführt hat.
Es gab den Vorwurf, Sie würden sich über Kinder lustig machen.
Das ist völlig grotesk. Das angebliche „Kind“ war Anführerin einer weltweiten Bewegung und sprach vor der UNO - Greta war zu diesem Zeitpunkt die wahrscheinlich mächtigste Frau der Welt. Wenn sie etwas gesagt hat, war das weltweit zu hören und wurde weltweit diskutiert. Da kann man doch nicht sagen „Aber sie ist doch noch ein Kind“. Wenn ich ein Kind bin, gehe ich freitags in die Schule. Wenn ich in der UNO-Vollversammlung die Regierungen der Welt frage, wie sie es wagen können, meinen Forderungen nicht zu entsprechen, dann bin ich politisch tätig, und muss auch damit leben, dass jemand ein harmloses kleines Witzchen über mich macht. Was ich natürlich ablehne, sind diese Auswüchse im Internet, wo Greta Thunberg polemisch beleidigt und sexuell oder politisch herabgesetzt wird. Da wurden teilweise in Memes Vernichtungsfantasien ausgelebt. Wenn mir jemand so etwas schickt, schreibe ich gerne zurück, dass man mich mit so einem Scheißdreck in Ruhe lassen sollen.
„Beim Islam war es schlimm“
Bei welchem Thema haben Sie den Shitstorm als besonders schlimm empfunden? Klimawandel, Rassismus, Gendersprache, Islam?
Beim Islam war es schlimm, weil es das erste Mal war. Dass ausgerechnet mir Ausländerfeindlichkeit vorgeworfen wurde, war so absurd, weil ich nichts schöner finde, als in fremde Kulturen zu reisen und völlig weltoffen bin. Aber wenn man den Leuten ihre einfachen Denkstrukturen durcheinanderbringt, entsteht der größte Hass. Und die schlimmsten Auseinandersetzungen gibt es, wenn Dilemmata entstehen. Ich war immer Ausländerfreund, Frauenfreund und Schwulenfreund. Aber was macht man, wenn der Ausländer ein Schwulenhasser ist? Dann entsteht Witz, weil ein Dilemma entsteht, wenn Ideale nicht miteinander vereinbar sind.
Wie sehr hat Ihnen das Reisen in der Corona-Zeit gefehlt?
Total, das war für mich mit das Schlimmste. Ich habe mich daran gewohnt, sehr oft im Jahr Distanz zur eigenen Lebenswelt zu schaffen, indem ich in fremde Kulturen reise. Das ging wegen Corona nicht mehr. Wir haben dann das gemacht, was möglich war, sind nach Süditalien gereist - wobei ich gemerkt habe: Ich bin so sehr Europäer geworden, dass ich mich da wie zu Hause fühle.
Viele Sehnsuchtsorte
Gibt es einen Ort auf der Welt, den Sie als Ihren Sehnsuchtsort bezeichnen würden?
Je fremder desto besser. Jeder arabische Platz, an dem es einen Teeausschank gibt, ist so ein Ort, an dem ich mich ungeheuer wohl fühle, obwohl der Umgang mit Frauen und Schwulen in islamisch geprägten Staaten nicht gerade das Maß der Toleranz widerspiegelt, das ich gerne habe. Aber man kann ja nicht reisen und dann beleidigt sein, wenn nicht alles so ist wie zu Hause. Ich fühle mich auch in China sehr wohl, da stelle ich relativ oft meine Fotoarbeiten aus. Ich habe da sehr liebe Menschen kennengelernt. Ich fühle mich auch in Indien sehr wohl. Eines der schönsten Reiseländer ist für mich Georgien. Nepal ist absolut ein Highlight. Bolivien, Chile, Botswana. Es gibt tausend Sehnsuchtsorte.
Was ist das Beeindruckendste, das Sie auf Ihren Reisen gesehen haben?
Ladakh, der nordwestliche Teil Indiens zwischen Himalaja und Karakorum. Dieser weltabgewandte Ort sieht mit seinen ganzen Klöstern so aus wie man sich Tibet vorstellt, aber nicht mehr ist. Bhutan fand ich auch unglaublich.