Verkehr

Wenn der Auto-Notruf ohne Grund Alarm schlägt

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 24.08.2021 19:19 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Einen eCall kann man in Autos auch selbst per Hand auslösen – zum Beispiel bei einem medizinischen Notfall. Archivfoto: Ortgies
Einen eCall kann man in Autos auch selbst per Hand auslösen – zum Beispiel bei einem medizinischen Notfall. Archivfoto: Ortgies
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Immer mehr Fahrzeuge sind mit automatischen Notrufsystemen ausgestattet. Die Technik rettet Leben, sorgt in Ostfriesland aber regelmäßig für Fehlalarme. Daran sind teils auch die Autofahrer schuld.

Ostfriesland/Wolfsburg - Kürzlich mussten der Rettungsdienst und mehrere Ortsfeuerwehren ausrücken, nachdem sie einen Notruf von der Landesstraße 3 empfangen hatten. Zwischen Canum und Freepsum sollte ein Auto verunglückt und die beiden Insassen eingeklemmt sein, hieß es von der Leitstelle. Auch ansprechbar waren sie nicht. Den Einsatz hätten sich die Retter aber sparen können: Das automatische Notrufsystem des vermeintlichen Unfallwagens hatte unbegründet Alarm geschlagen – und das war kein Einzelfall.

So berichten auf Nachfrage sowohl die Emder Rettungsleitstelle als auch die Kooperative Regionalleitstelle in Wittmund, die für das restliche Ostfriesland zuständig ist, von regelmäßigen Fehlmeldungen durch automatische Auto-Notrufe, die offiziell „Emergency Calls“ (eCalls) heißen. Chef der Wittmunder Leitstelle ist Tomke Albers. Er spricht von durchschnittlich etwa fünf Meldungen pro Woche, von denen fast 100 Prozent Fehlalarme seien. Sven Kurzweil, Systemadministrator der Emder Leitstelle, schätzt die Anzahl auf etwa zwei pro Monat. Bislang sei darüber noch kein einziger Ernstfall gemeldet worden, so Kurzweil.

Notrufe gehen bei regionaler Leitstelle oder beim Autohersteller ein

Keine Frage: Die eCalls sind eine wichtige Neuerung, die Menschenleben retten kann. Immerhin hilft das System gerade dann, wenn die Insassen eines Fahrzeugs bewusstlos oder zu schwer verletzt sind, um selbst die 112 zu wählen. Auch in Fällen, in denen Autos an abgelegenen Stellen von der Straße abkommen und von der Bildfläche der anderen Verkehrsteilnehmer verschwinden, machen sie Sinn. Darum muss das System auch bei allen Fahrzeugen eingebaut sein, die nach dem 31. März 2018 neu in der EU zugelassen wurden.

Unnötige Einsätze sind trotzdem eine Mehrbelastung für die Rettungskräfte. Wie aber kann es überhaupt dazu kommen? Da es sich bei dem einleitend erwähnten Beispiel um einen Volkswagen T-Cross handelte, haben wir bei der Pressestelle seines Wolfsburger Entwicklers nachgefragt. Von dort schreibt uns Andreas Brozat, Leiter des Bereichs Produktsicherheit, dass ein eCall von einem Volkswagen je nach technischer Ausstattung entweder direkt an die nächste Rettungsleitstelle oder an die Volkswagen-Notrufzentrale geht.

Es werden viele Daten übermittelt

„Letztere hat übrigens unter anderem die Vorteile, dass der Fahrer auch im Ausland immer in der im Fahrzeug eingestellten Sprache angesprochen wird und dass zusätzliche Informationen wie beispielsweise Typ und Farbe des Fahrzeugs übermittelt werden können“, so Brozat. „Ausgelöst wird der automatisierte Notruf ab einer Unfallschwere, die zur Auslösung von Airbags oder der Gurtstraffer führt. Zusätzlich ist die manuelle Auslösung jederzeit möglich, zum Beispiel bei einem medizinischen Notfall des Fahrers.“

Zum Inhalt eines eCalls teilt der Konzernsprecher mit, dass die Unfallzeit, die Fahrzeugidentifizierungsnummer, die Auslöseart (manuell oder automatisch), die Fahrzeugklasse, die Antriebsart, die Position und Fahrtrichtung und die Anzahl der Insassen gesetzlich festgelegt sind. Soweit möglich, versuche man aber vor dem Ausrücken, über die Freisprecheinrichtung Kontakt zu den mutmaßlich verletzten Fahrzeuginsassen herzustellen.

Muss ich beim Fehlalarm zahlen?

Laut dem Wittmunder Leitstellenchef Albers ist jedoch das Problem, dass viele Insassen direkt nach einem Unfall aussteigen, um den Schaden zu regulieren. Auf die Freisprecheinrichtung würden sie dann nicht mehr reagieren. Der Leitstelle bleibe dann nichts anderes übrig, als die Feuerwehr und den Rettungsdienst rauszuschicken. So gehe man automatisch immer von mindestens einer bewusstlosen, eingeklemmten Person aus. Im Falle der manuellen Alarmierungen würden die Autofahrer hingegen meistens nur an den Knöpfen herumspielen und man könne die Sache schnell klären. So oder so müsse man aber keine Angst vor den Kosten haben, falls man unbeabsichtigt einen Notruf auslösen sollte. „Das ist Teil der Daseinsvorsorge“, so Albers.

Alarmierungen werden jedoch nicht nur während der Fahrt ausgelöst, sondern teilweise auch dann, wenn niemand im Wagen sitzt. Einmal sei das beispielsweise passiert, als ein Auto auf einem Güterzug durch die Gemeinde Ihlow fuhr und durchgeschüttelt wurde. Die Emder Leitstelle nennt als Fallbeispiele zudem Autoverladungen im Hafen und beim VW-Werk selbst. Da wisse man dann aber schon Bescheid. Auch schauten VW-Mitarbeiter immer mal wieder bei der Emder Rettungsleitstelle vorbei, um den eCall von Neuwagen zu testen, so Kurzweil.

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