Kommunalwahl

Wen wähle ich bloß? Diese Faktoren beeinflussen uns

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 22.08.2021 18:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Qual der Wahl: Unterschiedliche Faktoren beeinflussen, wo wir unser Kreuz machen. Foto: Adobe Stock / Composing: Fischer
Die Qual der Wahl: Unterschiedliche Faktoren beeinflussen, wo wir unser Kreuz machen. Foto: Adobe Stock / Composing: Fischer
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Die Kommunalwahlen im Landkreis Leer und die Bundestagswahl stehen an. Wir haben eine Politikwissenschaftlerin gefragt, was uns beim Kreuzchen-Machen beeinflusst: Nicht alles hat mit Politik zu tun.

Was und warum

Darum geht es: Im Landkreis Leer stehen die Kommunalwahlen an und auch die Bundestagswahl. Unterschiedliche Faktoren beeinflussen, wo wir das Kreuz setzen, sagt eine Politikwissenschaftlerin. Unsere Entscheidung hat dabei nicht nur mit Politik zu tun, ergibt die Forschung.

Vor allem interessant für: Politikinteressierte.

Deshalb berichten wir: Wir wollten der Frage nachgehen, ob andere Dinge eine Rolle spielen, wenn man für Kandidierende im eigenen Rathaus oder in Berlin stimmt.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Landkreis Leer - Die Wahlplakate, die die Straßen säumen, verraten es: Bald ist es an der Zeit, ein Kreuzchen zu machen. Nicht wenige Menschen stellen sich wohl derzeit die Frage, wem sie ihre Stimme geben sollen. Wir haben die Politikwissenschaftlerin Dr. Christina-Marie Juen von der Universität Oldenburg gefragt, was Wählerinnen und Wähler beeinflusst. Sie ist seit fünf Jahren am Institut für Sozialwissenschaften tätig und Mitglied der Arbeitsgruppe „Politisches System Deutschlands“.

Wie wichtig ist die Partei?

Dr. Christina-Marie Juen
Dr. Christina-Marie Juen
„Grundsätzlich ist die Parteibindung super relevant“, sagt Juen. Die Wählerinnen und Wähler wüssten genau, auf was sie sich einlassen, wenn sie eine bestimmte Partei wählen und seien der Meinung, kein Risiko einzugehen, wenn sie dabei blieben. „Die wenigsten lesen sich allerdings in Parteiprogramme ein“, sagt die Politikwissenschaftlerin. Vielmehr verbänden die Wählerinnen und Wähler mit Parteien gewisse Themen. „Die CDU zum Beispiel steht im ländlichen Raum für die Interessen der Landwirtschaft“, so Juen. Große Ereignisse vor einer Wahl beeinflussten allerdings sehr wohl das Bild, das Menschen von Parteien haben: „Bei der Flutkatastrophe wurde sehr genau beobachtet, wie reagiert worden ist. Das schlägt sich in den Umfragewerten nieder.“ Die Grünen stünden seit rund zwei Jahren hoch im Kurs, weil die Klimafragen immer drängender würden.

Wie sieht es auf kommunaler Ebene aus?

Dabei sei es ein großer Unterschied, ob es sich um eine kommunale Wahl zum Beispiel des neuen Bürgermeisters oder der Bürgermeisterin handele oder es um die Bundestagswahl gehe: „Auf kommunaler Ebene ist weniger die Parteibindung wichtig, da steht eher der Kandidat im Fokus“, so Juen. Wen man privat kenne, den wähle man auch, wenn das Parteibuch eigentlich nicht das Richtige für einen sei. Dabei gebe es einen großen Trend: „Die Forschung zeigt, dass in Niedersachsen parteilose Kandidaten und unabhängige Wählergruppen sehr relevant geworden sind.“ In der Rhetorik legten diese großen Wert darauf, nichts mit den Parteien zu tun zu haben. „Es geht vielen darum, sich abzugrenzen“, so Juen. Bei vielen Wählern und Wählerinnen komme das gut an. „Wenn die Politik auf Bundesebene nicht gefällt, wird das auf kommunaler Ebene abgestraft.“ Insbesondere dann, wenn ein wichtiges Thema in der eigenen Stadt oder Gemeinde hochkoche, bildeten sich diese Gruppierungen. „Es geht ihnen häufig um Mitspracherecht.“

Bei aller Suche nach Unabhängigkeit: Der Faktor, dass man wählt, was auch schon die Eltern oder Großeltern favorisiert haben, habe zwar noch immer ein gewisses Gewicht, so Juen. „Aber es ist leichter geworden, sich zu informieren, und das tun viele – gerade jüngere Menschen.“ Unter anderem über Interseiten der Kandidatinnen und Kandidaten, der Parteien sowie über die sozialen Medien. „Nicht zuletzt über die Wahl-App Voto. Diese ist vergleichbar mit dem Wahl-O-Mat, ist aber für die Kommunalwahl ausgelegt.“ Informationen über Inhalte sucht man derweil auf Wahlplakaten, auch im Landkreis Leer, oft vergebens. Kaum Slogans, Versprechen oder Forderungen sind zu lesen: „Es geht eher darum, das Gesicht bekannt zu machen. Die Person, weniger die Inhalte, für die sie stehen“, sagt die Politikwissenschaftlerin.

Wird die Person wichtiger als der Inhalt?

„Grundsätzlich beobachten wir, egal ob auf Bundes- oder auf kommunaler Ebene eine starke Personalisierung des Wahlkampfes“, sagt Luen. Die Forschung zeige, dass es immer mehr Wählerinnen und Wähler gebe, die sich sogar komplett unabhängig von politischen Inhalten entscheiden, ihre Stimme für eine Kandidatin oder einen Kandidaten abzugeben. „Dann wird nach Sympathie entschieden.“ In den vergangenen Jahren habe sich gezeigt, dass gerade gutes Aussehen zu einem immer wichtigeren Faktor geworden sei.

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