Schwerin

Die Berliner Mauer - Sinnbild der Undemokratie

Michael Seidel
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Von Michael Seidel
| 12.08.2021 17:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Der Mauerbau vor 60 Jahren manifestierte die Teilung Nachkriegsdeutschlands. Zwar ist die Mauer gefallen, doch eine gewisse Trennlinie existiert in Köpfen und Herzen fort.

Vor 60 Jahren wurde „die Mauer“ gebaut. Vor 32 Jahren warfen die DDR-Bürger sie in einer friedlichen Revolution um. Beides wirkt bis heute in beide deutsche Teilgesellschaften nach. Trotz allen Bemühens und vieler Fortschritte besteht diese Trennlinie in vielen Köpfen und Herzen wie auch im politischen Alltag fort - mehr als vor 32 Jahren befürchtet. Länger, als die Mauer je stand. 

Das eigene Volk und die Welt belogen

Was war der Mauer vorausgegangen? Die vier Siegermächte des 2. Weltkriegs bestimmten in ihren Besatzungszonen, wie ein „unschädliches“ Deutschland fortleben sollte. Drei Besatzungsmächte schenkten ihren Mündeln die „westliche Demokratie“, sie mussten sie sich nicht erkämpfen. Der vierte Besatzer unterwarf „sein“ Volk dem nächsten Totalitarismus. Der sollte zwar demokratisch aussehen, wie Gründungskommissar Walter Ulbricht 1945 postulierte, aber die Genossen wollten alles im Griff behalten. Derselbe kleine Tyrann log 1961 das eigene Volk und die Welt erneut frech an: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“ Um wenige Tage später genau das tun zu lassen. 

Abwanderung von Fachkräften 

Der tiefere Grund war die anhaltende Abwanderung ostdeutscher Fachkräfte - vom Facharbeiter über den Ingenieur bis zum Arzt - in die westlichen Besatzungszonen, wo das Wirtschaftswunder blühte. Eine innerdeutsche Wohlstands-Migration sozusagen. Dem hatte der reale Sozialismus trotz Abkehr vom Stalinismus und der steilen Parole vom "Überholen ohne Einzuholen“ nichts entgegenzusetzen. Nichts als die Idee, das eigene Volk einzusperren. 

Am Streckmetallzaun aufgewachsen 

Der Autor dieser Zeilen wuchs direkt an diesem Streckmetallzaun am Fuße des Harzes auf, mit Minengürtel und Selbstschussanlagen. Das Leben „im Sperrgebiet“, mit Schlagbaum vor der nächsten Stadt, Passierschein, militarisiertem Alltag und buchstäblich begrenztem Bewegungsspielraum war vertraut. Nicht logisch, nicht angenehm, höchst widersprüchlich, aber die von Geburt an erlebte Normalität. In der sich die Mehrheit der Bevölkerung, wenn auch widerwillig, einrichtete und versuchte, trotz allem ein anständiges Leben zu führen. Immer den moderneren, attraktiveren, freieren Stadtbezirk oder die Nachbargemeinde hinter Zaun oder Mauer vor Augen. Resigniert aufmüpfig sang die Ost-Berliner Band „City“ 1987: „Im halben Land und der zerschnittenen Stadt, halbwegs zufrieden mit dem, was man hat: Halb und Halb.“ 

Migration vermeiden

Was uns die Mauer lehrt: Die Menschen in Deutschland wie überall auf der Welt bewegen sich erst gedanklich, dann aber auch physisch dorthin, wo sie sich ein besseres und freieres Leben versprechen. Die Konsequenz muss sein, das Leben aller Menschen dort, wo sie zuhause sind, so gut zu gestalten, dass sie ohne existenzielle Sorgen leben und sich bestmöglich entfalten können. Das passiert nicht von selbst. Das bedarf guter Regierungsführung, eines verlässlichen rechtlichen Fundaments und souveräner Bürger. Diesen Rahmen muss man sich notfalls erkämpfen. Wie es unerschrockene DDR-Bürgerrechtler im Herbst 1989 wagten und damit Massen Unzufriedener mobilisierten und ihre Ängste vergessen ließen. Manche ostdeutsche Unzufriedenheit mit der Deutschen Einheit rührt allerdings wohl auch aus dem Irrtum, dass mit ein paar Demonstrationen das demokratische Werk schon getan sei. Eine unzulängliche Gesellschaft zu verändern, bedarf beharrlicheren politischen Engagements. 

Mauern aus Beton oder Paragrafen

Und obgleich das Gesellschaftssystem der „westlichen Welt“, also der liberalen Demokratien, eine Dekadenz- und Legitimationskrise durchlebt - niemand behauptet, dass es das Ende der Geschichte sei. Autokratien, Diktaturen oder Staatskommunismus jedenfalls sind ebensowenig erstrebenswerte Alternativen wie spätfeudale Clangesellschaften oder Scheichtümer. Wer Mauern für seine Bürger errichtet, ob aus Beton oder Paragrafen, ist zum Scheitern verurteilt, früher oder später.  

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