Umwelt
Mehr Wale vor ostfriesischer Küste – Faszination zeitlos
Ostfrieslands Geschichte ist eng verknüpft mit Walen. Wurden die Tiere früher gejagt, sind sie heute eine Touristen-Attraktion. Schweinswale scheinen sich bei Borkum immer wohler zu fühlen.
Ostfriesland - Es überrascht selbst Einheimische: Vor der ostfriesischen Küste ist ein Wal zu Hause und Sichtungen möglich. Der Schweinswal wird etwa 1,80 Meter lang und scheint sich insbesondere rund um die Ostfriesischen Inseln wohlzufühlen. Speziell bei Borkum sei die Population der gefährdeten und deshalb stark geschützten Tiere gewachsen, während in der Nordsee generell die Tendenz eher negativ ist, heißt es in einer aktuellen Studie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover.
Ihno Oetjen hat bislang noch keine Schweinswale gesichtet, sagt er auf Nachfrage. Er leitet das Nordsee-Aquarium auf Borkum, in dem allerdings aufgrund des Schutzstatus‘ keins der Tiere bewundert werden kann. Stattdessen gibt es Katzenhaie, Plattfische und Meeräschen, die in der Nordsee ebenfalls vorkommen. „Ich höre immer, dass man die Wale neben den Fähren sieht“, sagt er. Auch seine Eltern hätten von Sichtungen berichtet. Einen Wal gibt es aber auf der Insel – und der wird täglich bestaunt. Im Heimatmuseum Dyksterhus ist nämlich das Skelett eines 1998 an der Schleswig-Holsteinischen Küste gestrandeten Pottwals ausgestellt. „Das ist die Attraktion“, sagt Elke Beckmann vom Museum. Kinder würden zu Beginn denken, es handle sich um die Knochen eines Sauriers, erklärt sie lachend.
Borkum hat Wale im Insel-Wappen
Sie selbst habe auch schon Tümmler und Schweinswale vom Borkumer Strand aus gesehen, aber „sehr selten“. Die Insel sei seit Jahrhunderten eng mit den Tieren verknüpft – einst durch den Walfang und heute noch durch die sich in der Nordsee tummelnden Tiere. „Der Wal ist für uns immer wichtig“, betont sie. Daher sei das Tier auch im Wappen der Insel vermerkt. Einen Ratschlag, von wo aus man die Tiere am besten beobachten oder erspähen könne, kann sie nicht geben. Es gehöre schon eine gute Portion Glück dazu, die Tiere in der freien Wildbahn zu entdecken. „Whale-Watching-Touren“ wie sie von Wilhelmshaven aus starten, könne sie sich bei Borkum noch nicht vorstellen. „Es sind noch zu wenige Tiere“, meint sie.
Bei den Schweinswal-Tagen, die in Wilhelmshaven stattfinden, habe es in diesem Jahr „im Bereich des Jadebusens und des Jadefahrwassers eigentlich fast täglich Sichtungen von Schweinswalen“ gegeben. Das sagt Dr. Monika Wahsner, Leiterin der Bildungsarbeit beim Wattenmeer Besucherzentrum. Weil man nicht sagen könne, ob es sich jeweils um dieselben Tiere handle, die dort auf Nahrungssuche seien, sei es aber sehr schwer, die genaue Anzahl abzuschätzen. „Vielleicht sind es insgesamt fünf bis zehn Tiere“, schätzt sie. In diesem Jahr seien die Schweinswale deutlich später in der Gegend als in den Jahren zuvor. Die Tiere folgen dem Futter, also den Fischen, und sind ein guter Indikator dafür, wohin sich Fische bewegen und wie sich das Ökosystem verändert. Vermutlich sei das kühle Wetter der Grund für die Verspätung, schätzt sie. Zur Zeit sei der Fischbestand im Bereich des Jadebusens gut, „denn auch wir haben bei unseren Schaufängen viele kleine Fische wie Dorsch, Stint und Wittling im Netz“.
Gefahren für Wale – mehr Strandungen
Ausstellungen zu Walen
In Ostfriesland gibt es zahlreiche Museen, die Ausstellungen zu Walen haben. Dazu gehört das Inselmuseum auf Borkum, das „Waloseum“ in Norddeich, das Nationalpark-Haus Wittbülten auf Spiekeroog und das Nationalpark-Haus Rosenhaus auf Wangerooge.
Außerdem gibt es das Unesco-Weltnaturerbe-Wattenmeer Besucherzentrum in Wilhelmshaven.
Doch die Gefahren für die Wale sind groß – und werden auch noch größer. „Eine große Gefahr für die kleinen Wale sind natürlich Stellnetze, in denen sie sich verfangen können. Aber auch Lärm, Verschmutzung und Schiffsverkehr sind große Gefährdungsfaktoren für die Wale“, erklärt Monika Wahsner. „Im Jahr 2016 wurden mehr tote Schweinswale gefunden als jemals zuvor, und zwar sowohl in der Nordsee (206 Tiere, 77 in Niedersachsen und 129 in Schleswig-Holstein) als auch in der Ostsee (221 Tiere, 188 in Schleswig-Holstein und 33 in Mecklenburg-Vorpommern)“, heißt es im Forschungsbericht der „Whale and Dolphin Conservation“-GmbH (WDC) mit Sitz in München. In den Folgejahren hätten die Zahlen nicht wesentlich darunter gelegen. Außer den Stellnetzen, in denen sich die Säugetiere verfangen und ertrinken, nennt die WDC auch den Unterwasserlärm als Hauptgrund. Denn: „Kommunikation und Orientierung wird mit zunehmendem Lärm im Meer immer schwieriger für die Meeressäuger.“ Der Lärm durch den Schiffsverkehr und den Bau von Offshore-Windkraftanlagen stresse die Tiere chronisch. Das könnte auch ein Grund für die Strandung der Tiere sein.
Denn: Jährlich gebe es etwa drei bis zehn Strandungen in dem Bereich, für den die Seehundstation Norddeich zuständig ist, schildert deren Leiter, Dr. Peter Lienau, gegenüber dem Ostfriesland-Magazin. Während die Strandungen von größeren Tieren wie dem Buckel-, Zwerg- oder Schwertwal (Orca) sehr selten sind, kommt eine Pottwal-Strandung nach den Schweinswalen am häufigsten vor. Auch Kleinstwale wie Weißseiten- und Weißschnauzendelfine landeten mal am Strand.