Katastrophenschutz

Was elektronische Sirenen wie in Emden können

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 07.08.2021 13:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das ist noch eine alte Sirene. Über manche modernen Anlagen können auch Lautsprecherdurchsagen gemacht werden. Foto: Gerten/dpa
Das ist noch eine alte Sirene. Über manche modernen Anlagen können auch Lautsprecherdurchsagen gemacht werden. Foto: Gerten/dpa
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Der Krummhörner Kommunalpolitiker Helmut Roß engagiert sich seit Jahren für Sirenen. In der Krummhörn wurde über modernere Technik diskutiert – in der Stadt Emden investiert.

Ostfriesland - „Die Gemeinde Krummhörn darf auf keinen Fall dem Abbau der Sirenen zustimmen, bis ein anderes Alarmierungssystem eingerichtet ist.“ Das forderte Ratsmitglied Helmut Roß – aber nicht nach der jüngsten Hochwasser-Katastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, sondern am 3. Oktober 1995. Damals hatte der Bund sein Sirenensystem aufgegeben. Die Städte und Gemeinden konnten die Warnanlagen übernehmen, mussten sie dann aber selber unterhalten. Roß beantragte, dass 21 Luftschutzsirenen nicht abgebaut werden. Aber vergeblich, wie er berichtet.

„Ich stamme aus Campen“, sagt Roß. Der Deich und das Watt des Dorfs in der Krummhörn „waren unsere Spielplätze“. Später sei er 20 Jahre lang „Gendarm“ an der Küste gewesen. „Ich war mit meinem Streifenwagen fast bei jeder Sturmflut am Deich, um zu sehen, wie hoch das Wasser steigt. Auch zur Nachtzeit.“

Schaufensterbummel in Aurich bei Hochwasser in der Krummhörn

Einem wie Helmut Roß war schon immer klar, dass Sirenen überlebenswichtig sein können: „Wenn jetzt festgestellt wird, dass eine ausreichende Anzahl von Feuerwehrleuten über Pieper alarmiert werden kann, darf man doch nicht seitens der Behörde das Alarmierungssystem für die Bevölkerung entfernen.“ Auch das schrieb Roß 1995.

Helmut Roß, Kommunalpolitiker aus der Krummhörn, engagiert sich seit den 1990er-Jahren für Sirenen. Foto: Ellinger
Helmut Roß, Kommunalpolitiker aus der Krummhörn, engagiert sich seit den 1990er-Jahren für Sirenen. Foto: Ellinger
Wie wichtig der Bevölkerungsschutz seitens der Gemeinde ist, versuchte er mit folgendem Argument klarzumachen: „Wenn in der Krummhörn das Nordseewasser circa fünf Meter hoch steht, können die Mitverantwortlichen für den Katastrophenschutz in Aurich noch einen Schaufensterbummel vornehmen.“

Nach der November-Sturmflut 2006 waren Sirenen wieder ein Thema

Anfang des Jahres 2005 fragte Roß beim damaligen Auricher Landrat Walter Theuerkauf an, „ob die Krummhörner Küstenbevölkerung bei Katastrophen ausreichend gesichert ist beziehungsweise rechtzeitig alarmiert werden kann“. Als die Gemeinde die Sirenen abgebaut habe, sei „auf die sachliche und finanzielle Zuständigkeit des Landkreises Aurich“ verwiesen worden – und „kein gleichwertiges Informationssystem“ eingerichtet worden.

Nach der November-Sturmflut im Jahr 2006 waren Sirenen wieder ein Thema: „Die Stadt Emden rüstet bei den Sirenen auf“, heißt es in einem Bericht vom 28. November 2006, den Roß in seinem Katastrophenschutz-Ordner abgeheftet hat. Und einen Tag später: „Auch Hinte denkt über Sirenen nach.“

Katastrophenschutz macht der Kreis, Sirenen hat eher die Gemeinde

Und heute? „Das Sirenensystem wurde in sehr unterschiedlichem Umfang erhalten und ist nicht mehr flächendeckend vorhanden“, schreibt das niedersächsische Innenministerium. Das hat auch eine Umfrage unserer Zeitung unter den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der Stadt Emden ergeben. Die Leeraner Katastrophenschutzbehörde weiß von rund 150 Sirenen im Kreis – in den 1980er-Jahren seien es schätzungsweise 250 gewesen. „Es gibt Gemeinden, die noch Sirenen vorhalten“, schrieb die Auricher Kreisverwaltung. In der Antwort aus dem Landkreis Wittmund tauchten Sirenen gar nicht auf.

„Für die Warnung der Bevölkerung bei Unglücksfällen und Katastrophen sind entsprechend der föderalen grundgesetzlichen Regelungen die Katastrophenschutzbehörden der Länder zuständig, wobei die Sirenen wiederum als Warnmittel nahezu vollständig bei den Gemeinden betrieben werden“, erklärt das Innenministerium. Nur manche Städte und Gemeinden hätten sich entschlossen, in moderne Sirenen zu investieren.

Die Stadt Emden hat in ein modernes Sirenennetz investiert

„Die Stadt Emden verfügt über ein umfangreiches Sirenennetz“, teilt die dortige Verwaltung mit. „Darauf haben wir immer Wert gelegt und dieses Netz stetig verbessert und teilweise weiter ausgebaut.“ 20 Sirenen gebe es. Die Reichweite liege typabhängig zwischen 400 und 1100 Metern. In diesen Entfernungen sei die Sirene mit 70 Dezibel zu hören – so laut wie manche Rasenmäher.

„Solange die Leitstelle und die Sirenen stromversorgt sind, ist eine Alarmierung möglich“, informiert die Verwaltung – Mobil- oder Digitalfunk seien dafür nicht erforderlich. „Die Leitstelle ist notstromversorgt“ – ebenso die motorbetriebenen Sirenen auf Feuerwehrhäusern. „Alle elektronisch betriebenen Sirenen sind batteriegepuffert“, so die Stadtverwaltung. „Die Akkus halten je nach Alarmierungsmenge zehn bis 20 Tage.“ Sirenen könnten auch mit Solarzellen oder einem Kleinwindrad betrieben werden.

Was kostet eine moderne Sirene und wie teuer ist die Unterhaltung?

Elektronische Sirenen, wie sie die Stadt Emden beschafft, kosten laut Verwaltung 12.000 bis 15.000 Euro. Der Unterhaltungsaufwand sei „relativ gering“, die Stromkosten „nicht nennenswert“. Die Wartung erledige eigenes Personal. Lautsprecher-Durchsagen seien damit nicht möglich. Die Modelle könnten jedoch entsprechend umgerüstet werden.

Mit dieser Sirenenanlage auf einem Feuerwehr-Dach können auch Durchsagen gemacht werden. Foto: Woitas/dpa
Mit dieser Sirenenanlage auf einem Feuerwehr-Dach können auch Durchsagen gemacht werden. Foto: Woitas/dpa
„Grundsätzlich setzt das Land Niedersachsen auf einen Warnmittel-Mix, der unter anderem die Warnung durch Sirenen, Apps, Rundfunk, Fernsehen, Internet und Informationstafeln des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs umfasst“, schreibt das Innenministerium. Es rechnet damit, dass einige Katastrophenschutzbehörden neue Sirenensysteme errichten – dahin gehe der Trend. „Aus hiesiger Sicht sollten Alarm-Sirenen flächendeckend durch den Bund wiedereingeführt werden“, betont das Ministerium.

Was fordert Niedersachsens Innenminister?

Der Bund habe dem Land acht Millionen Euro zugesagt. „Das wird aber bei weitem nicht reichen und stellt nur einen Bruchteil dessen dar, was tatsächlich gebraucht wird.“ Innenminister Boris Pistorius (SPD) fordert mehr Geld: „Wir sprechen über den kompletten Neuaufbau einer Infrastruktur, da kann sich der Bund nicht mit einem solchen Betrag aus der Verantwortung stehlen und den Rest den Ländern und Kommunen überlassen.“ Um in Niedersachsen ein flächendeckendes Sirenennetz herzustellen, seien Planungen in den Gemeinden und Landkreisen erforderlich, erläutert das Innenministerium. Dafür werde der Förderzeitraum des Bundes bis zum Jahr 2023 nicht ausreichen.

Auch wenn die Gemeinde Krummhörn dann wieder Sirenen erhalten sollte, wird das Helmut Roß nicht mehr als Ratsmitglied erleben. Denn er will im Herbst in den kommunalpolitischen Ruhestand gehen.

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