Demokratie

Wählen wird als Privileg und als Pflicht empfunden

Christine Schneider-Berents
|
Von Christine Schneider-Berents
| 07.08.2021 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Familie von Makbule Demir (links) stammt aus der Türkei. Hülya Cheikho wurde in Syrien geboren. Foto: Schneider-Berents
Die Familie von Makbule Demir (links) stammt aus der Türkei. Hülya Cheikho wurde in Syrien geboren. Foto: Schneider-Berents
Artikel teilen:

Wählen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Das sagen vier Deutsche, die selbst oder deren Familien aus Kurdistan, aus dem Kongo, der Türkei und Syrien stammen. Für sie ist Demokratie Freiheit.

Was und warum

Darum geht es: Wie denken Menschen, die selbst oder deren Familien Krieg, Unterdrückung und Armut erfahren haben, über die Demokratie in Deutschland?

Vor allem interessant für: Diejenigen, denen die Wahrung der Menschenrechte, Meinungsfreiheit und das Recht, als Bürger politisch Einfluss zu nehmen, wichtig sind.

Deshalb berichten wir: Am 12. September ist Kommunalwahl, am 26. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Vier Deutsche mit ausländischen Wurzeln in Kurdistan, im Kongo, in der Türkei und Syrien erzählen, warum sie wählen werden.

Die Autorin erreichen Sie unter: schneider-b@zgo.de

Landkreis Leer - Makbule Demir hat etwas, das ihre Eltern nicht haben: einen deutschen Pass. „Das ist nicht verwunderlich, ich bin ja hier geboren“, sagt die 39-Jährige, deren Familie aus der Türkei stammt und seit den 1960er Jahren in Ostfriesland lebt. Dass sie zur Wahl gehe, sei für sie selbstverständlich. Sie habe noch keine verpasst, ganz gleich – ob das Europaparlament gewählt werden musste, der niedersächsische Landtag oder wie jetzt am 12. September der Stadtrat und der Kreistag und am 26. September der Bundestag. Sie gebe ihre Stimme ab, weil das ihr Recht sei. „Und es ist ein Privileg“, unterstreicht die Leeranerin. Wählen bedeute für sie, Verantwortung zu übernehmen. Dass es Menschen gebe, die diese Chance nicht nutzen, könne sie nicht verstehen.

In der Türkei werde über Demokratie gesprochen, sie werde aber nicht so gelebt wie in Deutschland. „Die politischen Verhältnisse dort sind ganz anders“, sagt Makbule Demir. „Wenn ich meine Stimme nicht abgebe, verzichte ich darauf, Einfluss auf die Zukunft meines Kindes und auf meine eigene zu nehmen.“ Das wolle sie nicht anderen überlassen.

Informieren und entscheiden

Sie sei nicht immer mit allem einverstanden, was die eine oder andere Partei vertrete und beschieße. „Deshalb informiere ich mich, wer welches Programm hat und wer welche Position verfolgt. Ich vergleiche das dann mit meinen Ansichten“, sagt die Mutter eines 14-jährigen Sohnes. Für den seien die bevorstehenden Wahlen kein Thema, sie hoffe aber, dass er sich, wenn es soweit sei, genau wie sie für Politik interessieren werde.

Am 12. September sind in Niedersachsen Kommunalwahlen. Foto: Archiv
Am 12. September sind in Niedersachsen Kommunalwahlen. Foto: Archiv
„Meine Eltern haben mich immer darin bestärkt, mein Rechte als Bürgerin in diesem Land wahrzunehmen. Sie selbst haben nie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Wohl auch, weil sie dachten, einmal in die Heimat zurückzukehren“, erzählt Makbule Demir. Ihr Vater sei 1966 als Gastarbeiter nach Leer gekommen und habe bei Olympia gearbeitet. Ihre Mutter habe ebenfalls bei Olympia gearbeitet und sich um die fünf Kinder gekümmert. Heute sei ihr Vater 88, ihre Mutter 71. In dem Alter wechsele man nicht mehr die Staatszugehörigkeit.

Leben in Freiheit

Hülya Cheikho aus Leer wurde in Syrien geboren. Sie war ein Baby, als ihre Eltern vor 32 Jahren aus Aleppo flüchteten und über die Türkei nach Deutschland gelangten. „Wir sind Yesiden, wir gehören einer ethnisch-religiösen Minderheit an. Die wird in Syrien nach wie vor verfolgt“, berichtet die Immobilienmaklerin. Als sie 14 Jahre alt war, habe ihr Vater für sich, seine Frau und für seine acht Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt. „Zum Glück. Anders als im Herkunftsland meiner Familie kann ich wählen, wer unser Land regiert“, sagt Hülya Cheikho.

Das sieht Alain Christel Massala genauso. Er ist in Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo, geboren und aufgewachsen. Von dort flüchtete er vor 21 Jahren aus politischen Gründen. „In meinem Heimatland gab es keine Perspektive für mich“, sagt der studierte Chemiker. Heute lebe er in Sicherheit und Frieden, habe einen Sohn, arbeite als Schweißer für eine Firma in Augustfehn und sei zufrieden.

Stellung beziehen

Alain Christel Massala aus Leer floh vor 21 Jahren aus dem Kongo. Seit 2013 hat er die deutsche Staatsangehörigkeit. Foto: Schneider-Berents
Alain Christel Massala aus Leer floh vor 21 Jahren aus dem Kongo. Seit 2013 hat er die deutsche Staatsangehörigkeit. Foto: Schneider-Berents
Seit 2013 ist der gebürtige Kongolese deutscher Staatsbürger. „Das zu sein, war mir wichtig. Mein Sohn ist hier geboren und Deutscher. Da wollte ich nicht jemand anderes sein. Außerdem lebe ich hier, also habe ich die Verpflichtung, mich zu integrieren“, begründet der Leeraner seine Entscheidung, einen deutschen Pass haben zu wollen. Außerdem sei die Demokratie hierzulande nicht nur eine, die auf dem Papier stehe. Jeder sei vor dem Gesetz gleich, alle hätten die selben Rechte. Jeder könne seine Meinung sagen. „In vielen anderen Ländern ist das nicht so.“

Dennoch macht sich der 56-Jährige Sorgen um die Zukunft Deutschlands. Es gebe politische Kräfte, die die Demokratie gefährdeten und die die freie Gesellschaftsordnung abschaffen wollten, befürchtet Massala. Auch das sei für ihn ein wichtiger Grund dafür, unbedingt zur Wahl zu gehen und mit seiner Stimmabgabe Stellung zu beziehen.

Metin Babac stammt aus Kurdistan. Seit vielen Jahren lebt er in Leer, wo er eine Pizzeria hat. Auch er hat er einen deutschen Pass. Foto: Schneider-Berents
Metin Babac stammt aus Kurdistan. Seit vielen Jahren lebt er in Leer, wo er eine Pizzeria hat. Auch er hat er einen deutschen Pass. Foto: Schneider-Berents
„Sonst würde man eine Chance vergeuden“, ergänzt Metin Babac. Er ist in Viransehir im Osten der Türkei geboren. „In Kurdistan, um es genau zu sagen. Ich bin Kurde“, betont er seine Herkunft. Von dort sei er 1993 nach Deutschland geflohen. Einige Jahre später habe es sich mit einer Pizzeria in Leer selbstständig gemacht. Vor rund zehn Jahren habe er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und einen deutschen Pass bekommen. Bei den Wahlen in Deutschland sei er sich sicher, dass diese nicht manipuliert werden würden. Wer die Mehrheit erlange, der habe sie auch tatsächlich, sagt Babac.

Ähnliche Artikel