Demokratie
Wählen wird als Privileg und als Pflicht empfunden
Wählen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Das sagen vier Deutsche, die selbst oder deren Familien aus Kurdistan, aus dem Kongo, der Türkei und Syrien stammen. Für sie ist Demokratie Freiheit.
Was und warum
Darum geht es: Wie denken Menschen, die selbst oder deren Familien Krieg, Unterdrückung und Armut erfahren haben, über die Demokratie in Deutschland?
Vor allem interessant für: Diejenigen, denen die Wahrung der Menschenrechte, Meinungsfreiheit und das Recht, als Bürger politisch Einfluss zu nehmen, wichtig sind.
Deshalb berichten wir: Am 12. September ist Kommunalwahl, am 26. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Vier Deutsche mit ausländischen Wurzeln in Kurdistan, im Kongo, in der Türkei und Syrien erzählen, warum sie wählen werden. Die Autorin erreichen Sie unter: schneider-b@zgo.de
In der Türkei werde über Demokratie gesprochen, sie werde aber nicht so gelebt wie in Deutschland. „Die politischen Verhältnisse dort sind ganz anders“, sagt Makbule Demir. „Wenn ich meine Stimme nicht abgebe, verzichte ich darauf, Einfluss auf die Zukunft meines Kindes und auf meine eigene zu nehmen.“ Das wolle sie nicht anderen überlassen.
Informieren und entscheiden
Sie sei nicht immer mit allem einverstanden, was die eine oder andere Partei vertrete und beschieße. „Deshalb informiere ich mich, wer welches Programm hat und wer welche Position verfolgt. Ich vergleiche das dann mit meinen Ansichten“, sagt die Mutter eines 14-jährigen Sohnes. Für den seien die bevorstehenden Wahlen kein Thema, sie hoffe aber, dass er sich, wenn es soweit sei, genau wie sie für Politik interessieren werde.
Leben in Freiheit
Hülya Cheikho aus Leer wurde in Syrien geboren. Sie war ein Baby, als ihre Eltern vor 32 Jahren aus Aleppo flüchteten und über die Türkei nach Deutschland gelangten. „Wir sind Yesiden, wir gehören einer ethnisch-religiösen Minderheit an. Die wird in Syrien nach wie vor verfolgt“, berichtet die Immobilienmaklerin. Als sie 14 Jahre alt war, habe ihr Vater für sich, seine Frau und für seine acht Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt. „Zum Glück. Anders als im Herkunftsland meiner Familie kann ich wählen, wer unser Land regiert“, sagt Hülya Cheikho.
Das sieht Alain Christel Massala genauso. Er ist in Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo, geboren und aufgewachsen. Von dort flüchtete er vor 21 Jahren aus politischen Gründen. „In meinem Heimatland gab es keine Perspektive für mich“, sagt der studierte Chemiker. Heute lebe er in Sicherheit und Frieden, habe einen Sohn, arbeite als Schweißer für eine Firma in Augustfehn und sei zufrieden.
Stellung beziehen
Dennoch macht sich der 56-Jährige Sorgen um die Zukunft Deutschlands. Es gebe politische Kräfte, die die Demokratie gefährdeten und die die freie Gesellschaftsordnung abschaffen wollten, befürchtet Massala. Auch das sei für ihn ein wichtiger Grund dafür, unbedingt zur Wahl zu gehen und mit seiner Stimmabgabe Stellung zu beziehen.