GA-Serie: „Das Dorfleben und das Virus“

Pastor darf noch nicht auf seine Kanzel

Friedhelm Müller-Düring
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Von Friedhelm Müller-Düring
| 05.08.2021 18:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Orgelmatineen in der evangelisch-reformierten Kirche Grotegaste fielen im vergangenen Jahr aus.
Die Orgelmatineen in der evangelisch-reformierten Kirche Grotegaste fielen im vergangenen Jahr aus.
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„Das Dorfleben und das Virus“ heißt eine Artikelserie, die der GA seinen Lesern zurzeit bietet. Menschen aus 30 Dörfern schildern, was Corona in ihrem Ort verändert hat. Dieses Mal: Grotegaste.

Grotegaste - Wie wichtig der Ausbau des Highspeed-Netzes und die Breitbandversorgung vor der Corona-Pandemie war, zeigt sich gerade für die 135 Einwohner in den vier kleinen Dörfern Grotegaste, Dorenborg, Hilkenborg und Coldemüntje in der Gemeinde Westoverledingen. „Arbeiten und Lernen war nur möglich wegen Glasfaser“, sagt Ortsvorsteher Thomas Spekker. Ohne den Glasfaserausbau wären Home-Office und Home-Schooling kaum möglich gewesen. „Die Schülerinnen und Schüler haben teilweise ein halbes Jahr lang von zu Hause aus gearbeitet“, sagt Thomas Spekker. Vom Netzausbau profitierten allerdings nur die Einwohner von Grotegaste und Dorenborg. In den beiden anderen Orten gab es hingegen Probleme. Für Hilkenborg und Coldemüntje ist der Ausbau bisher lediglich nur beantragt.

Die Einsatzbereitschaft der Ortsfeuerwehr Grotegaste ist auch während der Pandemie zu jeder Zeit gewährleistet.
Die Einsatzbereitschaft der Ortsfeuerwehr Grotegaste ist auch während der Pandemie zu jeder Zeit gewährleistet.
Der Ortsvorsteher konnte seine Aufgaben ebenfalls nicht ausführen. „Ich konnte bei Altengeburtstagen nicht persönlich gratulieren. Das sind ganz besondere und wichtige Termine. Das fand ich sehr schade“, sagt Thomas Spekker.

Feuerwehr littunter Corona

Die Ortsfeuerwehr Grotegaste hat wie viele andere Freiwillige Feuerwehren erheblich unter Corona gelitten. Dienstabende fanden beispielsweise nicht mehr statt und Schulungen mussten abgesagt werden. „Die Einsatzbereitschaft ist aber zu jeder Zeit gewährleistet, zumal wir unsere Fahrzeuge und Maschinen regelmäßig gewartet haben“, sagt Ortsbrandmeister Robert Hensmann. Was schwer wog, dass zum Teil auch die Tauglichkeitsnachweise für die Atemschutzgeräteträger zurückgefahren werden mussten. Lehrgänge an der Feuerwehrtechnischen Zentrale (FTZ) in Leer fanden nicht statt. Abgesagt wurden auch das Osterfeuer, zwei Umwelttage im Frühjahr und auch zweimal das Sommerfest. Die alljährliche Radtour hätte jetzt stattfinden sollen, wurde aber abgeblasen. Mittlerweile finden aber die Dienstabende wieder statt. „Keiner ist abgesprungen“, freut sich der Ortsbrandmeister. Die 87 Mitglieder der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Grotegaste freuen sich, dass zumindest am Ende des Gottesdienstes wieder ein Lied gesungen werden darf. Nach Ausbruch der Corona-Pandemie musste die Gemeinde bis zum heutigen Tag auf viele sehr lieb gewonnene Dinge verzichten. So wurden die sehr gut angenommenen Orgelmatineen und ein ganztägiges Triple-Konzert abgesagt.

Immer für ihr Dorf da (von links): Ortsbrandmeister Robert Hensmann, Vorsitzender Kirchenrat Wilfried Meijer, Jagdpächter Heilko Müntinga Busemann und Ortsvorsteher Thomas Spekker. Fotos: Müller-Düring
Immer für ihr Dorf da (von links): Ortsbrandmeister Robert Hensmann, Vorsitzender Kirchenrat Wilfried Meijer, Jagdpächter Heilko Müntinga Busemann und Ortsvorsteher Thomas Spekker. Fotos: Müller-Düring
„Die Orgelmatineen sollen, sobald es möglich ist, aber fortgeführt werden“, betont Wilfried Meijer, Vorsitzender vom Kirchenrat. Auch das jährliche Wandelkonzert des „Romantischen Abendliedersingen“, bei dem die Besucher von Kirche zu Kirche der drei Dorfgemeinden Grotegaste, Driever und Esklum ziehen, fand nicht statt. „Das war schade, denn es kommen immer viele Besucher“, sagt Wilfried Meijer. Für den ausgefallenen Weihnachtsgottesdienst hatte sich die Kirchengemeinde etwas Besonderes ausgedacht. So wurden Kerzen und kleine Liederbücher verteilt und an den Haustüren abgestellt. Um Punkt 18 Uhr läuteten die Kirchenglocken zum gemeinsamen Singen an den Haustüren. „Das war eine feine Sache, sonst würde uns allen auch etwas fehlen“, sagt Wilfried Meijer, der sich schon darüber freut, dass man beim Gottesdienst an seinem Sitzplatz die Masken abnehmen darf. Eines ist aber nach wie vor untersagt. Der Pastor darf wegen der Verbreitung von Aerosolen noch nicht die Kanzel betreten.

Kein Treffen vom Hegering

„Gemeinschaftsjagden auf Niederwald waren während der Pandemie untersagt. Einzeljagden waren erlaubt“, erklärt Heilko Müntinga Busemann, Jagdpächter in Grotegaste. Dabei ist gerade die Jagd in Grotegaste auf gemeinschaftliches Jagen ausgelegt. „Jeder, der hier aufwächst und mitmachen möchte, wird an der Jagd beteiligt“, sagt Heilko Müntinga Busemann. Trotz der Pandemie waren die Jäger fleißig und kümmerten sich um die Hege und Pflege ihres Jagdgebiets. So wurden beispielsweise Wildäcker angelegt oder Rehkitze vor der Mähsaison gesucht. Organisiert wurde das alles von Einzelpersonen. Stattfinden durften auch Jagdhundeprüfungen. In Gruppen mit jeweils vier Hunden wurden die Prüfungen durchgeführt. „Die Gruppen hatten untereinander keinen Kontakt“, erläutert Heilko Müntinga Busemann, der in der Corona-Zeit allerdings Einladungen in andere Gebiete vermisste. „Langjährige Freundschaften konnten nicht gepflegt werden. Teilweise hat man sich aus den Augen verloren“, sagt der Jagdpächter.

„Am schlimmsten getroffen hat es aber die Kinder und Jugendlichen, die kaum Kontakte mit ihren Freundinnen und Freunden pflegen konnten“, sagt Ortsvorsteher Thomas Spekker. So habe auch keine Schwimmausbildung stattfinden können, lediglich das Angeln und das Rodeln am Deich seien noch möglich gewesen. „Viele Nachbarschaften, die bei uns sehr ausgeprägt sind, haben nicht stattgefunden“, betont Thomas Spekker.

Glücklicherweise lebe man aber auf dem Dorf und nicht in der Stadt. So habe fast jeder in Grotegaste und umzu ein Corona-Projekt bei sich zu Hause gehabt. Aufgefallen sei auch, dass der Fahrradverkehr auf der Fehnroute direkt am Deich massiv zugenommen habe. „Die Leute haben ihr Fahrrad abgestellt, sich auf den Deich gesetzt und mitgebrachten Kaffee getrunken“, schmunzelt Thomas Spekker.

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