Sehenswürdigkeit
Das Langeooger Wahrzeichen und sein Original
Der Wasserturm von Langeoog ist eines der beliebtesten Fotomotive auf der Insel. Sein Wärter Jonny Vestering ist ebenso ein Original wie sein Arbeitsplatz in 33 Metern Höhe.
Jeden Wochentag, bevor der Wärter des Wasserturms pünktlich um 10 Uhr die Tür des Langeooger Wahrzeichens für Besucher aufschließt, steigt er alle 122 Stufen hoch. Im Verlauf jedes einzelnen Tages sind es hunderte Stufen, die er bewältigt. Vergangenes Jahr verletzte er sich an der Hüfte. Seitdem fällt es ihm etwas schwerer. Er öffnet die Fenster, damit die Gäste wenig später den Ausblick ohne störendes Glas in sich aufnehmen können. Und um selbst kurz innezuhalten. „Fünf Minuten bin ich ganz still bei mir und gucke rechts und links.“ Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Denn sobald die Gäste kommen, wird es turbulent. Sie müssen gezählt werden, gerade jetzt aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen. Nur sechs Personen dürfen gleichzeitig in die Spitze des Aussichtsturmes aufsteigen. Ohne Eintrittsgeld, dafür aber gegen eine Spende zum Erhalt des Turmes. Bis zu 200 Leute sind es in der Hauptsaison pro Tag.
Die Historie des Wasserturms
Die Leute sind wissbegierig, wollen so vieles von Vestering erfahren. Das gehört für ihn dazu. „Ich mach das gerne. Mir macht es sehr viel Freude, mit den Leuten zu reden.“ Also erzählt er mehrmals am Tag, wie der Langeooger Wasserturm im Jahr 1909 gebaut wurde. „In vier Monaten.“ Bis 1992 war er in Betrieb. In 150 Metern Entfernung lag das alte Wasserwerk, von wo aus das Wasser in den Turm gepumpt wurde, erklärt Vestering mit Verweis auf die Rohre im Inneren des Turmes, die von unten nach oben verlaufen: Steigrohr, Fallrohr und Überlaufrohr. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts boomte der Tourismus auf Langeoog. Die Wasserver- und entsorgung musste erweitert werden. Der Turm war Teil dieses Systems. Seine Höhe sorgte für den Druck, mit dem das Wasser in die Haushalte kam. Heute hat der Turm ausgedient. Das neue Wasserwerk im Pirolatal arbeitet mit Hochdruckpumpen.
Doch Langeoog wäre nicht Langeoog ohne sein Wahrzeichen, den Wasserturm. „Gerne wird der Wasserturm für einen Leuchtturm gehalten“, schreibt die Inselgemeinde über ihren Hingucker auf der Düne. „Als Seezeichen für die Küstenschifffahrt übernimmt er doch eine wichtige Funktion, auch wenn der markante Turm nicht das höchste Gebäude der Insel ist.“ Das sei der Turm der Inselkirche. Seit 1994 kann der Wasserturm besichtigt werden – seither ist er in der Obhut von Jonny Vestering. „Es ist alles so geblieben, wir es 1909 gebaut wurde“, erklärt der Turmwärter. Ein glücklicher Zufall brachte Vestering und den Turm zusammen: Nach 34 Jahren als Hausmeister der Inselschule war er in Frührente gegangen, fühlte sich aber noch viel zu jung für den Müßiggang. Seine Sehkraft war durch eine Krankheit eingeschränkt. Da kam ihm das Jobangebot der Inselgemeinde als Türmer gerade recht.
Ein Langeooger Original
Schon seit Jahrzehnten ist Vestering auf der Insel vor allem als „Jonny“ bekannt. Als junger Mann war er ein begabter Fußballer und Torjäger. Später hat er sich intensiv um die Förderung des sportlichen Nachwuchses gekümmert. Somit ist es kein Zufall, dass das örtliche Stadion seinen Namen trägt. Ebenso die Stichstraße, ergänzt er. Aus dem früheren Stürmer wurde der Türmer. Offiziell ernannt vom früheren Inselbürgermeister Uwe Garrels, erzählt Vestering stolz. Und der denkt auch mit 84 Jahren noch nicht ans Aufhören. „Ein, zwei Jahre will ich noch machen“, sagt er. „Wenn die Gemeinde mich lässt.“
Vestering ist über die Jahre ein bisschen selbst zum Wahrzeichen seiner Insel geworden. „Das ist meine schönste Arbeitsstelle.“ Dafür nimmt der athletische Senior die vielen Treppenstufen gern in Kauf. Eine Weile traue er sich das noch zu. Und Arbeit ist ohnehin relativ, findet er: „Das ist keine Arbeit im eigentlichen Sinne. Es macht mir Freude.“