Geschichte
Oma war eine starke Frau – das prägt das Leben der Enkelin
In Moormerland erinnern Stationen einer Fahrradroute an besondere Frauenpersönlichkeiten. Wir sprachen mit deren Nachfahrinnen, in welcher Weise sie sich die Großmütter zum Vorbild genommen haben.
Was und warum
Darum geht es: Die Großmütter haben sich nicht unterkriegen lassen und im vorigen Jahrhundert in Moormerland gelebt. Wir sprachen mit den Enkelinnen, ob das für ihr eigenes Leben eine Rolle spielt.
Vor allem interessant für: Frauen
Deshalb berichten wir: Von den drei historischen Charakteren kann man durchaus noch immer etwas lernen. Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de
Wir sitzen im Wohnzimmer von Christina Nilson. Die Möbel haben zum Teil schon Martha Köppen-Bode gehört. Die Pastorenfrau setzte sich für die Belange von Frauen ein, kämpfte für die Einstellung einer Gemeindeschwester und war Vorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins. 1932 kandidierte sie für den preußischen Landtag. Aber zu Hause, „da hat Oma eher wenig von sich erzählt“, sagt Christina Nilson. Dass die Großmutter mehrere Bücher verfasst hatte, in denen das Leben der Fehntjer authentisch beschrieben wurde, das habe sie erst nach deren Tod erfahren.
Leben im Haus der Großmutter
„Mein Großvater hat gerne Döntjes erzählt. Aber wenn Großmutter etwas sagen wollte, hieß es: Martha, wees still!“ Betrachtet man das Wirken von Martha Köppen-Bode verwundert es, dass sie sich so von ihrem Mann, der Pastor in Warsingsfehn gewesen ist, über den Mund fahren ließ. Aber die Frau sei die typische, bescheidene Pastorenfrau gewesen, erzählt Nilson weiter.
Für die Hausarbeit habe das Paar ein Mädchen gehabt, und es habe ganz für sich im Obergeschoss des großen Hauses gelebt. Ihre Mutter habe den Haushalt geführt, in dem nach dem 2. Weltkrieg viele Flüchtlinge einquartiert waren. „Martha konnte nicht gut kochen, sie hat die meiste Zeit geschrieben, gemalt, musiziert oder sich mit einer Handarbeit beschäftigt“, sagt Nilson. Aber mit ihrem Mann habe sie sich den Nationalsozialisten nicht gebeugt, beide gehörten der „Bekennenden Kirche“ an und mussten dafür Repressalien erdulden.
Geschäft in vierter Generation
Mit Handarbeiten beschäftigte sich auch Gebke Kracht. Aber die Witwe tat dies nicht zum Zeitvertreib, sondern aus purer Not: Die Schifferwitwe nähte bis spät in die Nacht Kleidung, um ihren vier Kindern eine gute Bildung zu finanzieren. Ihr Sohn Coord konnte so eine Lehre im Manufakturwarengeschäft Brahms in Warsingsfehn machen. Er machte sich 1905 selbstständig. Das Textilhaus Kracht besteht somit seit 116 Jahren. Es steht an derselben Stelle, wo Gebke Kracht gelebt hat.
„Beim Umbau haben wir Fundamente von dem ganz alten Haus gefunden“, sagt Annemarie Kracht. Sie ist Urenkelin der Witwe und führt das Geschäft heute. Ihre Vorfahrin hat sie nicht persönlich gekannt. „Wir haben Briefe, die mein Urgroßvater nach Hause geschrieben hat“, erzählt sie. Daraus werde das Dasein vor über 100 Jahren sehr lebendig. Sie selbst sei gerne selbstständige Unternehmerin – das sei möglicherweise das Erbe ihrer Urgroßmutter, aber mehr noch von ihrer Mutter Annaliese Kracht. Dass Frauen über ihr Leben und für ihre Familie wichtige Entscheidungen treffen, sei auf dem Fehn früher gängig gewesen: „Sie mussten eben entscheiden, wenn der Mann auf See war.“
Witwe kämpfte sich durch
Als Witwe musste auch Helene Buss zurechtkommen. Nachdem ihr Mann an den Folgen einer Kriegsverletzung im 1. Weltkrieg gestorben war, blieb Helene Buss mit drei Söhnen zurück. Mit einer Ausbildung zur Hebamme war sie in der Lage, ihre Familie eigenständig zu ernähren. Ein Weg, der alles andere als selbstverständlich war. Helene Palm hat sie nur durch die Erzählungen ihres Vaters kennengelernt. „Dem war immer wichtig, dass ich selbstständig bin und für mich selbst sorgen kann“, sagt sie.
Auf diesem Weg sei die Großmutter indirekt zum Vorbild für sie geworden. „Meine Tochter ist eine richtige Powerfrau“, sagt Helene Palm, da komme vielleicht der Charakter der Oma wieder zum Zuge. Auf ihrer ersten Arbeitsstelle hat Helene Palm stets den Kunden gesagt, sie sei die Enkelin von Helene Buss: „Dann wussten die sofort Bescheid.“ Moeder Griep, so der Kosename der Hebamme, sei überall ein Begriff gewesen.
Eine Frage an die Großmutter
Wenn die Frauen ihren Großmüttern und Urgroßmutter heute gegenübertreten könnten, welche Frage hätten sie dann? Helene Palm: „Ich würde sie fragen, woher sei die Kraft und die Zuversicht für ihren Weg genommen hat.“ Schließlich habe ihre Oma für die Ausbildung Geld gebraucht, und sie sei mit 27 Jahren als Witwe und Mutter von fünf Kindern ganz auf sich gestellt gewesen.
Annemarie Kracht: „Ich würde fragen, ob sie mit ihrem Lebensweg zufrieden gewesen ist.“ Sie glaube, dass die Antwort Ja sein würde. Gebke Kracht war ebenfalls früh Witwe geworden, als gerade das vierte Kind unterwegs war. Wenn man überlege, über welche Widrigkeiten Leute heute schon unglücklich seien, dann habe ihre Oma ein schweres Los gehabt. „Aber sie hat gesagt: Ich schaffe das selbst!“ Wie Helene Buss habe sie nicht wieder geheiratet.
Christina Nilson: „Ich würde Martha Köppen-Bode fragen, warum sie sich das Verhalten ihres Mannes gefallen lassen hat.“ Weil sie den Nachlass ihrer Großmutter gesichtet hat, habe sie viel über sie erfahren. „Es macht auf jeden Fall etwas mit einem, wenn man sich mit dem Leben der Menschen früher beschäftigt“, ist sie sicher.
Infos zur Fahrradroute
Im vorigen Jahr wurde die Fahrradroute vorgestellt. Hannelore Boekhoff und Ingrid Keßler-Woertel hatten die Lebensgeschichten starker Moormerländer Frauenpersönlichkeiten aus der Vergangenheit ausgearbeitet und mit Unterstützung der Gemeinde Moormerland auf Infotafeln sichtbar werden zu lassen. Eine Broschüre mit allen Infos gibt es bei der Tourist-Info in Moormerland.