Barnewitz

Schriftstellerin Juli Zeh findet auf dem Land die wirkliche Freiheit

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 02.08.2021 18:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Plädoyer für das Leben auf dem Land: Juli Zeh, hier 2016 auf der Leipziger Buchmesse. Foto: Jens Kalaene/dpa Foto: Jens Kalaene
Plädoyer für das Leben auf dem Land: Juli Zeh, hier 2016 auf der Leipziger Buchmesse. Foto: Jens Kalaene/dpa Foto: Jens Kalaene
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Konformismus in der Stadt, Freiheit auf dem Dorf? Juli Zeh dreht den Blick. Sie sagt: Erst auf dem Land habe ich wirklich zu mir selbst gefunden.

Stadtluft macht frei. Ein Satz wie ein Versprechen. Für Juli Zeh gilt er schon lange nicht mehr. „Auf das Land zu ziehen, hatte für mich Erlösungscharakter. Ich konnte vieles hinter mir lassen, was mich unglücklich gemacht hat“, sagt die Bestsellerautorin, die seit 2007 in Barnewitz lebt. 60 Kilometer westlich von Berlin genießt sie die Abgeschiedenheit und ist der Metropole dennoch nah. „Wenn es das Internet nicht gäbe, säße ich nicht hier draußen. Die Technik eröffnet mir die Möglichkeit, in beiden Welten zu leben“, sagt Zeh. Sie hat gerade mit ihrem neuen Roman „Über Menschen“ den Spitzenplatz der Bestsellerlisten erobert. Als ehrenamtliche Verfassungsrichterin Brandenburgs spricht sie Recht. Juli Zeh lebt nicht nur zwischen Dorf und Weltstadt, sie pendelt auch zwischen Roman und Richterspruch. Hier weiterlesen: „Unter Leuten“ - Romanverfilmung nach Juli Zeh.

Zu Pferd mit Denis Scheck

Wir treffen Juli Zeh per Videokonferenz. Über ihr erhebt sich mit Holz ausgekleidete Dachschrägen, hinter ihr thront ein präparierter Vogel. Holz und Federvieh - das Land ist bis in ihren Wohnraum spürbar. Sie habe vor Jahren eine tiefe Sehnsucht verspürt, einfach mal auf die Bremse zu treten, schaut sie zurück. Ihre Entscheidung bereut sie keine Sekunde. Im Gegenteil: „Auf dem Dorf gewinnt man Distanz und findet besser zu sich selbst“, sagt sie heute. Seit Jahren lebt sie mit Mann und Kindern und Pferden auf dem Land. Und Platz für Literatur findet sie hier auch, wenn sie gemeinsam mit dem Literaturkritiker Denis Scheck auf dem Rücken der Pferde unterwegs ist. „Reitgespräche“ heißt das neue SWR-Format einer unterhaltsamen Form der Debatte über neue Bücher, bei dem sich Zeh und Scheck gepflegt unterhalten - und die Pferde brav im Schritt gehen. Hier weiterlesen: Der Kritiker spielt Gott - Denis Scheck und sein Anti-Kanon.

Exzentrik wird nicht honoriert

In Barnewitz rechnet die Autorin mit der Stadt ab. Stadtluft macht frei? Für Juli Zeh gilt das schon lange nicht mehr. „Die Städte erzeugen in letzter Zeit einen hohen Konformitätsdruck. Es wird dort sehr viel Anpassungsleistung erwartet. Exzentrik wird in der Stadt nicht mehr honoriert“, kehrt sie die überkommene Sicht auf den Gegensatz von Stadt und Land einfach um. Aber ist das Dorf nicht der Ort der sozialen Kontrolle, das Nest, das zwar Geborgenheit bietet, in dem aber auch jeder über den anderen Bescheid weiß - lückenlos? Juli Zeh schaut einen Moment zur Seite, überlegt. Ja, das sei so, meint sie. Es komme aber nicht auf das Wissen an, sondern darauf, was jeder daraus mache. Auf dem Dorf sei es egal, was der andere mache.

Pragmatismus macht glücklich

Ein Plädoyer für Gleichgültigkeit ist das nicht. Für Juli Zeh ist das Dorf die neue Lebensschule. „Im Dorf ändert sich das Sozialverhalten. Andere Menschen sind oft eine Zumutung für uns. Auf dem Dorf sind sie unausweichlich. In der Stadt neigt man viel mehr zu Ausweichbewegungen. Das Miteinander auf dem Dorf folgt einem Pragmatismus. Und das macht sehr glücklich“, fasst sie die Lebenslehre zusammen, die sie Barnewitz gelernt hat. Sie passt zu ihrem aktuellen Roman. In „Über Menschen“ trifft Protagonistin Dora in ihrem Dorf auf Gote, der sich selbst als der „Dorfnazi“ vorstellt. Was tun? Ausweichen? Ignorieren? Juli Zeh erzählt in dem Roman davon, wie sie Menschen miteinander arrangieren, ja sich neu wahrnehmen lernen.

Tugenden der Dorfgemeinschaft

Sich neu oder überhaupt einmal wahrnehmen, Solidarität und Hilfe neu lernen - das sind für Juli Zeh die wesentlichen Lehren des Dorflebens. Zugleich warnt sie vor Vorurteilen. „In den Dörfern leben nicht die Globalisierungsverlierer. Viele, die hier leben, sehen eher die Menschen in den Städten als die Verlierer“, dreht sie die gewohnte Perspektive um. Nach ihrer Einschätzung sind die Menschen auf dem Land nicht abgekoppelt, zumal das Geld hier eine geringere Rolle spiele. Juli Zeh sieht im Vergleich das Land vorn. Ihre These: Die Gesellschaft kann vom Leben draußen, fernab der Städte lernen. „Die Gesellschaft sollte bestimmte Tugenden der Dorfgemeinschaft dringend lernen, sonst fliegt sie auseinander“, votiert die Autorin.

Freiheit der anderen schützen

Juli Zeh sieht den Umgang mit der Corona-Pandemie als aktuellen Anwendungsfall dieser neuen Haltung. „In der Pandemie vermitteln die Medien den Eindruck einer gespaltenen Gesellschaft. Dabei ist die Solidarität wichtig, gerade mit jenen Menschen, die die Dinge anders sehen als wir“, plädiert sie für einen anderen Umgang mit anderen Meinungen. Juli Zeh hält, wenn es um das Thema Corona geht, viel von Regeln, die zu befolgen sind, wenig von moralischen Belehrungen, die Menschen ins Unrecht setzen: „In der Diskussion um die richtigen Maßnahmen gegen die Pandemie führt der ständige Verweis auf moralische Verpflichtung zu inneren Verletzungen. Wir müssen auch die Freiheit schützen, in Fragen des Umgangs mit der Pandemie in der Minderheit zu sein“.

Freiheit und Sicherheit

Zeh versteht die Debatte um die richtigen Maßnahmen gegen die Pandemie für einen neuen Testfall für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Wie in früheren Krisensituationen auch, gehe es jetzt wieder darum, das richtige Verhältnis von Freiheit und Sicherheit zu finden. „Die Debatten um die richtigen Maßnahmen gegen die Pandemie zeigen, dass Freiheit und Sicherheit immer in einem guten Ausgleich stehen müssen“, sagt die Juristin und erläutert: „Fundamentale Bedrohungen wie die Terroranschläge vom 11. September oder die Corona-Pandemie zeigen, dass es zunächst immer eine Verschiebung zugunsten der Sicherheit und zu Lasten der Freiheit gibt. Die Menschen wollen sich schützen. Das darf aber nie so weit gehen, dass die richtige Abwägung von Freiheit und Sicherheit vergessen wird. Die Meinungskämpfe um Sicherheit und Freiheit führen meistens dazu, dass eine Gesellschaft wieder in eine gute Balance kommt“.

Grüne nicht auf der Höhe

Ob Abwehr der Pandemie oder Klimakrise - Juli Zeh plädiert für Fortschritt und Regeln und zugleich für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wenn es um das Klima geht, wird sie allerdings energisch. Zu nah ist ihr die Flutkatastrophe, die Gegenden nahe ihrer Heimat Bonn verwüstet hat. Sie verlangt eine klare Reaktion: „Wir sollten vorsichtig sein, wenn es darum geht, von Ereignissen wie der Flutkatastrophe politisch Gebrauch zu machen. Für mich steht aber außer Frage, dass wir das Problem des Klimawandels endlich angehen müssen. Dabei hilft es nicht weiter, wenn wir in der politischen Auseinandersetzung Indizienprozesse gegeneinander führen“, sagt Zeh und kritisiert die politischen Parteien. Die sind für sie alle nicht auf der Höhe des Problems - auch die Grünen. „Wir brauchen eine gigantische technologische Revolution, um dem Klimawandel im weltweiten Maßstab begegnen zu können“, fordert die Autorin. Eine unlösbare Aufgabe? Nein. Aus Barnewitz kommt eine versöhnliche Botschaft: „Ja, ich schaue trotz allem positiv nach vorn. Optimismus ist Pflicht. Wir haben aber auch allen guten Grund dazu“

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