Interview
Opferschutz: „Berichten ist wichtig – aber opfersensibel“
In Leer ist eine Frau vergewaltigt worden. Viele Medien berichten über den Fall. Welche Folgen die Berichte für das Opfer und andere Leidtragende haben kann, erklärt Karsten Krogmann vom Weißen Ring.
Was und warum
Darum geht es: Der Weiße Ring kümmert sich um die Belange von Kriminalitätsopfern. Ihr Presse-Chef erklärt, was Medienberichte auslösen können.
Vor allem interessant für: Für jene Leser, die nicht verstehen, warum die OZ zurückhaltend über das Verbrechen berichtet.
Deshalb berichten wir: Nach der Gewalttat in Leer berichten viele Medien bundesweit über die Tat. Die Berichte fallen sehr unterschiedlich aus. Als Zeitung vor Ort hat die OZ eine besondere Verantwortung für Opfer und auch Täter. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
Frage: Herr Krogmann, nach einer Gewalttat wie der in Leer am Wochenende, wird über den Vorfall berichtet. Wie wirkt sich diese Berichterstattung nach Erfahrungen des Weißen Rings auf das betroffene Opfer aus?
Krogmann: Zum aktuellen Fall kann und will ich nichts sagen. Es ist ein laufendes Verfahren und außerdem weiß ich darüber zu wenig. Aber auch allgemein lässt sich die Frage kaum beantworten, denn Menschen empfinden und reagieren sehr unterschiedlich. Wenn ein Opfer allerdings wieder und wieder durch die Berichterstattung mit der Tat konfrontiert wird, erhöht das die Möglichkeit, dass das Belastungserleben eines Opfers verstärkt wird. Wenn Details ausgebreitet werden, vielleicht sogar zur Person und Persönlichkeit des Opfers, wenn es heftige Reaktionen in den Sozialen Medien gibt, dann kann ein Opfer die gleiche Hilflosigkeit erleben wie bei der Tat selbst. Daraus können sich Ängste entwickeln oder Depressionen.
Frage: Medien berichten unterschiedlich über die Tat, die einen sehr detailreich, die anderen zurückhaltend. Gibt es einen richtigen Weg?
Krogmann: Ja, es gibt einen richtigen Weg: den respektvollen. Ich weiß nicht, ob es irgendjemandem hilft, Fotos vom Haus der Tat zu veröffentlichen, so wie es die „Bild“-Zeitung getan hat. Journalisten sollten medienethische Grundsätze berücksichtigen, sich ans Presserecht halten und auf jeden Fall Persönlichkeitsrechte wahren. Das bedeutet, sie sollten nicht spekulieren, sondern nur Fakten veröffentlichen – und davon auch nur die, die tatrelevant sind. Was gar nicht geht, ist die Identität eines Opfers ohne Einverständnis aufzulösen, Fotos ohne Einverständnis veröffentlichen, verraten, wo das Opfer wohnt.
Frage: Wäre nicht zu berichten eine Lösung?
Krogmann: Nein. Ich bin ja selbst Journalist und ein Riesenfan der Pressefreiheit. Ich glaube, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, umfassend informiert zu werden. Das gilt natürlich besonders für die unmittelbare Umgebung, hier also Ostfriesland. Es kann ja darum gehen, Taten aufzuklären, und es geht immer auch darum, aus Taten etwas lernen, zum Beispiel für die Kriminalprävention. Berichterstattung ist wichtig – aber gerade deshalb ist es auch so wichtig, opfersensibel zu berichten.
Frage: Wie hilft die Berichterstattung bei der Kriminalprävention?
Krogmann: Es kann vor einer Tat schützen, wenn man die Vorgänge kennt. Der Enkel-Trick ist ein gutes Bespiel dafür. Man reagiert anders, wenn man weiß, dass es Betrüger gibt, die sich als Enkel in Not oder falsche Polizisten ausgeben.
Frage: Hat die Berichterstattung über Gewalttaten eigentlich auch Einfluss auf andere, ehemalige Opfer?
Krogmann: Ja. Beim Weißen Ring erleben wir es immer, dass Opfer von Straftaten durch die Berichterstattung über andere Straftaten retraumatisiert werden. Das kann schwere Krankheitsbilder auslösen. Wir hatten zum Beispiel den Fall, dass durch die Berichterstattung über den Anschlag auf die Synagoge in Halle ein Opfer des Amoklaufs am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt in ihr altes Trauma zurück fiel wurde und den Weißen Ring um Hilfe bat – fast 20 Jahre später. Das zeigt, welch große Verantwortung Journalisten haben, die über Straftaten berichten.
Frage: Häufig wird kritisiert, dass der Begriff „Opfer“ die Leidtragenden in eine Schublade steckt, aus der sie nicht mehr rauskommen. Wie sehen Sie das?
Krogmann: Wir kennen die Diskussion um das Wort „Opfer“ auch beim Weißen Ring. Es ist für viele Menschen negativ besetzt, und es wird ja auch zum Beispiel auf Schulhöfen als Schimpfwort genutzt: „Du Opfer!“ Ich bin aber auch nicht bereit, mir das Wort durch solchen Missbrauch nehmen zu lassen. „Opfer“ ist nichts Negatives, nichts, wofür man sich schämen muss. Bei einer Straftat sind die Leidtragenden hilflos, fremdbestimmt, ausgeliefert. Das heißt aber nicht, dass das so bleiben muss. Man kann bei der Straftat ein Opfer gewesen sein – aber man muss ja nicht hilflos bleiben. Man kann sich Hilfe holen, zum Beispiel beim Weißen Ring.