GA-Serie: Das Dorfleben und das Virus
Mitling-Mark: Ein ganz besonderes Fehndorf
„Das Dorfleben und das Virus“ heißt eine Serie, die der GA seinen Lesern zurzeit bietet. Menschen aus 30 Dörfern schildern, was Corona in ihrem Ort verändert hat. Heute geht es nach Mitling-Mark.
„Ich habe Mitling-Mark sehr zu schätzen gelernt. Hier fühlen sich nicht nur die Einheimschen wohl, sondern auch die Zugezogenen. Die Begegnungsqualität ist extrem gut. In einer Großstadt ist das vollkommen anders. In Mitling-Mark sollen Oma und Opa solange wie möglich im eigenen Haus bleiben“, sagt Andreas Damke, der zusammen mit seiner Frau und ihren pflegebedürftigen Eltern vor sechs Jahren aus Hamburg an die Ems gezogen ist. Der selbstständige Unternehmensberater mit ostfriesischen Wurzeln findet, dass die Ostfriesen schon immer gegen dunkle Mächte gekämpft hätten, ob Moor, Meer, Sturm oder Napoleon. „Und wir haben fast immer gesiegt, oder doch zumindest unbeugsam weitergemacht. Mit viel Energie. Immer das Ziel im Blick. Gelassen. Und natürlich immer auch mit einer Prise Humor“, sagt Andreas Damke.
Kurz vor Corona wurde der Dorfverein gegründet
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich die Mitling Marker auch durch die Corona-Pandemie nicht aus der Ruhe bringen ließen. Nur kurz vor dem Corona-Ausbruch hatten die Einwohner einen gemeinnützig anerkannten Dorfverein gegründet, um ihr Dorf noch lebens- und liebenswerter zu machen. Ein Grund für die Gründung des Dorfvereins war die Auflösung der Feuerwehr. Nachdem bereits 2015 die Ortsfeuerwehr Mitling-Mark nach 119 Jahren ihre Selbstständigkeit verloren hatte, wurde im vergangenen Jahr auch die Löschgruppe Mitling Mark aufgelöst. Bestimmte Sachen wie das Osterfeuer, das bislang von der Feuerwehr organisiert worden war, konnten nicht mehr durchgeführt werden. „Um die vielen Ideen und Kräfte zu bündeln, haben wir schließlich einen Dorfverein gegründet“, erklärt Damke.
Die Menschen des kleinen Dorfes lernten nach einem ersten Schrecken aber schnell, mit dem Corona-Virus umzugehen. Mit aller gebotenen Vorsicht packten die Einwohner die Dinge an, die bereits vor der Pandemie in die Wege geleitet worden waren. Es wurden verschiedene Arbeitsgruppen wie AG Natur, AG Familie-Kinder-Senioren, AG Event, AG Kommunikation, AG Kultur, AG Marktplatz und AG Energie gegründet, die sich um gute Ideen fürs Dorf und deren Umsetzung kümmern sollen. Sammelpunkt aller Ideen ist der Whats-App-Dorfverteiler. Hier kann sich jeder Dorfbewohner entscheiden, aktiv bei der Umsetzung einer Idee dabei zu sein.
Dorfteich wurde gesäubert
Nach einem guten halben Tag war die Aufgabe erledigt. Auch die AG Familie blieb nicht untätig und schaffte es mit einem cleveren Konzept, für die jüngsten Dorfbewohner das alljährliche Martinisingen stattfinden zu lassen. Wer seinen Hauseingangsbereich hell beleuchtet hatte, lud die kleinen Sängerinnen und Sänger ein – mit entsprechendem Abstand und an der frischen Luft –, ihre Lieder zu singen und ihre bunten Laternen zu präsentieren. Die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde brachte sich ebenfalls mit einem einfallsreichen Plan in das Dorfleben ein. Da wegen Corona weder Gottesdienste noch Weihnachtsfeiern angesagt waren, hatte die Kirchengemeinde die Idee, einen Weihnachtsbaum vor der Mühle aufzustellen. „Jeder, der wollte, durfte den Baum dann schmücken“, sagt Damke. Zudem warteten von der Familien-Gruppe weihnachtlich geschmückte Stationen mit kleinen Überraschungen auf den Besuch der Dorfbewohner.
Kirchenorgel wurde saniert
„Die meisten von uns wollten die Alte Schule aber gerne erhalten und behalten“, sagt Damke. Nach der Fertigstellung 1913 wurde das Gebäude 50 Jahre lang als Schule genutzt. Anschließend wurde das Schulgebäude zum Feuerwehr- und Dorfgemeinschafts-Haus umfunktioniert. Um den Abriss zu verhindern, erarbeitete der Dorfverein nun ein Konzept für den Erhalt der alten Schule. In einem ersten Schritt renovierten Mitglieder des Dorfvereins den Saal der alten Schule. Dieser kann zunächst weiter als Begegnungsstätte genutzt werden. Eine komplette Sanierung des historischen Gebäudes scheint aber nur mit ausreichend Fördermitteln umsetzbar zu sein.
Ein Lied über Mitling-Mark
Trotz der Ungewissheit soll es am 28. August von 10 bis 17 Uhr eine feierliche und coronagerechte Eröffnung des renovierten Teils der Schule mit einem kleinen Flohmarkt geben. Extra für diesen Anlass hat sich Elise Andresen-Bunjes alias Krimibuchautorin Elise van Mark etwas Besonderes ausgedacht. „Während meines Urlaubs hatte ich viel Zeit und habe gedichtet. Herausgekommen ist ein Lied über Mitling Mark“, sagt Elise Andresen-Bunjes. Die plattdeutsche Hymne soll bei der Schuleröffnung gesungen werden. „Hierfür suche ich noch ein paar Kinder, die Lust zum Singen haben“, sagt die bekannte Märchenerzählerin und Puppenhaus-Sammlerin. Überhaupt hat Elise Andresen-Bunjes den kleinen Ort zum Teil zusammen mit den Dorfkindern - verzaubert. Wer aufmerksam durch das Dorf spaziert, kann sie entdecken – die Ems-Fee, die Mühlen-Fee, die Schul-Fee, die Garten-Fee – und sogar ein Trollhaus.... Gesehen hat sie freilich noch niemand, nur ihre liebevoll gestalteten Häuschen sind zu entdecken – ein Feendorf an der Ems.
Wilke Zierden, gebürtiger Leeraner, erfolgreicher Influencer (Gewinner des Fernsehpreises „Goldene Henne“) und Geschäftsführer des SuS Steenfelde, hat mitten in der Pandemie das alte Pfarrhaus in Mitling Mark gekauft und viel mit dem Gebäude vor. So soll dort ein Mehrgenerationenhaus, ein Café, eine Kita, ein Konzert-Saal und eine Ferienwohnung entstehen. „Der Umbau kostet eine Menge Geld und es steckt eine Menge Arbeit drin. Zum Glück habe ich viele fleißige und freiwillige Helferinnen und Helfer“, sagt Wilke Zierden. Das 300 Quadratmeter große Café liegt derweil voll im Plan. Die Eröffnungsparty ist für den August angepeilt. Unerwartete Schwierigkeiten gibt es indes bei der Kindertagesstätte. Bruder Jörg, der die Leitung der Kita übernehmen sollte, hat überraschend abgesagt. „Mein großer Bruder macht nicht mehr mit. Ich habe aber schon 40.000 Euro in die Kita gesteckt“, betont Wilke Zierden. Wie es mit der Kita weitergehen soll, weiß er noch nicht. Es soll ein Gespräch mit der Gemeinde geben. „Trotz Corona hat alles bislang gut geklappt“, sagt der Influencer.
Zur Eröffnung kam gleich das ganze Dorf
Eine Entdeckungsreise wert ist auch das neue Fährhaus am Deich. Tina Böhm und Pierre Droz sowie Tochter Laureline kommen aus Österreich und der Schweiz und führen das Restaurant und Hotel am Fährpad, das direkt an der Deutschen Fehnroute liegt, seit dem 1. Mai 2021 mit Leidenschaft. Pandemie hin oder her, wir machen das in Mitling-Mark, sagte die Familie. „Zur Eröffnung kam gleich das ganze Dorf vorbei“, betont Pierre Droz und freut sich über die sehr herzliche Aufnahme in die Dorfgemeinschaft. Gestartet am 1. Mai mit Außerhausverkauf, eröffnete das Ehepaar bereits am 20. Mai die Außengastronomie. Viele Radfahrer nutzen das Angebot eines willkommenen Zwischenstopps. Auf einer noch kleinen Karte mit Fischmenüs, Schnitzel, Currywurst, Flammkuchen sowie kleinen und großen Salaten finden die Gäste von allem etwas. „Im Herbst wollen wir innovativer sein“, verspricht der ehemalige Schweizer Tourismusdirektor. So stehen dann auch ostfriesische Spezialitäten wie Grünkohl, Schweizer Käseprodukte und Österreichische Desserts auf der Speisekarte.
In Mitling Mark ist vieles entstanden, was trotz der Coronapandemie möglich war. So gibt es hier mittlerweile auch wieder die Mitling-Mark-Scharlotte. „Wir haben diese alte Sorte von Reinhard Lühring aus Backemoor zurückgeholt. Sie ist genetisch einzigartig“, sagt Damke. Die Kinder des Dorfes durften sie als erste setzen und natürlich dann auch ernten. Neu ist auch der „Mitling-Marker Honig“. Die ersten 50 Gläschen werden gerade an die Familien im Dorf verteilt. Desweiteren soll das Küchenmuseum wieder belebt und im alten Backhaus nicht nur an den Mühlentagen wieder eigene Brote und der berühmte Mitling-Marker Stuten gebacken werden.
Mitling Mark – ein Erlebnis für alle Sinne – ein Dorf voller Ideen und Energie – und Menschen, die man kennenlernen sollte...
Nächste Folge: Ostrhauderfehn