GA-Serie „Das Dorfleben und das Virus“

Wann kehrt wieder Leben in die Mühle ein?

Günter Radtke
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Von Günter Radtke
| 22.07.2021 18:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die historische Rhauder Mühle ist auch aus der Ferne ein Blickfang. Seit Pandemiebeginn ist das Ensemble aus Mühle, Backhaus und Remise verwaist. Foto: Radtke
Die historische Rhauder Mühle ist auch aus der Ferne ein Blickfang. Seit Pandemiebeginn ist das Ensemble aus Mühle, Backhaus und Remise verwaist. Foto: Radtke
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„Das Dorfleben und das Virus“ heißt eine Artikelserie, die der GA seinen Lesern zurzeit bietet. Menschen aus 30 Dörfern schildern, was Corona in ihrem Ort verändert hat. Dieses Mal: Rhaude.

Rhaude - „Ich war so vorsichtig, habe so sehr aufgepasst. Und trotzdem hat es mich erwischt. Meinen Mann ebenfalls. Ich habe wirklich keine Ahnung, wo wir uns mit dem Virus angesteckt haben könnten“, schildert Manuela Huismann. Die Leiterin des in der Region populären Rhauder Gitarrenchores fügt hinzu, dass sie und ihr Mann sich mit dem Corona-Virus infizierten, nachdem sie die erste Impfung erhalten hatten.

Beide hätten sie leichte Krankheitsverläufe mit Erkältungssymptomen gehabt, sagt Huismann. Ihre Mutter hingegen sei an den Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung verstorben.

„Da haben wir mehr gesabbelt als gespielt“

Mit dieser eigenen Erfahrung sei es aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung gewesen, den Rhauder Gitarrenchor eineinhalb Jahre pausieren zu lassen. Manuela Huismann ist sehr froh darüber, dass sich die neun Frauen des Akustikgitarren-Ensembles Mitte Juni endlich wieder zum ersten Übungsabend treffen konnten. Der habe im Gemeindehaus der Rhauder Kirchengemeinde stattgefunden.

Manuela Huismann: Leiterin des Rhauder Gitarrenchores. Foto: Privat
Manuela Huismann: Leiterin des Rhauder Gitarrenchores. Foto: Privat

„Da haben wir mehr gesabbelt als gespielt. Nach eineinhalb Jahren hatten wir uns doch so viel zu erzählen“, berichtet die Chorleiterin. Und: „Es war toll, endlich mal wieder was zusammen zu machen. Das gemeinsame Musizieren räumt einen innerlich auch ein bisschen auf.“

Ihre eigenen Erfahrungen mit dem Corona-Virus haben sie jedoch dazu veranlasst, die nächsten wöchentlichen Übungsabende des Gitarrenchores nach Hause auf ihre überdachte Terrasse zu verlagern. Dort könnten die Chormitglieder die Abstände einhalten. Man sei draußen an der frischen Luft und somit einfach sicherer.

„Jetzt heißt es wieder üben, üben, üben“

Als hätte sie es geahnt, hat Manuela Huismann Anfang des Jahres für jedes Chormitglied eine separate Repertoire-Mappe mit jeweils 250 Liedern von kirchlich bis Schlager und Pop auf deutsch, englisch und plattdeutsch angefertigt. „Nun müssen wir uns nicht mehr die bisher wenigen Mappen teilen und können die Abstände gut einhalten, obwohl der Großteil von uns geimpft oder corona-genesen ist“, freut sich die Chorleiterin.

Wann die ersten Auftritte möglich sein werden, ist noch offen. Manuela Huismann: „Wir hoffen, dass wir zur Adventszeit wieder Auftritte machen dürfen. Jetzt heißt es wieder üben, üben, üben.“ Die Gitarrenfrauen haben viel vor, denn traditionell sammelt der Rhauder Gitarrenchor seine bei Auftritten erhaltenen Spenden und gibt sie einmal jährlich für caritative Zwecke weiter.

In der Rhauder Mühle ist es viel zu eng

Vollkommen auf Eis gelegt sind seit nahezu eineinhalb Jahren alle Aktivitäten des ansonsten so rührigen Rhauder Mühlenvereins. Die 1852 erbaute Windmühle ist quasi verwaist. Sie ist wie die historische Backstein-Kirche und deren markanter Glockenturm ein ortsbildprägendes Gebäude Rhaudes.

Rhaudes Mühlenvereinsvorsitzender Heino Scharf. Foto: Archiv
Rhaudes Mühlenvereinsvorsitzender Heino Scharf. Foto: Archiv

Hunderte Besucher aus nah und fern zog es bisher an Silvester zum Speckendickenessen, im Oktober zum Matjesessen, am letzten Aprilabend zum Maibaumsetzen und übers Jahr verteilt zu den Backtagen zur Rhauder Mühle. Seit Pandemiebeginn ist dort Stille. „All unsere Veranstaltungen sind dort nicht möglich, weil es in der Mühle einfach viel zu eng ist“, erklärt Mühlenvereinsvorsitzender Heino Scharf. Die behördlichen Auflagen zum Schutz vor Corona-Infektionen seien unerfüllbar.

Nur Rasen mähen und Mühle abschmieren

„Zwischen den einzelnen Lockdowns haben wir uns in kleinem Kreis noch zu Vorstandssitzungen getroffen. Ansonsten haben wir lediglich den Rasen gemäht und die Mühle abgeschmiert“, zählt Heino Scharf auf. Die Jahreshauptversammlung sei wegen Corona mittlerweile zweimal ausgefallen. Rechenschaftsberichte und Kassenberichte seien folglich nicht vorgetragen worden. Der Vorsitzende unterstreicht jedoch: „Obwohl wir keine Veranstaltungen durchführen und somit kein Geld einnehmen konnten, stimmt unsere Kassenlage. Wir haben in den vorherigen Jahren gut gewirtschaftet, haben Rücklagen gebildet. Das zahlt sich jetzt aus.“

Keines der Vorstandsmitglieder habe während des Stillstandes im Verein seinen Posten aufgegeben. Darüber sei er sehr froh, sagt Scharf und erklärt warum: „Wir Ehrenamtlichen im Mühlenverein sind ja recht alt, der Großteil von uns ist über 70. Deshalb könnte es leicht sein, dass der eine oder andere sagt, er hat jetzt keine Lust mehr. Dazu kam es bisher nicht, aber ich befürchte, es könnte so kommen.“

Er selbst sei jetzt 75 und werde von seinem Vorsitzenden-Posten nicht zurücktreten, solange es für ihn keinen Nachfolger gebe, versichert Scharf. Fest stehe bereits, dass das Matjesessen im Oktober coronabedingt abermals nicht stattfinden werde. Auch hinter dem Speckendickenessen am Silvestertag stehe ein großes Fragezeichen.

Bitte nicht „Leben ohne Gemeinschaft“

„Ich hoffe, dass alle irgendwann wieder wie früher zusammenkommen können, dass niemand sich zurückzieht, dass niemand sich an dieses ,Leben ohne Gemeinschaft‘ gewöhnt“, wünscht sich Pastor Hartmut Kutsche für ganz Rhaude und für seine evangelisch-lutherische Kirchengemeinde ganz besonders. Er sei zuversichtlich, dass es nun irgendwie weitergehe. Doch er ist auch skeptisch: „Leider sind die Aussichten nicht gut. Die Infektionszahlen steigen wieder, Fachleute rechnen im Oktober mit einem weiteren Lockdown.“

Der Rhauder Pastor Hartmut Kutsche. Foto: Archiv
Der Rhauder Pastor Hartmut Kutsche. Foto: Archiv

Bei Pandemiebeginn im Frühjahr 2020 hätten sich die Gruppen und Chöre in der Kirchengemeinde auf einmal nicht mehr treffen dürfen. Zusammen zu sein, sich zu sehen, bei Tee und Kuchen miteinander zu reden: Das habe Vielen seither gefehlt. Im Herbst vergangenen Jahres habe sich die kirchliche Männerrunde noch zwei Mal in der Kirche zu Vorträgen getroffen, dann sei der nächste Lockdown gekommen.

Der markante Glockenturm der Rhauder Kirche. Foto: Radtke
Der markante Glockenturm der Rhauder Kirche. Foto: Radtke

Kutsche: „Seit dem letzten Sommer haben wir aber jeden Sonntag Gottesdienst gehabt, bei gutem Wetter oft im Freien, natürlich mit Masken, Abstand, Händedesinfektion, ohne Gesang. Das Konzept ist aufgegangen, bisher ist keine Infektion nachgewiesen.“ Allerdings sei der Gottesdienstbesuch etwas zurückgegangen. Viele Gläubige in Rhaude seien noch vorsichtig. Seit März 2020 hat es laut Pastor Kutsche in der Rhauder Kirche keine Hochzeiten mehr gegeben. Seit vielen Jahren war das Rhauder Gotteshaus bis dahin ein weit über Ostfriesland hinaus beliebter Ort für kirchliche Trauungen gewesen. Während der Pandemie habe es in Rhaude auch nur sehr wenig Taufen gegeben.“

Fünf neue Feuerwehrmitglieder

Beerdigungen fänden ausschließlich im kleinen Kreis statt. Nachbarn und Freunde könnten oft nicht beim Abschied dabei sein. „Das“, so Kutsche, „ist natürlich nicht schön, aber wir versuchen, so vielen wie möglich die Gelegenheit dazu zu geben.

Kutsche schildert: „Ich werde immer mal wieder gefragt, wann es weitergeht. Deshalb habe ich die Senioren im August zu einem Grillnachmittag eingeladen. Es gibt ein kleines Programm mit Liedern, aber es soll viel Zeit zum Reden geben.“

Gut sei es gewesen, dass die Rhauder Feuerwehrleute schnell geimpft worden und einsatzfähig gewesen seien, lobt der Pastor. Ja, Einsätze seien gefahren worden, aber mehr auch nicht, berichtet Ortsbrandmeister Jens Buß. „Keine Dienstabende, kein Umwelttag, kein Schnelligkeitswettkampf“, zählt er auf.

Rhaudes Ortsbrandmeister Jens Buß. Foto: Archiv
Rhaudes Ortsbrandmeister Jens Buß. Foto: Archiv

Unter strengsten Hygieneregeln habe es sich die Ortsfeuerwehr Ende November aber nicht nehmen lassen, die Dorfmitte wie in jedem Jahr weihnachtlich zu schmücken um im Ort wenigstens für ein bisschen Normalität zu sorgen. Nach erfolgter Impfung sei der Wehr seit Juni auch wieder der Dienstbetrieb möglich.

Erstaunlich ist auch für Ortsbrandmeister Jens Buß, dass sich in der Pandemiezeit fünf neue Mitglieder der Rhauder Ortsfeuerwehr angeschlossen haben.

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