Kolumne OZ Intern
Alles sagen, was man will
Nicht einmal die Hälfte der Deutschen glaubt laut einer Umfrage an die Meinungsfreiheit. Das ist besorgniserregend - und eine Gefahr für die Demokratie.
„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“, so lautet der Artikel 5, Satz 1 des Grundgesetzes. Die Grundlage unserer Demokratie. Aber wie sieht die Realität aus? 44 Prozent der Bundesbürger, glaubt nach einer kürzlich veröffentlichten Meinungsumfrage des Allensbach-Instituts, es sei besser, mit Meinungsäußerungen vorsichtig zu sein. Fast die Hälfte der Deutschen sagt also, sie könne ihre Meinung nicht offen äußern, ohne dass es negative Konsequenzen hätte. Ein besorgniserregender Wert und im Übrigen der schlechteste seit 1953, als unsere Demokratie noch neu und unerfahren war.
Sebastian Turner, Journalist, Medienmanager, Start-up-Unternehmer und Politiker und nebenbei ein sehr kluger Kopf, hat dafür eine einleuchtende Erklärung. Es sei vor allem die zerstörerische Kommunikation in sozialen Netzwerken, die die Menschen verschrecke. Wer sich dort offen äußert, muss fürchten, massiv beschimpft, angefeindet und beleidigt zu werden. Facebook ist die übelste Form von Stammtisch, die man sich vorstellen kann. Auch unsere Digital-Redaktion muss viel Aufwand betreiben, um auf unseren Facebook-Seiten Pöbeleien zu löschen. Einen gepflegten Diskurs erreichen wir trotzdem nur selten.
Aber das ist nur der eine Teil der Realität. Der andere ist die wachsende Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Ob links oder rechts, wirklich gestritten wird nicht mehr. Zwischen Meinung und Fakten wird immer weniger unterschieden. Jeder glaubt, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. Das gefährdet unsere Demokratie, bei der Entscheidungen stets eine Frage von Mehrheiten sind, ein Konsens, ein Interessensausgleich. Was können wir Journalisten tun, um die Freiheit der Meinung wieder zu stärken? Ich glaube vor allem, dass wir in diesem Überfluss an Fakten, Meinungen, Rechthabereien, gezielten Falschinformationen unserem Auftrag mit der nötigen Gelassenheit nachzugehen haben: Nach Wahrheit suchen und schreiben, was ist.
Kontakt: j.braun@zgo.de