Kolumne: Alles Kultur

Richtige Berge

Annie Heger
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Von Annie Heger
| 12.07.2021 09:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
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Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Montags geht es immer um Kultur.

Ich bin Küstenkind. Eigentlich bin ich vom Ostfriesischen Fehn, aber im Urlaub würde ich immer die Küste. Ich kenne nichts Schöneres als beim ersten Kaffee am Morgen das Meer zu begrüßen und die salzige Luft zu atmen. Aus dem hohen Norden kommend, wo die höchste Erhebung der Deich ist, ist mein Beziehung zu Bergen eher kompliziert. Es gibt Menschen, die sich von Dreitausendern umzingelt, geborgen fühlen. Ich fühle mich bei ihrem Anblick atemberaubt – im Sinne einer Ohnmacht. Ich brauche den Horizont vor Augen, damit mir nicht schwindelig wird. Einen Gipfel besteigen zu müssen, um Weitblick zu erlangen, da schwitze ich schon bei der Vorstellung.

Zur Person

Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.

Seit Samstag ist die Ausstellung „Apokryphe Landschaften“ von Sven Drühl in der Kunsthalle Emden zu bestaunen. Ich war selbst noch nicht dort und habe die Werke nur am Bildschirm gesehen, der ihnen sämtliche Tiefe nimmt und doch sind sie beeindruckend gewesen. Besonders gepackt hat mich seine Serie DARKER. Monochrom-schwarze Plastiken von prominenten Bergmassiven: Matterhorn, Montblanc, Mount Everest. Klingt ein bisschen wie ein Besuch im Miniaturwunderland? Weit gefehlt! Drühl nur Landschaftsmaler zu nennen oder ihm die bloße Abbildung des Realen zu unterstellen, würde seiner Kunst nicht gerecht werden.

Er sagt: „Bei meinen Gemälden handelt es sich um so etwas wie Remixe bestehender Werke, so wie ein DJ im House- oder Technobereich einzelne Musikstücke neu zusammensetzt oder sie aneinander- und übereinander lagert, um zu neuen Lösungen zu kommen.“ Diese Metapher macht mich neugierig. Oma hätte das sicher nichts gesagt, sie wäre aber mitgegangen. Als ich das erste Mal als Kind mit ihr auf eine Freizeit gefahren bin, sagte sie mir vorher, dass ich Berge sehen würde. Die kannte ich bisher nur von Heidi und war aufgeregt. Wie enttäuscht ich war, dass ich nur grüne Hügel sah, keinen einzigen aus Stein, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Oma suchte nach einem winzigen Quadratmeter Stein, um mich zufrieden zu stellen. Sie hätte mit mir die Ausstellung besucht, nur um sagen zu können: Annie, hier sind deine Berge.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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