Politik
Oben ohne: Politiker Koch ohne Hemd in Ausschusssitzung
Der Kreistagspolitiker Gerd Koch schaltete sich am Donnerstag in die Sitzung des Kreisfeuerwehrausschusses per Video zu. Ein Hemd oder andere Oberbekleidung hatte der dazu nicht angezogen.
Leer - Die Kameraeinstellung zeigte es sehr deutlich. Zu sehen war der grau-behaarte Körper eines Mannes jenseits der 70. Der Kreistagsabgeordnete Gerd Koch (AWG) zeigte sich am Donnerstagnachmittag in der Sitzung des Feuerwehrausschusses des Landkreises Leer vor seiner Internet-Kamera ohne Oberbekleidung. Immer wieder stand Koch auf, dabei waren dann auch Shorts zu sehen. Die irritierte Bitte des Sitzungsvorsitzenden Broer Wübbena-Mecima, sich doch ein Hemd anzuziehen, wischte Koch mit einem Lachen weg, richtete die Webcam aber so ein, dass er nicht ständig zu sehen war.
Während also Kreisbrandmeister Johann Waten vom schwierigen Jahr 2020 für die Feuerwehren im Kreis Leer sprach, hörte Koch – sofern am Platz – von einem kahlen Zimmer, einem Hotelzimmer ähnlich, zu. Während an jedem Hotel-Buffett zwischen Griechenland und Norderney um Oberbekleidung zum Essen gebeten wird, war die Hybrid-Ausschusssitzung für Koch kein Grund, ein Hemd anzuziehen.
Keine Kleiderordnung
Zwangsläufig stellten sich Ausschussmitglieder und Zuhörern die Frage: Gibt es keine Kleiderordnung und ist das erlaubt? Die Kommunalverfassung hilft da nicht weiter: „Was und wie viel an Kleidung Abgeordnete in einer Sitzung zu tragen haben, ist weder im Niedersächsischen Kommunalverfassungsgesetz noch in unserer Geschäftsordnung für den Kreistag explizit geregelt. Sprich: Eine Kleiderordnung gibt es nicht. Den Abgeordneten steht es damit grundsätzlich frei, was sie zu einer Sitzung anziehen“, erklärt Kreissprecher Philipp Koenen auf Nachfrage. Allerdings: Der Vorsitzende kann einen Abgeordneten bei ungebührlichem oder wiederholt ordnungswidrigem Verhalten von der Sitzung ausschließen. In einem Kommentar im Kommunalverfassungsgesetz heißt es dazu: „Die Art der Kleidung kann einen Verstoß gegen die Ordnung beinhalten, wenn sie die Grenzen der Moral und des Schicklichen deutlich überschreitet.“ Vorsitzender Broer Wübbena-Mecima machte davon allerdings keinen Gebrauch.
Koch fällt nicht zum ersten Mal derart auf: Auch in Präsenzsitzungen zeigte der Politiker bereits seinen Oberkörper mit offenem Hemd. Auch Streit über die passende Kleidung ist im Landkreis Leer nicht ganz neu. Im Gemeinderat Rhauderfehn gab es vor einigen Jahr eine Auseinandersetzung über das T-Shirt des „Moin“-Politikers Theo Reemts. Das Shirt, auf dem „Moin“ und der Wahlslogan der damals noch neuen Wählergemeinschaft stand, geriet in die Kritik.
K-Frage: Oben ohne?
Diskussionen über die richtige Kleidung gibt es auch immer wieder in Bundes- und Landtagen. Doch „oben ohne“ galt in der Politik weniger für die Entblößung des Oberkörpers, sondern für eine viel kleinere Sache. 2011 knallte es nämlich im Bundestag richtig, weil die Politiker Andrej Hunko (Linke) und Sven-Christian Kindler (Grüne) als Schriftführer im Hohen Haus sich weigerten, eine Krawatte zu tragen.
Als Joschka Fischer in den 1980er-Jahren in den Bundestag einzog, trug er Turnschuhe. Ein Skandal. CSU-Politikerin Dorothee Bär trugt 2015 ein Trikot des FC Bayern München im Parlament. Ein Beispiel, wo gar keine Kleidung im Spiel war, findet sich nur eines. In Kanada präsentierte sich Politiker William Amos seinen Kollegen unfreiwillig nackt. Ein Problem mit der Webcam löste den nicht gewollten Nacktauftritt aus. Er entschuldigte sich im Anschluss dafür.
Würde des Parlaments gewährleistet?
Über jeder dieser Diskussionen steht die Frage: Ist die Würde des Parlaments noch gewährleistet? Politiker von Bundestag bis Ortsrat werden vom Volk gewählt. 2700 Wähler entschieden sich zum Beispiel bei der vergangenen Kreistagswahl ganz bewusst für Koch.
Aber gar keine Kleidung? Koch kommentierte das Fehlen seiner Kleidung nicht, er wedelte lediglich mit einem weißen T-Shirt während der Sitzung. Damit ließ er also Raum für Spekulationen: Ist es eine politische Botschaft? Ist es Provokation? Ist es schon Wahlkampf?
Den Knigge-Test hätte Koch übrigens nicht bestanden. „Kurze Hosen, in welcher Kombination oder Stoffart auch immer, bleiben dem Freizeitvergnügen vorbehalten“, kommentiert der Knigge dazu.