Kolumne: Alles Kultur
Grüne Kleinode
Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Zu Wochenbeginn geht es immer um Kultur.
In der vorigen Woche hat die „Digitale Woche Leer“ stattgefunden und ich durfte dafür ein Video produzieren, das gestreamt wurde. Ich musste erfinderisch werden, da in diesen Zeiten weder Publikum noch Kamerateam parat steht. So habe ich kurzerhand mein Handy geschnappt und mich gefilmt, wie ich durch Berlin laufe, singe und Geschichten aus Ostfriesland erzähle. Ich stand vor dem Brandenburger Tor, Hotel Adlon und Kanzleramt und habe auf Platt und Hochdeutsch, die Menschen in der Heimat an meinen Erinnerungen teilhaben lassen. Es waren 20 Kilometer Stadtführung geschnitten auf 30 Minuten Video: ein Selfie-Comedy-Abend. Während ich neue Schleichwege durch meine Wahlheimat eroberte, lief ich durch eine Kleingartenanlage beim Hauptbahnhof. Nachdem ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, weil mir ein ausgewachsener Fuchs direkt vor die Füße lief, habe ich in die einzelnen Gärten hinein geschaut und gestaunt. Jeder einzelne Garten war ein kleines Paradies - unterschiedliche Welten mit Strandkorb, kleiner Laube und sogar Obstbäumen. Mitten in der Hauptstadt. Es gibt allein in Berlin 67.961 Kleingärten! Der Drang nach einem Fleckchen eingezäunter Natur, das man bewahren und bebauen darf, wie es einem gefällt, scheint in Großstädten stark zu sein. Ihr merkt, ich habe recherchiert. Bundesweit gibt es 850.000 Kleingärten und die Wartelisten auf so ein eigenes Kleinod sind lang. Ich komme aus Wiesmoor, Blüte Ostfrieslands und ausgewiesene Blumenstadt. Doch ich bin eine Schande für meinen Herkunftsort, mein schwarzer Daumen ist bis weit über die Landesgrenzen bekannt. Ich habe weder Garten, Terrasse noch Balkon und vermisse nichts davon. Aber als ich so durch diese Anlage lief, konnte ich nachvollziehen, dass man sich einen Ort der Erholung wünscht, in dem man sich botanisch austoben kann, wenn die Großstadt einem zu schnell und zu groß wird. Und dass man sich in einem Wohnkomplex, in dem man sich nicht nur akustisch das Treppenhaus teilt, einen Ort wünscht, den man mit einem Jägerzaun umzäunen kann. Hier bin ich ich, hier kann ich sein, das ist meins.
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