Gesellschaft

Keine Impfung: Seniorinnen vom Fehn fühlen sich ausgegrenzt

| | 26.10.2021 11:08 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Agnes Nähle-Börjes mit ihrem Hund Lilly, der auch schon ehrenamtlich in der Demenzabteilung des Reilstiftes im Einsatz war. Die 72-jährige Rhauderfehnerin bedauert, dass sie als Ungeimpfte in der Frohen Runde der katholischen Kirche nicht mehr willkommen ist. Foto: Janßen
Agnes Nähle-Börjes mit ihrem Hund Lilly, der auch schon ehrenamtlich in der Demenzabteilung des Reilstiftes im Einsatz war. Die 72-jährige Rhauderfehnerin bedauert, dass sie als Ungeimpfte in der Frohen Runde der katholischen Kirche nicht mehr willkommen ist. Foto: Janßen
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Weil sie nicht gegen Corona geimpft sind, dürfen zwei Fehntjerinnen nicht an der Seniorenrunde teilnehmen. Sie fühlen sich ausgegrenzt und sagen: „Ungeimpft zu sein, ist nicht illegal.“

Rhauderfehn - Gemeinsam Tee trinken, klönen, lachen: Jeden zweiten Mittwoch im Monat haben zwei Fehntjerinnen dazu die Gelegenheit genutzt. In der „frohen Runde“ der katholischen St.-Bonifatius-Gemeinde: Agnes Nähle-Börjes (72) seit mehreren Jahren als ehrenamtliche Helferin, Maria Dannebaum (80) als Besucherin. Doch seit Oktober ist für die beiden damit Schluss. „Der Pastor hat für die Seniorengruppe die 2G-Regelung verkündet“, sagt Nähle-Börjes. Das heißt: Nur noch Geimpfte und Genesene dürfen teilnehmen, Getestete nicht mehr. Und geimpft sind die beiden Frauen nicht.

„Mir persönlich macht das nicht so viel aus. Ich kann mich auch gut zurückziehen, gehe einfach große Runden mit meinem Hund Lilly. Der freut sich“, sagt Nähle-Börjes. „Aber Maria fällt das schon sehr schwer.“ Ihre Bekannte nickt: „Ich würde gerne weiterhin die frohe Runde besuchen.“ Beide Seniorinnen fühlen sich durch die Regelung ausgegrenzt. „Wir betrachten uns selbst als 4G: gesund!“, sagen sie. Zumal beide regelmäßig getestet werden: Die zwei Frauen arbeiten im Reilstift im ehrenamtlichen Besuchsdienst.

Regelmäßig vorm Einsatz getestet

Dort, das bestätigt Reilstift-Vorstand Rainer Helmers, gelte nach der Corona-Verordnung für Ehrenamtler die 3G-Regelung. „Nach meiner Kenntnis sind alle Ehrenamtlichen geimpft. Andernfalls machen wir ein Testangebot vor der Tätigkeit“, so Helmers.

So wie bei Agnes Nähle-Börjes und Maria Dannebaum: Montags und donnerstags gehen sie mit Reilstift-Bewohnern spazieren. „Vorher werden wir kostenlos getestet. Zwei Mal die Woche. Sicherer kann man doch nicht sein“, finden sie.

Weniger Teilnehmer möglich mit 2G

Torsten Brettmann, Pastor der St.-Bonifatius-Gemeinde Westrhauderfehn, kann den Unmut der Frauen verstehen. Allerdings steht er vor dem Problem, dass zahlreiche Senioren an den monatlichen Treffen teilnehmen möchten. Derzeit, so Brettmann, kommen zwischen 40 und 50 Personen zum Teetrinken zusammen. Das sei aber nunmehr nur erlaubt, wenn bei den Treffen auf die 2G-Regelung gesetzt werde, also nur nachweislich Geimpfte und Genesene dabei sind. „Die 3-G-Regelung ist zwar möglich, aber dann dürfen nur sehr viel weniger Menschen zusammen in dem Raum sitzen, weil laut Verordnung größere Abstände eingehalten werden müssen. Es dürften dann auch Getestete teilnehmen, aber insgesamt müsste ich viel mehr Senioren abweisen.“

Viele Gruppen, Restaurants und Veranstalter stehen vor der Wahl: 2G oder 3G? Fällt die Entscheidung zu Lasten der Getesteten, ist der Unmut manches mal groß. Foto: Michael/dpa
Viele Gruppen, Restaurants und Veranstalter stehen vor der Wahl: 2G oder 3G? Fällt die Entscheidung zu Lasten der Getesteten, ist der Unmut manches mal groß. Foto: Michael/dpa

In den Gottesdiensten gelten übrigens weiterhin „nur“ die Hygienemaßnahmen und Dokumentation, um möglichst allen Gemeindemitgliedern die Teilnahme möglich zu machen. So ist es auch in der benachbarten evangelischen Kirche in Langholt: „Wir möchten niemanden vom Gottesdienst ausschließen“, so Pastor Martin Sundermann, der im Kirchenkreis Rhauderfehn auch Superintendent Thomas Kersten vertritt. „Grundsätzlich wird, was die Regelungen zum Beispiel in den kirchlichen Gruppen angeht, vom Kirchenkreis nichts vorgegeben. Die Gemeinden entscheiden so, wie sie es selbst verantworten können.“ Für ihn selbst sei 2G eher nicht das Mittel der Wahl. „Allerdings sind unsere Gruppen auch noch gar nicht wieder richtig gestartet.“

„Man wird schief angeguckt“

Was Agnes Nähle-Börjes und Maria Dannebaum ärgert und kränkt: „Die Impfung ist freiwillig. Trotzdem geben die Menschen einem das Gefühl, wir hätten etwas Illegales oder Schlechtes getan. Wenn man zugibt, dass man nicht geimpft ist, wird man schief angeguckt“, sagt Maria Dannebaum: „Damit tue ich mich sehr schwer.“

Agnes Nähle-Börjes denkt, dass es vielen Menschen so geht: „In Gesprächen im Bekanntenkreis habe ich schon das ein oder andere Mal von Leuten gehört, dass sie auch nicht geimpft sind. Das habe ich aber nur erfahren, weil ich direkt gefragt habe: Die Leute erzählen das nicht gerne freiwillig, weil sie auch Angst haben vor schiefen Blicken.“

Dass die beiden Frauen nicht geimpft seien, liege nicht daran, dass sie etwa Querdenker seien: „Meine Kinder haben alle Impfungen bekommen. Ich bin kein Impfgegner. Aber ich denke, dass die Corona-Impfung zu kurz getestet wurde, sie ist nicht ausgereift“, erklärt Nähle-Börjes. Maria Dannebaum nickt wieder. „Und ich bin auch nicht für so viele Impfungen. Zur Grippe-Impfung bin ich auch seit ewigen Zeiten nicht gegangen. Aber es ist ja eben auch kein Verbrechen, sich mit dem Thema kritisch auseinanderzusetzen.“

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