Region

Aurich

Feines Gespür für die plattdeutsche Sprache

Wenn es um Plattdeutsch geht, ist das Plattdüütskbüro der Ostfriesischen Landschaft die richtige Adresse. Ilse Gerdes (von links), Elke Brückmann, Grietje Kammler und Anita Willers übersetzen Texte und Themen von A bis Z, die auf ihren Schreibtisch flattern. Manches „Rätsel“ lösen sie gemeinsam. Bild: Former/Ostfriesische Landschaft

Bei den Übersetzerinnen des Plattdüütskbüros in Aurich gilt das Prinzip „geiht nich, gifft nich!“. Anfragen kommen von Gastronomen für Speisekarten, aus der Werbung und von Künstlern.

Aurich - Ostfriesland ist ein Zweisprachenland, aber längst nicht jeder im „Tweesprakenland“ spricht fließend Hoch- und Plattdeutsch - geschweige denn bringt es fehlerfrei zu Papier oder in die digitale Welt. Zwar hat sich unter Plattprotern inzwischen herumgesprochen, dass die Ostfriesische Landschaft ein millionenfach angeklicktes plattdeutsches Wörterbuch (Woordenbook) im Internet betreibt, das jeder kostenlos nutzen kann. Doch mitunter sind Begriffe oder Formulierungen tatsächlich so knifflig und kompliziert, dass nur noch guter Rat von den versierten Übersetzerinnen des Plattdüütskbüros im Landschaftshaus hilft.

Ilse Gerdes, Elke Brückmann und Anita Willers haben darin Routine und schon alles Mögliche ins Plattdeutsche übersetzt: Einladungen, Glückwünsche, Grußworte, Ansichtskarten, natürlich Reden und jede Menge Geschichten. Sogar plattdeutsche Baderegeln (Baadregels) hat ihr Übersetzungsfleiß hervorgebracht. Ein Auszug: Bi Grummelweer ist dat Baden levensgefahrelk! (Bei Gewitter ist das Baden lebensgefährlich!).

Auf Speisekarten stehen Gericht auf Platt

Eben ist der Einfallsreichtum der Kolleginnen wieder gefordert: „Volle Pulle auf die Stulle“ heißt der Werbeslogan, den eine Kette eingereicht hat, die nach eigenen Aussagen Lebensmittel liebt. Zuerst müssen die Plattdeutsch-Expertinnen allerdings herausfinden, was der Lebensmittelhändler mit dieser Aussage überhaupt kommunizieren möchte. Stürzen sich etwa alle auf eine Stulle? Doch in diesem Fall ging’s um die Wurst. Kurzerhand texteten sie: „Good wat up ’t Brood!“ Nun sind sie gespannt, ob dem Auftraggeber diese Lesart ebenfalls schmecken wird.

Überhaupt, wenn es um Essen und Trinken geht, möchte auch die Gastronomie vielfach nicht auf die Regionalsprache verzichten. Auf Speisekarten liest sich das dann beispielsweise so: En Spierke vörweg (Vorspeisen), Lüttje mengselt Salat (Kleiner gemischter Salat), Lang Nudels mit Krüdenstipp (Bandnudeln mit Pesto) oder Snippsels van d‘ Höhnerbost (Geschnetzeltes von der Hühnerbrust) un daarna (zum Dessert): Zuckerlaaies (Schokoladeneis) oder Rood Gört mit Vanilljestipp un Slagrohm (Rote Grütze mit Vanillesauce und Schlagsahne).

„Plattdeutsch ist inzwischen ein ausgesprochen beliebter Werbeträger“

„Es braucht mitunter eine gewisse Eingebung“, erzählt Ilse Gerdes. Aber bei uns gilt das Prinzip „geiht nich, gifft nich!“ Das Plattdeutsch-Team arbeitet bei anspruchsvollen Übersetzungen nach einem Sechs-Augen-Prinzip: Eine Kollegin übersetzt, eine liest Korrektur und beim Feinschliff ringen sie gern noch einmal zu dritt um die treffendsten Formulierungen, die das Niederdeutsche hergibt.

„Plattdeutsch ist inzwischen ein ausgesprochen beliebter Werbeträger“, erklärt Elke Brückmann. Sie spricht aus Erfahrung, denn das war nicht immer so. Jahrzehntelang war Platt verpönt oder wurde vielfach abfällig mit Ostfriesenwitzen und Döntjes in einen Topf geworfen. Aber das war gestern. „Heute nutzen immer öfter Firmen Plattdeutsch zu Werbezwecken“, berichtet Ilse Gerdes. Zum einen weisen Unternehmen darauf hin, mit Land und Leuten verbunden zu sein. Gleichzeitig wird den Kunden signalisiert: „Wir sprechen deine Sprache.“

Zugezogene besuchen Kurse

Die Aufgaben

Ziel des Plattdüütskbüros der Ostfriesischen Landschaft ist es, Ostfrieslands Mehrsprachigkeit beizubehalten und zu fördern. Das Plattdüütskbüro versteht sich als Dienstleister.

Zu den Aufgaben gehören Übersetzungen, Sprachberatung in der Schreibweise und Aussprache, Unterstützung bei Plattdeutschprojekten, beispielsweise in Schulen, Kindergärten, Musik, Theater oder Medien.

Außerdem betreibt das Plattdüütskbüro wissenschaftliche Grundlagenforschung und entwickelt Lehrmaterial.

Zurzeit ist die jährliche Aktion „Septembermaant is Plattdüüskmaant“ in Vorbereitung.

Längst ist erkannt worden, dass Sprache eine Region auszeichnet. Viele Zugezogene besuchen Plattdeutsch-Sprachkurse, weil sie sich mit ihrer Wahlheimat identifizieren und sich mit ihren ostfriesischen Nachbarn unterhalten möchten.

Andererseits benötigen hin und wieder auch waschechte Ostfriesen die Kompetenz einer Dolmetscherin aus dem Plattdüütskbüro. Nämlich immer dann, wenn ein Richter der Meinung ist, Angeklagte oder Zeugen vor Gericht können sich besser in ihrer Muttersprache artikulieren.

Kritisch gegenüber neuen Wortschöpfungen

Dass sie auf Plattdeutsch vieles geradeaus, treffend, unverblümt und mit wenigen Worten pointiert ausdrücken können, beschreiben die Übersetzerinnen im Plattdüütskbüro als Salz in der Suppe. „Bregenstörm“ übersetzt das Trio das, was anderswo gern als „Brainstorming“ praktiziert wird. „Zusammen fällt uns immer etwas ein“, begründen die Drei, dass sie mit ihrem Arbeitsstil praktisch keine Formulierungsblockade kennen.

Wenn es partout keine direkte Übersetzung gibt, lassen sich die meisten Begriffe einfach mit anderen Worten umschreiben. Oder sie suchen in Nachschlagewerken: Der zwölfbändige „Buurman“, erst kürzlich aufwendig fürs Internet digitalisiert, steht griffbereit auf dem Schreibtisch. Daneben die nach ihren Autoren Byl/Brückmann und Gernot de Vries bekannt gewordenen Ostfriesischen Wörterbücher, nicht zu vergessen ein niederländisches Pendant. Neuen Wortschöpfungen dagegen steht das Plattdüütskbüro zumindest kritisch gegenüber. „Kiekkast“ für Fernseher oder „Mobieltje“ fürs Handy brauchen wohl noch eine Weile, um sich in der Muttersprache der Ostfriesen zu etablieren.

Unterschiedliche Anfragen machen Arbeit abwechslungsreich

„Uns Regionaalspraak mutt Wind van achtern kriegen!“, beschreibt Leiterin Grietje Kammler das erklärte Ziel des Plattdüütskbüros. Die Anfragen, Themen und Texte unterscheiden sich, das macht die Arbeit so abwechslungsreich. Neulich beispielsweise haben sie ein Lied des Sängers Jonathan Böttcher übersetzt. Der Komponist aus Schleswig-Holstein möchte künftig auf seinen Deutschland-Tourneen auch plattdeutsche Lieder singen. Da lief er mit seinem Anliegen beim Plattdüütskbüro offene Türen ein. Aus „Lass Frieden werden“ wurde in der Plattdeutsch-Version „Laat Free worden“ – übrigens in perfekt gereimter Fassung. Der Künstler war begeistert.

„Wat wi översetten, mutt Hand un Foot hebben“, sind sich die „Mitarbeiderskes“ mit Hinweis auf ihren Anspruch an Qualität einig. Das gilt insbesondere für politische oder wissenschaftliche Beiträge. Sie müssen korrekt, prägnant und unmissverständlich formuliert sein. Das meiste schütteln die Übersetzerinnen aus dem Ärmel. Doch bei aller Routine, es brauchte seine Zeit, um beispielsweise für das Energie-, Bildungs- und Erlebniszentrum (EEZ) folgende Beschreibung auf den Punkt zu bringen: Noch aus der Zeit der Entstehung des Planeten Erde stammt der gewaltige Feuerball aus flüssigem Gestein, der unter uns brodelt. Der Ostfriese sagt: „Noch ut de Tied, as de Planet Eer entstahn is, stammt de baldadig groot Füürball ut lobberg smulten Stenen, de unner uns blubbert.“

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